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Das Klima wandelt auch Literatur

"Oft sind in den Climate Fiction-Erzählungen der jüngsten Zeit die Ressourcen am Ende, nicht nur das Öl, auch das Wasser, und wo kein Wasser mehr zu verteilen ist, da gibt es auch keine Zivilisation."

In den deutschsprachigen Romanen dieser Tage kommt ein Thema immer mehr zur Sprache, das ist der Klimawandel. In den anglophonen Ländern gibt es dafür schon einen Begriff: Climate fiction oder auch Climate Change Fiction (CliFi). Das ist allerdings ein Befund der ökokritischen Literaturwissenschaften, die es in ihrer interdisziplinären Vielfalt selbst zu einem neuen Label bringen, Environmental Humanities, also etwa Umwelt-Kulturwissenschaften.

Der Buchhandel hierzulande ist eher zögerlich, es gibt keine Regale mit dem Genre CliFi und auch in den Programmheften der Verlage gibt es die Sparte CliFi nicht. Es wirkt sogar schon forsch, wenn "Die Geschichte des Wassers"(btb 2018), der zweite Roman der norwegischen Autorin Maja Lunde, vom Verlag als Teil eines "Klimaquartetts" bezeichnet wird. Teil eins ist die sehr erfolgreiche "Geschichte der Bienen", das bestverkaufte Buch 2017 -da kann man schon einmal etwas wagen. Das Thema Klimawandel ist da, aber es läuft undercover, und es ist auch wirklich die Frage: Was hat die schöne Literatur zu diesem unfassbaren Prozess überhaupt zu sagen?

Ohne Wasser keine Ordnung

Sie hat viel zu sagen und sie überführt in der Tat die abstrakten Fakten und Fiktionen des Klimawandels in anschauliche Erzählungen und Romane. Diese allerdings gehen sehr verschiedene Wege und geraten insbesondere bei den jüngeren Autoren schnell an die Grenzen der Hoffnung. Oft sind in den CliFi-Erzählungen der jüngsten Zeit die Ressourcen am Ende, nicht nur das Öl, auch das Wasser, und wo kein Wasser mehr zu verteilen ist, da gibt es auch keine Zivilisation, sprich staatliche Ordnungsmacht. Das führt zu Krieg, wie im CliFi-Politroman von Omar El Akkad "American War"(S. Fischer 2017), eine böse Satire auf die herrschenden Zustände. Es fängt sarkastisch an, denn endlich, im Jahr 2076, haben sich die USA zu einer Klimapolitik entschlossen. Der CO2-Ausstoß muss sofort auf Null, Verbrennungsmotoren werden verboten, aber die Südstaaten machen nicht mit. Sie brechen einen Bürgerkrieg vom Zaun, der in grausamen Details geschildert wird. Außer Kontrolle geratene Drohnen, die mit ihren Sonnenkollektoren ewig fliegen können, bedrohen die Menschen, solar angetriebene Schmugglerboote und Kriegsgefährte sind der ironische Kommentar auf vielleicht allzu naive Sonnenkulte. Aber der zentrale Plot ist die Geschichte von einem afroamerikanischen Flüchtlingsmädchen, das von der jetzt herrschenden afrikanisch-arabischen Globalmacht zur Terroristin ausgebildet wird. Die Herrscher aus Übersee wollen strategisch destabilisieren und ganz offensichtlich hat der als Umwelt-und Kriegs-Journalist erfahrene Romandebütant El Akkad die reale Szenerie des Nahen Ostens auf die fiktionale amerikanische Zukunft projiziert.

Klimahelden in der Petrokultur

Dies ist im kritischen Kontext einer neuen CliFi-Poetik besonders bedeutsam. Die von den Amerikanern im Nahen Osten mitverursachten Bürgerkriegsverhältnisse und das politische Chaos sind ein Ergebnis der sogenannten Petrokultur (Petrol, Erdöl), um die es immer geht, wenn Climate Fiction unsere Welt beschreibt. In den Kursen der genannten Environmental Humanities wird der industrielle Kohlenstoff-Komplex zum Universalgegenstand der Kritik, jede literarische Analyse bezieht sich auch darauf, ähnlich wie sich manche Autoren bereits grundsätzlich auf den Klimawandel beziehen. Und etliche dieser Autoren erheben eine eher undramatische Figur in den Heldenrang, das ist der Klimawissenschaftler.

In Barbara Kingsolvers Roman "Das Flugverhalten der Schmetterlinge" (C. Bertelsmann 2014) ist es ein Biologe, der sich plötzlich im Lande der Hillbillies wiederfindet: Auf dem Berggelände einer Farmersfamilie haben sich Abermillionen Schmetterlinge niedergelassen, die von ihrer üblichen jährlichen Migrationsroute zwischen Kanada und Mexiko abgewichen sind. Nun will das Oberhaupt der Farmer den Berghang abholzen lassen, um fällige Kreditraten zu bezahlen. Der Farm droht der Konkurs, den Schmetterlingen das Aussterben und der jungen Farmersfrau das Ende ihrer Ehe, denn der attraktive Klimaforscher bringt sie gewaltig durcheinander. Auch weil er ihren engen Horizont erweitert, indem er sie in das wissenschaftliche Arbeiten einführt. Fortan macht der Klimawandel den religiösen und mystischen Schmetterlingstheorien der Dörfler kräftig Konkurrenz.

