6628096-1956_21_09.jpg
Digital In Arbeit

Das Land des Lächelns

Muang-Thai heißt Land der Freien. Thailand oder Siam, um das Land in unserer Sprache zu benennen, trägt seinen Namen;mit gutem Recht. Niemals in seiner Geschichte hat dieses Land des Lächelns und der Fröhlichkeit größere Katastrophen, Hunger oder Kolonialherrschaft erlebt. In den 700 Jahren staatlicher Souveränität ist es bis zum heutigen Tage das geblieben, was es immer war: ein Land der Freien, das Land der Thai. Daran hat auch die kurze Episode der japanischen Drohung während des zweiten Weltkrieges nichts zu ändern vermocht. „Mai ben rai“ — macht nichts —, sagten die Thailänder, als 1942 die Japaner sie zwangen, dem Westen den Krieg zu erklären. Achselzuckend ließ man damals die Kriegserklärung an England abgehen; diejenige an die USA dagegen vergaß man vorsorglicherweise in einer verstaubten Schublade. Augenzwinkernd nannte man den damaligen Ministerpräsidenten (den heutigen Staatschef!) zeitgemäß „Führer“,-und die Generäle beförderte man zum Feldmarschall, Siam taufte man in Thailand um, in i den Kaufläden und Hotels vergaß man für einige Tage die englischen Sprachkenntnisse, und für kürze Wochen waren die englischen Bezeichnungen im Straßenbild der Metropole mit tibeto-chinesischen Schriftzeichen auf mehr oder weniger durchsichtigem Papier überklebt. Nach diesen Konzessionen an die neue Zeit und den fremden Willen nahm das gewohnte Leben der sorglosliebenswürdigen Thailänder wjeder seinen heiteren Fortgang. Die gelegentlichen Drohungen aus Tokio ertrug'man mit traditionellem Gleichmut und schob sie mit der heilsamen Lebensphilosophie echt thailändisch beiseite: mai ben rai!

Mit diesem Leitsatz leben auf 518.000 Quadratkilometer Fläche 18 Millionen froh-mütige Menschen, zur Hauptsache zwei alten, mongoliden Bauernvölkern, Lao und Thai, entstammend. Ihr von keinen Sorgen überschattetes Leben wird beherrscht vom Buddhismus, der heitersten, tolerantesten und frohsinnigsten Religion, die sich in dem verträglich-liebenswürdigen Charakter dieser Menschen widerspiegelt, ebenso wie in der lustigen, leichtlebigen Hauptstadt mit ihren 300 form- und farbenfrohen Tempeln, mit den pompösen Palästen und Prunkstraßen der City, neben den unvorstellbar schmutzigen, unsagbar duftenden Klongs.

Thailand ist eines der reichsten Länder Asiens. In der fruchtbaren Ebene von Menam beherbergt es eine der drei großen Reis-kammetn der Erde, auf dem Koratplateau im. Osten hat es seine Viehzucht zu hoher Blüte gebracht und sie zu der ertragreichsten des ganzen Kontinents gemacht. Der nördliche, siamesische Teil der Halbinsel Malaka, die , Gebiete von Pang Nga, Takuapa, Renong und die Insel Puket liefern — wie Malaya, die südliche Hälfte — in überreichem Maße Kautschuk, Zinn und exotische Nutzhölzer, vor allem das in aller Welt bekannte und gesuchte Tiekholz der indischen Eiche, ohne das auch der moderne Schiffsbau noch nicht auskommen kann.

Thailand ist aber auch in einem von neuen Schlagworten und politischen Leidenschaften tief aufgewühlten Kontinent, in einer Welt der Unduldsamkeit und Unsicherheit der ruhende Pol, eine Oase der Zufriedenheit, der Selbstgenügsamkeit und einer verblüffenden Ignoranz für alle auch nur von weitem nach Politik riechenden Dinge. „Politik“, meint der Thai, „überlassen wir jenen, die gerne Politiker spielen! Mai ben rai, unser Land ist so reich, daß auch die törichtesten Politiker es nicht ruinieren können.“ Nichts wird hier ernst genommen.

In den Bambushütten auf dem weiten Land, in den Wohnbooten auf den unzähligen Klongs (Kanäle) der Hauptstadt gibt es immer und für jeden eine Schüssel voll Reis, mit der man sich den Magen füllen kann. Das aber ist alles, was der Thai von den materiellen Gütern des Lebens fordert. Wozu sich um Dinge kümmern, die über die geringen Ansprüche hinausgehen? Wozu sich Sorgen machen, wenn man ohne sie besser leben kann? Was der Thai zum Leben braucht liefert ihm sein Land in Ueber-fülle: seinen täglichen Reis, Fische, Früchte in großer Auswahl und das Fleisch des Wasserbüffels.

Während die prunkende City mit ihren Palästen, ihren breiten, unwahrscheinlich sauberen Straßen, den Hunderten von bizarr-grotesken Tempeln, dem riesigen Komplex des Palastbezirkes, mit ihren supermodernen Hotels und Geschäftshäusern ein eigenartiges Gemisch von europäischem Lebensstil und bunt-sonnigem Osten darstellt, spielt sich das Leben der breiten Masse, wie seit Jahrhunderten, auf den zahllosen Wasserstraßen Bangkoks ab. Das flache Wohnboot mit seinem Bambusaufbau ist der Palast des kleinen; Mannes, „my home, my Castle“ des frohmütigen Thai. Hier wird geboren und gestorben, hier werden 'Feste gefeiert und Geschäfte , getätigt. In den schmutzigbraunen Wässern der Klongs wird geliebt und gebadet, die Zähne geputzt und die Notdurft verrichtet; sie sind die Abfallgrube und Kühlschränke für verderbliche Speisen zugleich. Auf und in diesen Klongs mit ihren undefinierbaren, feuchtschwülen Gerüchen läuft das wirkliche Leben ab wie ein bunter Film. Sie sind seit Jahrhun derten die Heimatstadt deS) Volkes der Thai, Wohnstatt genügsamer Zufriedenheit, fröhlichen, sorglosen Lebens. Sonniges, farbiges Asien.

