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Digital In Arbeit

Das Internet wird ein Geschaft

Das Internet, so wie wir es heu-te kennen, wird wahrschein-lich nicht mehr lange existie-ren. Besonders bei Internet-Vetera-nen, die darin nicht nur eine Kom-munikationstechnologie, sondern auch die konkrete Utopie vom freien Flufi aller Informationen fur alle Menschen sehen, lost diese Entwick-lung bittere Gefuhle aus.

Ihre Situation erinnert an das Schicksal jener Hippies, die in den sechziger Jahren in schwierigen Ent-deckungsreisen die einsamen Stran-de Griechenlands entdeckt haben, um dort in sanfter Symbiose mit den Einheimischen Sammlung und Starke zu finden. Nachdem sie jahrelang in der Heimat das Loblied auf die Schbnheit dieses Landes gesungen haben, miissen sie eines Tages hilflos zuschauen, wie sich aus klimatisier-ten Neckermann-Bussen ein unend-licher Strom von lauten und riick-sichtslosen Touristen iiber eben jene Strande ergieBt, wie uberall Fritten-buden aus dem Boden schieBen und die Souflaki-Preise explodieren. Zwar gibt es jetzt Zimmer mit flieBendem Wasser, in der Trafik umdie Ecke kann man die „Bild-Zeitung" kaufen, auch hat sich der Wohlstand der Einheimischen geho-ben, aber das Ambiente ist banal und reizlos geworden.

Lange Zeit gait das Internet zwar als leistungsfahig und kostengunstig, aber auch als unubersichtlich und sperrig anzuwenden. Um seine Mbg-lichkeiten zu nutzen, waren fundier-te EDV-Kenntnisse nbtig, man muB-te eine Vielzahl von Programmen beherrschen, die Benutzerober-flachen waren abstrakt und unbe-quem. Becherchen iiber Internet waren meist langwierig und - besonders wenn man iiber Modem und Telefon unterwegs war - teuer.

Dieser Zustand hat sich innerhalb kurzer Zeit radikal geandert. Durch die Verbreitung von WorldWide-Web, einer stark grafisch orientier-ten Informationsumgebung, hat sich fur das Internet eine Benutzerober-

flache etabliert, die gleichermafien anschaulich und einfach zu bedienen ist. Jene Programme, die dem Be-nutzer den Zugang zum World Wi-deWeb (WWW) ermoglichen, sind inzwischen in der Lage, auch andere Funktionen des Internet, wie etwa e-mail (verschicken und empfangen von elektronischen Briefen) oder FTP (kopieren von Daten) auf einer einzigen Benutzeroberflache zu inte-grieren: Der Anwender spurt immer weniger von der Technologie, auf der das System lauft. Inzwischen wird auch das beriichtigte Informa-tionschaos, das im Internet herrscht, von leistungsfahigen Suchprogram-men gemildert - Recherchen iiber Internet sind ein effizientes Instrument geworden.

Respektierung des geistigen Eigentums

Die vereinfachte Bedienung und das groBe Informationsangebot haben aus dem Internet ein modisches Freizeitvergnugen gemacht. Es gilt als chic, von WWW-Seite zu WWW-Seite zu blattern und Webadressen zu exotischen Themen zu sammeln. Viele Anwender veroffentlichen eige-ne Web-Seiten und las-sen sich ihre e-mail und WWW-Adressen auf die Visitenkarten drucken.

Die meisten Dienste, die im Internet existie-ren, sind gratis verfug-bar. Zum Teil werden sie von durchaus gewinnorientierten In-stitutionen, wie etwa Computerherstellern, Zeitungsverla-gen, Softwarehausern zur Verfiigung gestellt.

Es ist nicht nur Menschenfreund-lichkeit, die diese Firmen zu solcher Grofiziigigkeit verfuhrt, vielmehr geht es um Marktprasenz und Marktanteile: Eine Firma, die sich rechtzeitig im Internet etabliert, kann auf Gewinne hoffen, wenn das groBe Geschaft beginnt.

DaB dieses Geschaft mit dem Internet in Gang kommt, zeigt der Er-folg, mit dem sich der Versandhan-del bereits im WWW etabliert hat: Ein Produkt wird per WWW mit Beschreibung, Abbildung und Preis

angeboten: Man bestellt, gibt seine Kreditkartennummer ein, die Ware wird per Post zugestellt - fertig.

Fur die Bediirfnisse des Versand-handels sind die bestehenden Mbg-lichkeiten des Internet ausreichend. Was aber geschieht mit nicht-mate-riellen Giitern, mit Informationen, Know-how? Hier ist die Situation anders gelagert.