Bereits seit Jahrzehnten befasst sich Kim Stanley Robinson aus Kalifornien literarisch mit dem Klimawandel. Schon in den Zukunftswelten seiner berühmten Mars-Trilogie geht es um das rechte Klima zum Überleben, in der noch nicht übersetzten Trilogie "Science in the Capital"(gekürzt als "Green Earth", Harper Voyager 2015) um den Klimawandel auf der Erde: Washington D.C. ist überflutet und eine Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern sowie buddhistischen Mönchen von einer ebenso überfluteten Inselwelt sucht nach Lösungen. Die Wiederingangsetzung des Golfstromes mithilfe von Millionen Tonnen Salz ist allerdings eine Idee aus den Zukunftslaboren realer Cli-Tech-Unternehmen, die das Terra Forming der Zukunft als Big Business betrachten. Demnächst erscheint bei Heyne Robinsons "New York 2140", ein Roman der ebenfalls von vollendeten Tatsachen ausgeht: Lower Manhattan ist etwa bis auf 15 Meter Höhe überschwemmt, bleibt trotzdem ein Magnet für Touristen und Superreiche, die Bewohner müssen sehen, wie sie jetzt durchkommen und Robinson entfaltet auf breiter Fläche das post-katastrophische Szenario einer Menschheit, die einfach immer weitermacht.

Leider wurde Barbara Kingsolvers Roman vom klassischen Feuilleton deutscher Sprache überhaupt nicht wahrgenommen, im Gegensatz zu den USA, wo sie heute zu den zentralen CliFi-Autoren zählt. Ähnliches gilt für Kim Stanley Robinson, der eigentlich realistisch-utopische Fiktionen schreibt, deren Faktenlage sich an wissenschaftlich Erwiesenem (Klimawandel) und Möglichem (Terra Forming versus Ökologischer Wandel) orientiert. Als Vertreter der eher realistischen CliFi sei noch der Hanser-Autor T. C. Boyle genannt, der zwar immer beachtet wird, nie aber als Autor einer ausgesprochen engagierten Climate Change Fiction, als der er sich jetzt erneut in "Good Home Stories" (Hanser 2018) erweist. Oder Jesmyn Ward, die eine gewisse afroamerikanische Selbstbezogenheit in der Literatur gerade mit dem Thema Klimawandel durchbricht. In ihrem Debütroman "Vor der Flut" (Kunstmann 2013) tötet der Hurrikan Katrina die Mutter einer afroamerikanischen Familie, ebenso tödlich agiert derselbe Sturm in Tom Coopers Roman "Das zerstörte Leben des Wesley Trench"(Ullstein 2017) oder in "Zeitoun" von Dave Eggers (Kiepenheuer & Witsch 2011).

Gletscher weg, Fluten da

Der Klimakanon ist etwas verschlungen, am bekanntesten sind die Klassiker aus dem Westen der USA, etwa "Die Monkey Wrench Gang" (Walde+Graf 2010) von Edward Abbey, worin der heroische Kampf einer radikalen Ökoguerilla gegen die Holzmafia in Colorado und Umgebung geschildert wird. Oder der Roman "Ein Freund der Erde" (Orig. 2000, dtv 2016) von T. C. Boyle, der in irisch-amerikanischer Lakonie die traurige Geschichte einer alt gewordenen Aktivistenclique erzählt. Climate Fiction im 21. Jahrhundert ist anders, der Unterschied ist der Status der Katastrophe: Die Fluten sind da, die Gletscher weg, der Berg ist abgerutscht und die Wüste wächst. Kritik wie auch die alternativen Entwürfe fallen in diesem Zustand schwer, literarisch bleibt es produktiv.

So spielt etwa Claire Watkins in ihrem Roman "Gold Ruhm Zitrus"(Ullstein 2016) mit dem ökokritischen Intertext: Die Trockenheit hat Kaliforniens Natur bereits zerstört, ein wanderndes Dünenmeer übernimmt die Natur und sehr merkwürdige Wesen bevölkern dieses Ökotop. Die finden nun als Bildmaterial Eingang in den Roman, in ähnlich ökographischer Manier wie beim Klassiker von John Muir "Die Berge Kaliforniens" (Matthes &Seitz 2017; dort sind es Fotos). Ihren Muir schleppt die halbverdurstete Erzählerin auch auf ihrem Horrortrip durch die Wüste mit, sie bringt tatsächlich hinreißende Naturbeschreibungen aufs Blatt, allein die Natur ist nicht mehr, was sie einmal war.

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