Drüben in der City stehen die teuersten Hotels der Welt, mit Klimaanlagen, Rolltreppen und goldbetreßten Lakaien und die elegantesten Geschäfte Asiens. Aber diese Symbole unserer Zeit gehören nur am Rande dazu. An jeder Straßenecke, in jedem Hotelvestibül stehen ein halbes Dutzend Briefkasten, sauber ausgerichtet und deutlich bezeichnet für Stadtbriefe, für Inland- und Auslandspost, für Air-Mail-Sendungen nach Asien, Europa und Amerika. Jedoch hier wie in den Klongs gilt das Gesetz: mai ben rai! Der Postbote, der die Briefkästen leert, wirft die Beute in einen Sack und bringt sie, einen königlichen Schlager oder ein altes Volkslied trällernd, seinem Kollegen zum Sortieren. Das macht nichts.

Das ist Muang-Thai, Thailand. Land der Freien. Ein Land, wo auch das Ernsteste zum fröhlichen Spiel sich wandelt, wo selbst die Katastrophe zum romantischen Erlebnis wird. Buchstäblich nur eines wird hier ernst genommen: die rückhaltlose Verehrung des unteren Volkes für seinen König! A.ber auch seine Majestät untersteht dem Gesetz thailändischen Lebens, auch für ihn gilt die Devise „mai ben rai“. Seine Schwäche für Musik ist bekannt und erhält ihm die bedingungslosen Sympathien des Volkes. Während seine 300 Tanten und Onkeln — direkte Nachkommen seines Großvaters und prinzlichen Geblüts — Briefträger oder Steuereinnehmer spielen oder sich sonst in irgendeinem Beruf oder einem Hobby amüsieren, dieweil sich die Minister dem Korruptionsspiel mit Zinnkönigen und Gummimillionären widmen, je nach Veranlagung harmlose Staatsstreiche und unblutige Revolten inszenieren, frönt Seine Majestät König Bhumibol Adulyadej; seinem eigenen Faible, der Musik. Echt thailändisch und getreu dem Grundsatz mai ben rai, vereinigen seine Kompositionen alte siamesische Weisen, christliche Kirchenmusik und modernen Jazz. Seine Studienjahre in der Schweiz haben bei dem königlichen Komponisten eine besondere, fast leidenschaftliche Vorliebe für Jazz hinterlassen und einige seiner Kompositionen haben, selbst im Geburtsland des Jazz, Welterfolge erzielt. Im königlichen Musikarchiv dürften nur wenige Jazzkompositionen der Welt fehlen und des Königs eigenes Jazzorchester verfügt auch über die ausgefallensten Instrumente, die je für diesen modernen Musikzweig ersonnen wurden.

Nur wertige Menschen in Thailand denken an die Sorgen unserer Zeit, an die Gefahren, die auch das Land der Freien bedrohen. Die vergnüglichste Hauptstadt Asiens, das sorgloseste Land des Kontinents möchte sich seinen Lebensrhythmus, seine unbeschwerte Maxime „mai ben rai“ erhalten. Darum hat es sich als erstes Land im asiatischen Raum offen und vorbehaltlos für den Westen erklärt. Für diese Haltung wurde es mit einem Strom Von Dollarmillionen und vor kurzem mit dem Sitz der SEATO, des südostasiatischen Verteidigungspaktes, belohnt.

Doch auch diese Ehre läßt die Millionen kalt. Wenn's Spaß macht, bitte schön! Macht nichts. Nur wenige sind sich der auch für Thailand nicht ungefährlichen Lage bewußt. Nur einzelne erkennen die geballte Macht des roten Blocks an Thailands Grenzen. Von Norden fällt der drohende Schatten Rotchinas auf das sorglose Land, das mit seiner 50.000-Mann-Armee niemals eine ins Rollen kommende Aggression aufhalten könnte. Im Osten steht drohend das kampferprobte Vietminh, und hart an den Grenzen organisiert der ins feindliche Lager übergelaufene Pridi Phanomyong, ehemaliger Ministerpräsident von alliierten Gnaden, aus nach Millionen zählenden, in China lebenden „Thaivölkern“ seine „Befreiungsarmee“. In Thailand ' selbst bilden die etwa dreieinhalb Millionen Chinesen im Falle eines roten Angriffes ein großes Fragezeichen.

Drei Männer haben die Situation erkannt: der nüchterne Regierungschef Phibul Songgram, der starke Mann Slams, General Phao Srihanond, Chef der thailändischen Polizei, und der west lieh erzogene König, der auch über seinem musikalischen Hobby die Staatsgeschäfte und seine Mitverantwortung nicht vergißt. Dieses Trio genießt das volle Vertrauen des Volkes, der Reisbauern, Samblorfahrer, der Fischer und ebenso der Zinngewaltigen, der Kautschukbarone und der großen Handelsherren. Mit ihnen hat sich Thailand rückhaltlos dem Westen veischrieben und sich unter die Fittiche des Weißen Hauses begeben. Sie vertrauen auf die Macht der UNO und meinen damit das Pentagon in Washington. — Das Volk aber sagt: macht nichts! und zwitschert sorglos in den Klongs, läßt kindlich-froh auf dem Palastplatz seine bunten Drachen steigen. Es hat seinen Reis, seinen Fisch, es hat sein Vergnügen. Alles andere: mai ben rai!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau