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Das christliche Österreich und der Norden

Der Blick des Nordens ist nach dem Westen gerichtet: nach Amerika, England und Frankreich. Die skandinavischen Länder kommen als Stammverwandte, die Schweiz, Italien als Reiseländer an nächster Stelle, und erst zwischen der Abgelegenheit Spaniens oder des Balkans erhält Österreich seinen Platz. Das bedeutet freilich nicht, daß zu ihm nicht ein intimeres Verhältnis bestünde als zu manchem der erwähnten Länder. Schweden liebt Österreich. Es hat seit dem ersten Weltkrieg immer wieder helfend eingegriffen und ist ihm dadurch wie der Wohltäter seinem Schützling menschlich nähergerückt.

Freilich darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß Österreich, das einst die Monarchie der Habsburger gewesen ist, noch immer nicht verstanden wird. Zu sehr und zu lange hat die preußische Geschichtsschreibung die Vorstellungen beirrt. Der Gebildete hat vielleicht die Festspiele in Salzburg, die Ausstellungen in Wien besucht, und wenn es in Schweden etwas österreichisches gibt, so wird er gern daran teilnehmen. Der Begriff Österreich deckt sich oft mit seinem Begriff von Musik oder Geistesreichtum. Aber er wird es ablehnen, mit diesen Genüssen etwas anderes zu verbinden als einen bestimmten Ausdruck von Kultur. Die Musik der Messen, die er gar nicht so selten im eigenen Rundfunk zu hören Gelegenheit hat, erscheint ihm als Kunstwerk, wo ein religiöser Stoff ebenso bewältigt ist wie sonst ein profaner. Daß Haydn, als er die „Schöpfung“ komponierte, immer wieder zum Rosenkranz fliehen mußte, um die Inspiration am Leben zu erhalten, wird der Nordländer als eine der kindlichen oder neurotischen Schwächen des Genies gelten lassen, nicht aber als ein wirklich diese Kunst bedingendes Element, das in unabsehbare religiöse Tradition hineinreicht. Es kommt eine Sympathie des Nordens für das Heitere, Liebenswürdige, Leichte von Österreichs Art und Landschaft hinzu, die durch das Tragische seines historischen Schicksals nur verstärkt wird. Wenn es sich um nationale Fehler handelt, so wird man viel eher Nachsicht üben. Man verzeiht Österreich gern, weil man ihm eine innere Auflockerung, ja im Grunde etwas Gemüthaftes verdankt, wonach man sich heimlich sehnt.

Aber außerhalb dieser Freundschaft, gibt es da ein tieferes Eingehen auf diese Kultur? Würde es etwa den schwedischen Kunstfreunden einfallen, sie als etwas aufzufassen, das eine geistliche Grundlage zur Voraussetzung hat? Hat man sich jemals darüber Gedanken gemacht, daß es unter dieser Kultur ein christliches Österreich gibt, ohne welches sie auf ein trockenes Minimum zusammenschmelzen würde?

Das christliche Österreich ist in der Tat in Schweden noch nicht entdeckt worden und hat es auch recht schwer, entdeckt zu werden. Der vielleicht gewichtigste ©rund hiefür scheint mir der noch immer unbewußt wirkende Einfluß der historischen Erinnerung. Schwedens Rolle nach der Reformation war es ja, der unerbittliche Vernichter katholischen Lebens auf dem Kontinent zu sein. Die Soldateska des Generals Torsten- sohn verheerte 1645 Niederösterreich mit einer Furchtbarkeit, die an die Taten der Wikinger erinnert. Die Bauern verkrochen sich in Erdställe, wenn sie diese Männer heranreiten sahen. Wien verdankt es nur der Breite der Donau, daß es damals nicht zu einer Belagerung kam, die vielleicht schlimmer hätte ausgehen können als die türkische einige Jahrzehnte später. Noch heute kennt man in Niederösterreich ein Lied, dessen Ende lautet: „Kinderl, Kinderl bet, Morgen kirnt der Schwed.“