Ein Beispiel: An der Universitat Graz gibt es ein juristisches Institut, das einen digitalisierten Datenbe-stand von 16.000, in einer Daten -bank katalogisierten Bildern zur Rechtsgeschichte besitzt, der in fast 20jahriger Arbeit angesammelt wor-den ist. Diesen Daten- und Bildbe-stand iiber Internet zuganglich zu machen, wiirde, da die Daten schon strukturiert und EDV-gerecht aufbe-reitet vorliegen, nur etwa zwei bis drei Wochen Arbeit verursachen -die WWW-Seite, die so entstehen wiirde, ware ein wertvolles wissen-schaftliches und didaktisches Instrument. Der Institutsvorstand weigert sich aber diesen Schritt zu tun, da das Internet de facto ein rechtsfreier Raum ist, in dem sich Urheber- und Verwer-tungsrechte nicht durch -setzen lassen.

Im Internet existiert kaum Respekt fur das geistige Eigentum ande-rer: Ohne zu differenzie-ren wird urheberrechts-freie Information genau-so genutzt und weiterver-teilt, wie raubkopierte Software, Bild-, Text-, Ton- und Video-Daten und dies ohne jedes Un-rechtsbewuBtsein. Dieser Zustand hat mit dem Charakter des Mediums selbst zu tun, seiner Omni-prasenz und Durchlassigkeit und der weitgehenden Anonymitat, unter der man an diesem System teil-nimmt. Ein Bild oder einen Text aus einer fremden auf seine eigene WWW-Seite zu kopieren, ist eine Angelegenheit von wenigen Sekun-den. Auf diese Art sind Millionen von WWW-Seiten entstanden, voll mit urheberrechtlich geschiitztem Material, ohne Mbglichkeiten fur die Inhaber der Copyrights, ihre An-spriiche wahrzunehmen. Wenn das Internet, das sich zu einer hochverdichteten aber anarchisti-

schen Kommunikationssphare ent-wickelt hat, zu einem seriosen Marktplatz verwandelt werden soil, muB es auch zu einem rechtsver-bindlichen Raum werden. Das be-deutet Standardisierung und Kon-trolle der Datenfltisse, so wie dies bei etlichen kommerziell betriebenen Netzwerken abseits des Internets schon verwirklicht ist.

Vieles wird man bezahlen miissen

Welche okonomischen Perspektiven ein solcherart bereinigtes Netz hat, demonstriert die britische Nachrich-tenagentur Reuters mit ihrem globa-len Netzwerk, das Banken, Brokern, Firmen aber auch Privatpersonen weltweite Geschaftstransaktionen ermbglicht: Je nachdem, welcher der etwa vierzig Reuters-Online-Dienste gebucht wird, kann der Kunde mit seinem „Reuters-Terminal" im De-visen- oder Optionenhandel, im 01-oder Commodities-Geschaft mitmi-schen. Es gibt Reuters-Applikatio-nen, mit denen zum Beispiel das weltweit giinstigste Angebot fur eine bestimmte Aktie eruiert werden kann. Wenn dieses Angebot den Vorstellungen entspricht, erfolgt Kauf oder Verkauf in Echtzeit (und Reuters lukriert automatisch eine Vermittlungsprovision).

Es existieren etliche Konzepte, die das Internet als Riickgrat fur Infor-

mationen und Transaktionen dieser Sensibilitat und Giite vorsehen, die die Verwertung von Information in geordnete Bahnen lenken und ver-bindliche Copyright-Standards durchsetzen wollen. Bis die technolo-gischen und politischen Randbedin-gungen dafiir geschaffen sind, werden sich, denke ich, innerhalb des Internet immer mehr autarke Netz-werkstrukturen bilden, kommerziell orientiert, iibersichtlich, mit geregel-tem Zugang und geregelter Nut-zung, ahnlich den schon existieren-den Netzen von Compuserve, AOL oder AppleLink, erreichbar und un-tereinander locker verbunden iiber Internet.

Die anstehenden Veranderungen werden sukzessive und verschliffen erfolgen, vergleichbar vielleicht dem Tempo, den die Durchsetzung eines neuen Videokassetten- oder Fernseh-standards benotigt. Sicher werden nach wie vor Freiraume existieren, die technischen Mbglichkeiten werden ebenso sensationell wachsen wie der Benutzerkreis und der Bedie-nungskomfort. Aber vieles von dem, was jetzt noch nichts kostet, wird nicht mehr umsonst sein und man-ches davon wird sich nicht mehr je-dermann leisten konnen. Der Autor

betreibt ein Atelier fiir digitate Medi-en in Graz und hat einschlagige Lehr-auftrage an der Technischen Universitat Graz und der Hochschule fiir An-gewandte Kunst in IVien.

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