Das Ich: eine ewige Baustelle

Anselm Glücks Roman "Die Maske hinter dem Gesicht" ist ein beeindruckendes Prosageflecht, seine Lektüre kein einfaches, aber ein sehr lohnendes Leseerlebnis.

In Anselm Glücks Bildern sind lauter Ichs zu sehen, also Masken. Keck und pfiffig, manchmal schwarz verdüstert nächtig, und oft verstört und haltlos schwebend, aber auch weltoffen und mit einem weiten Horizont unter sich. Sie können mit der erde fliegen (1994), aber sie zahlen dafür, so leicht kann Glück sie gar nicht hinstricheln, dass man das nicht sähe. Zum Teil sind die Köpfe wie vernäht, damit sie nicht aus dem Bildgewebe fallen.

So ähnlich funktioniert auch Glücks Prosa, die immer schon auf der Jagd nach der Maske hinter dem Gesicht war, zumal seinem eigenen. Das Prosageflecht seines umfangreichen neuen Romans hat etwas Anarchisches und wuchert wild vor sich hin. Der rote Faden wenn man so will - bei Glück tendiert er ja immer zum Schrillbunten -, ist der einjährige Aufenthalt als Stadtschreiber in Graz, aber auch daraus ergibt sich nur Episodisches. Glücks Schreiben ist "ein Wähnen, das eine Grafitspur hinterläßt"; das Konstanteste, das sich letztlich ebenso hartnäckig dem Schreibzugriff entzieht, ist das wie eine russische Puppe in immer neue Abspaltungen zerschellte Ich, "eine ewige Baustelle".

Multidimensional

Wer sich dem nicht aussetzen will, soll "lieber Köhlhofer" lesen, "oder wie das Zeug heißt", "weil das paßt ja auch besser zu euch da draußen und zu eurer faden Auffassung, lustlos und naseweis". Fad ist bei Glück jedenfalls nichts, alle Bilder sind wie schräg angeschnitten, kippen und verlieren sich im Endlosen. Daraus baut er geschichtete Kosmogenien, die so beunruhigend multidimensional und unaufgelöst bleiben wie ein Bild von M. C. Escher, aufgehängt in der Bibliothek von Borges. "Mitten im Schrecken öffnet sich ein Ausweg, in dem aber schon wieder der Schrecken klafft, und so dahin, nach allen Seiten."

Wie es sich für einen Grenzgänger zwischen den Künsten gehört, sind alle Grenzen in diesem Erzählen immer und in alle Richtungen durchlässig - zwischen den Städten (Graz, Wien, Linz), den Zeitschichten, zwischen Realität, Traum und Wunschprojektion, zwischen drinnen und draußen, aber auch zwischen den Sonnensystemen. Sogar die Tür zur Parallelwelt der Geister scheint einen Spalt geöffnet.

Schreibknecht Gottes

Der Autor, ein "Schreibknecht Gottes", macht sich über alles Gedanken, probiert Rollen wie Häute oder Anzüge aus und benutzt seine Romanfiguren als Spielkegel; sie können wie Wasser ihre emotionalen Aggregatzustände mühelos wechseln. Wenn der Autor ihrer müde wird, entsorgt er sie gnadenlos in die Irrenanstalt oder sonst wohin; oft ist das nur ein Zwischenlager, bei Bedarf holt er sie wieder hervor, korrigiert ihre Schicksalswege und schon geht's weiter.

"Nur keine Geschichten erfinden", ist Glücks Motto, und deshalb lässt er sie nur so weit zu, als er an ihnen seine Denk- und Bildkapriolen festmachen kann. Zugetragen werden sie ihm in einem Zustand von "bedeckter Aufmerksamkeit" aus einem anderen, fremden Sichtfeld. "Ich könnte behaupten, halblinks tut sich im Blickfeld eine kleine Blase auf … und für ein paar Zehntelsekunden, scheint mir, entdecke ich dort etwas".

Mit diesem Luft-Blick auf etwas Paralleles, im Normalzustand Zugangsresistentes, arbeitet sich Glück ab am "Wortschotter" wie an den Unfreundlichkeiten des Zeitgeistes, am Fangenspiel der Geschlechter ebenso wie an der prekären Situation der Autorfigur, und immer wieder an seiner eigenen Herkunft. Etwa nach der Hälfte des Buches verlieren sich die Spielfiguren allmählich im Text und das Erzähl-Ich, das biografisch in einem Nahverhältnis zum Autor steht, bleibt "in Einzelbehandlung" zurück. Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Linz werden eingespielt, jetzt, wo wir uns "schön langsam zum Endspurt" bereit machen.

Dass ihm ein "gehobenes Startnummern Glück" versagt war, kompensiert Glück mit Fantasie und Farbe. Doch verrät er auch eine Art persönlichen lebenstherapeutischen Tipp, der aus dem Dreischritt Schlichten - Umladen - Türmen besteht. Die zugehörigen Handlungsanweisungen sind strategisch geschickt über das Buch verteilt, müssen also erlesen werden.

Das ist nicht immer ein ganz leichtes Unterfangen, die Fähigkeit, mit fehlenden oder massiv gedoppelten Böden umzugehen, ist mit der Rückkehr zu unterhaltsamen Erzähloberflächen etwas ins Abseits geraten. Doch der Autor baut in den 29 Kapiteln mit immer neuen Auftakten selbst Ruhepunkte ein, die dem Leser die Möglichkeit zum Neueinstieg bieten.

Poetische Kraft

Die Lektüre macht auch bewusst, weshalb viele der aktuellen Versuche mit "experimentelleren" Schreibgesten eher blass wirken: Formale Mittel wie aufgebrochene Grammatik oder getilgte Verben alleine sind es nicht. Das Entscheidende ist doch die poetische Kraft, die dahinter steckt, und über die gebietet Anselm Glück in großem Maß. Deshalb ist Die Maske hinter dem Gesicht zwar nicht unbedingt ein einfaches, aber ein absolut lohnendes Leseerlebnis: "Zumindest hier ist zumindest die Welt zumindest im Moment schön."

Die Maske hinter dem Gesicht

Roman von Anselm Glück

Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2007

348 Seiten, geb., € 25,-

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