Die Siege, denen Millionen aus der katholischen Bevölkerung Deutschlands und Österreichs zum Opfer fielen, sind die Wurzel von Schwedens Großmacht und Kulturmacht geworden. Viele Museums- und Bibliotheksschätze stammen aus den Beuten dieser Zeit. Und da sich das Nationalgefühl immer an erfolgreiche Perioden kettet, so darf es nicht wundern, daß es mit einer fast unausrottbaren Aversion gegen die katholische Kirche verbunden geblieben ist. Wie sollte also der Norden trotz aller Sympathie für Österreich und dessen Kultur einen offenen Blick für den geistlichen Fonds haben, der eben dieser Kultur zugrunde liegt? Daß es sich dabei oft um voreilig übernommene Urteile handelt, will man nicht wahrhaben. Es war lehrreich, während der großen Ausstellung österreichischer Kunst, die 1948 im Nationalmuseum Stockholms stattfand, eine erste Lockerung der unwilligen Kritik zu beobachten, womit man gewöhnlich den Habsburgern begegnet. Die Kulturmacht, die aus einer solchen jahrhundertealten Sammlung sprach und alles überstrahlte, was sich bis dahin innerhalb der eigenen Mauern gezeigt hatte, war unbestreitbar. Aber bald konnte man bemerken, daß ein Rückschlag gegen diese Begeisterung einsetzte. Die Zeitungen tischten alte Skandalgeschichten von weltlichen und geistlichen Herren auf, die mit den Gemälden oder Schmuckgegenständen in Verbindung gestanden waren. Ein Teil des schwedischen Witzes unterhält ja immer gern mit Anekdoten von Mönchen, Prälaten, Nonnen seine Leser, wo geistliche Tracht und Würde mit schlauen. Instinkten für Genuß, Geschäft, Politik gezeigt werden.

Ein anderes Moment ist, daß sich das moderne katholische Österreich dem Norden selber noch nicht zur Kenntnis gebracht hat und also etwas für den Kunst- und Literaturkenner nicht Existierendes darstellt. Adalbert Stifter ist kaum übersetzt worden, Hermann Bahr, Enrica von Handel-Mazzetti, Joseph August Lux sind unbekannte Personen. Man kennt natürlich Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler, Werfel, Zweig; in letzter Zeit ist Georg Trakl geradezu zum Dichter der jüngsten Generation von Lyrikern aufgestiegen. Aber bei den erwähnten Dichtern und Schriftstellern findet man Kulturelemente, die man benötigt: glanzvolle Form, Überlegenheit des Geistes oder auch den Ausdruck der modernen Verzweiflung. Mit der christlichen Welt hat dies nicht unmittelbar zu tun.

Es kommt hinzu, daß ein österreichischer Schriftsteller von so großen Möglichkeiten einer internationalen Verbreitung wie Stefan Zweig niemals das christliche Österreich entdeckt hat und also auch dem Ausland keinen Begriff davon geben konnte. Er hat zwanzig Jahre lang in Salzburg gelebt, und die Stadt bedeutete ihm doch nur, wie er selbst in „Der Welt von gestern“ bekennt, einen — „Abstoßpunkt nach Europa". Die Zahl der Eisenbahnstunden nach München, Wien, Berlin, Venedig war ihm vielmals wichtiger als die Stadt selbst, die doch gerade während seines Aufenthalts — zwischen den beiden Weltkriegen — eine neue geistliche Blüte erlebte.

Der Dichter Anton Wildgans, der als Burgtheaterdirektor eine repräsentierende Rede für Österreichs Schriftsteller in Stockholm hätte halten sollen — er erkrankte und die Rede müße in seiner Abwesenheit vorgelesen werden —, hat damals in erlesenen Worten seine Heimat gepriesen, aber kein Wort für das christliche Österreich gefunden, um es Schweden und dem übrigen Ausland vorzustellen. Und er hätte es doch, wie allein sein Gedicht „Kirbisch“ beweist, wohl tuen können.

Trotz dieses beinahe hoffnungslosen Zustandes hat sich gerade in letzter Zeit das Merkwürdige ereignet, daß der gesamte Norden voller Erwartung auf das katholische Österreich blickte. Es war während der Wahlen 1945. Der Sieg der Katholiken wurde damals mit ähnlicher Spannung und Befriedigung verfolgt wie später die analogen Ereignisse in Italien, Frankreich, Belgien, Bayern und schließlich wieder in Österreich 1949. So schienen die „kulturradikalen“ Blätter, die sich so gern atheistisch-modern gebärden und ihren Bedarf nach täglichem Witz so gern aus ihrem unerschöpflichen antikatholischen Vorrat holen, in ihrem politischen Teil nicht zu wissen, was sie im allgemeinen Teil druckten.

Freilich begnügte man sich mit dieser freudigen Feststellung. Man ging nicht weiter und untersuchte, w i e eigentlich dieses Ergebnis hatte zustande kommen können, daß ein so kleines Land wie Österreich nach zwei Weltkriegen und fast nicht minder schwer prüfenden Nachkriegszeiten dem drohenden Radikalismus nicht verfallen war. Man hätte fragen müssen, ob dies nur ein Ausdruck von Politik, Taktik, Parteiinteresse oder auch Folge einer weltanschaulichen Haltung war. Hätte man in Schweden eine Vorstellung von der katholischen Wiedergeburt in Österreich, die seit 1945 im Gange ist, so hätte man leicht das Dasein eines neuen christlichen Ernstes entdecken können, der mit dem anderer Länder. sichtbar kommuniziert.

Aber ein solcher Gedankengang liegt Schweden fern. Staatskirche und Sekten spüren oft in der Haltung der modernen Katholiken eher eine Gefahr als eine Stärkung, und von liberaler Seite wird trotz einer gewissen Toleranz immer wieder davor gewarnt, als vor einer die persönliche Freiheit bedrohenden geistigen Diktatur. .

Freilich beraubt sich Schweden damit selbst eines Verbündeten, auf den es noch sehr ankommen kann. Alle Zeichen deuten ja darauf hin, daß Europa am Ende eines „Destillationsprozesses“ steht, der es auf eine neue Christenheit abgesehen hat. Die Länder und Völker werden entweder christlich sein oder sie werden nicht sein. Daß diese Frage auch in Schweden als eine drängende gespürt wird, zeigt das Überhandnehmen des religiösen Gesprächs in der Presse und innerhalb der studentischen Jugend. Zum erstenmal geschieht es ja, daß Begriffe der christlichen Theologie, die man noch vor zehn Jahren als das Unnützeste von der Welt angesehen hat, in den Kulturspalten von Tageszeitungen ausführlich abgehandelt werden. Noch nie ist so viel über die Unsterblichkeit der Seele, über die Unvereinbarkeit oder Vereinbarkeit von Allmacht und Güte Gottes, über die Auferstehung geschrieben oder in Vorträgen gesprochen worden. Die Studenten erklären sich oft — aus Opposition zur früheren Generation oder als letzte Folge der Gleichgültigkeit ihrer Eltern — für atheistisch, antichristlich, indifferent, sie haben also deutlich eine abgegrenzte Scheidung, gleichsam den Zustand des „Niederschlags“, erreicht, auf den es jeder Destilla- tionsprozeß abgesehen hat, der die Mischungen scheidet und im Gewinn des reinsten Produkts seinen Sinn findet. Das bedeutet eine Verschärfung der religiösen Frage in der Zukunft und einen heftigeren Kampf um Annahme oder Verwerfung der christlichen Wahrheiten als bisher. Die tiefer Denkenden wissen um das Entscheidende eines solchen Prozesses. Wenn einmal ein Schriftsteller wie Harry Blomberg bei einer öffentlichen katholisch-protestantischen Diskussion in Upsala ausrufen konnte: „C brieten aller bänder, vereinigt euch!" — so gilt diese Mahnung noch stärker für den Augenblick.

Schon aus diesem Grund wäre ein Inter- esse für das katholische Schrifttum Österreichs in Schweden gegeben. Aber es ist fast schmerzlich, festzustellen, wie hier jeder Ansatz fehlt. Warum kennt man nicht einmal die Namen von christlichen Denkern wie Ferdinand Ebner (von dem an keiner der großen Bibliotheken auch nur ein einziges Buch zu finden ist), Theodor Haecker, Alois Mager, Hugo Rahner, Michael Pfliegler? Sie existieren nicht für den Norden, obzwar etwa der zuerst Genannte wie geschaffen für dessen Krise wäre. Man könnte vieles bei ihm finden, das die Überwindung der „Icheinsamkeit“ betrifft. Ich erinnere an August Zechmeisters Hinweis auf die Bedeutung Ebners für den protestantischen Norden („Die Schildgenossen 1937“). In Österreich sind die Folgen des Liberalismus schon längst durchschaut und trotz eigenener Beschränkung und äußerem Mißverstehen bekämpft und durch Möglichkeiten der Heilung ersetzt worden. Viele schwedische Studenten, deren schönste Eigenschaft eine unbedingte Ehrlichkeit ist, möchten sich oft gern der Zwangsjacke entledigen, die sie mit dem Mechanismus der „gedanklichen Konsequenz" in einem plumpen Atheismus festhält. Aber sie Vermögen es nicht. Flier hätte modernes österreichisches Christentum eine bedeutungsvolle Rolle, um so mehr als diese Erfahrungen im Elend von Katastrophen gemacht wurden.

Und doch wirkt schon die religiöse Atmosphäre Österreichs inspirierend auf den Norden. Ein Repräsentant des heutigen Schweden, der Rektor der Volkshochschule Brunnsvik, Dr. Alf Ahlberg, der wegen eines Lungenleidens in jungen Jahren das damals noch österreichische Südtirol aufsuchen mußte und dabei zum erstenmal die katholische Volksfrömmigkeit kennenlernte, schreibt in „Minnen och Medita- tioner“ 1942 folgendes über die Wandlung, die er dabei erfahren hat:

„Der im protestantischen Land Geborene und Aufgewachsene steht der katholischen Volksfrömmigkeit sehr fremd gegenüber, die üppig in diesen Bergdörfern blüht, und seine Verwunderung verwandelt sich nicht selten in Aversion und Ironie. Im Anfang scheint alles, was er hört und sieht, vollständig die Vorurteile gegen den Katholizismus zu bekräftigen, den er seit der Kindheit eingesogen hat. Sogar von rein ästhetischen Gesichtspunkten aus gibt es vieles, was abstoßend auf ihn wirkt. Papierblumen und Krimskrams aller Art verderben die kleinen Landkirchen, und auf den Gräbern liegen billige Perlenkränze von deutschem Fabrikat. Diese ganze Volksfrömmigkeit schien mir von einem allzusehr nach außen gerichteten und mechanischen Charakter zu sein. Hat man aber eine Zeitlang versucht, sich in diese Welt einzuleben, beschließt man, so vorurteilsfrei, wie es für einen modernen Menschen möglich ist, sich ihr zu nähern, wird diese Haltung schnell eine andere. Man beginnt zu verstehen. Diese Welt imponiert, und schließlich ist man zutiefst ergriffen von ihr. Du kannst diese Bauernreligion primitiv nennen — ein aufgeklärter Katholik wird dir in diesem Fall gewiß nicht widersprechen. Er wird dir aber vielleicht antworten, daß die katholische Kirche, die gewiß vom menschlichen Seelenleben mehr versteht als alle Psychoanalytiker zusammengenommen, mit einer unausrottbaren primitiven Schicht der menschlichen Seele rechnet. Haben wir es nicht gerade in diesen Tagen erlebt (1942), wie nahe eine solche Schicht der Außen-

sdiidit der höheren Kultur liegt, unter welcher sie sich zeitweise auch verbirgt? Der Katholizismus hat einen realen Blick für den Menschen. Er versucht das Primitive nicht fortzulügen, sondern es zu taufen, möchte ich sagen. Du kannst diese Religiosität natürlich „primitiv" nennen, aber nicht „ungeistig" wie die profanen Ideologien, womit man sie teilweise ersetzt hat. Es ist eine Großtat der katholischen Kirche, daß sie das Primitive vergeistigt hat..."

Schon aus dieser schwedischen Apologie der katholischen Volksfrömmigkeit ergibt sich, wie wertvoll ein stärkerer Kontakt zwischen dem christlichen Österreich und dem Norden wäre. Die ökumenischen Versuche, die auf Erzbischof Söderblom zurück gehen, und das starke Bedürfnis nach Reisen von Seiten des Nordens hätten hier ihre gegebenen Rollen. Vielleicht können diese Zeilen dazu anregen, zu einer persönlichen Fühlung des Nordens mit dem geistigen Wesen Österreichs an den Pflegestätten christlichen Geistes, wie den Stiften Klosterneuburg, Melk, St. Florian und Seckau die Gelegenheit zu geben. Man lasse den Skandinavier von selbst die christliche Seele Österreichs erspüren. Noch immer hat Österreich der Welt viel zu schenken. Es würde sich ein Verstehen ergeben, das freilich abweichen würde von dem oft beim bloßen Wort „Demokratie“ oder „Kultur“ stehenbleibenden Hinweis, aber Aussicht hätte, für beide Teile ein Gewinn zu sein.

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