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DEINE TRÄNEN, DIE WAFFEN VON MORGEN

1945 1960 1980 2000 2020

MARCEL BEYER HAT TRÄNEN ZUM MOTIV SEINES NEUEN BUCHES "DAS BLINDGEWEINTE JAHRHUNDERT" GEMACHT.

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MARCEL BEYER HAT TRÄNEN ZUM MOTIV SEINES NEUEN BUCHES "DAS BLINDGEWEINTE JAHRHUNDERT" GEMACHT.

Im Juni 2005 steht der deutsche Autor Marcel Beyer vor dem Grab des in Prag geborenen Schriftstellers Rainer Maria Rilke am Friedhof der Schweizer Gemeinde Raron. Eine Zeile der Grabinschrift weckt plötzlich seine Aufmerksamkeit: "Niemandes Schlaf unter soviel Lidern". Kann ein Sandkorn "zwischen Niemandslid und Augenhaut" eine "Träne entstehen" lassen? Und dann der schweifende Blick zur Gedenktafel, die an Helmut Kohls Besuch dieser Grabstätte am 14. April 1989 erinnert. Für Marcel Beyer markiert dieser Augenblick den Beginn seines Tränenbuches "Das blindgeweinte Jahrhundert". Vier Jahre später kommt der Anstoß zum Schreiben über Tränen erneut, als Friederike Mayröcker ihm in einem Brief Jacques Derridas Tränenfrage stellt: "wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?"

In seiner neuen Prosa geht es Beyer nicht um das Festhalten sentimentaler Augenblicke oder um eine literarische Tränenstudie, sondern - wie er in einem Interview bekennt - um "Verbindungen [...] zwischen scheinbar weit auseinanderliegenden Tränenmomenten in Zeitungsmeldungen, in Manager-Handbüchern und natürlich in der Literatur". Zufällig sei er auf "Tränen in der Öffentlichkeit und Tränen in der Vertrautheit als Motiv" gestoßen.

Imaginierte Tränen

Beyer nähert sich diesem Motiv, indem er Parallelen zwischen diesen Tränenspuren herausarbeitet und emotionale Kondensate freilegt, die sich mit diesen besonderen Ereignissen in Verbindung bringen lassen. Schlussfolgerungen daraus habe er dabei, wie er selbst sagt, nicht intendiert. Die Tränen, über die er hier schreibt, fließen noch in der analogen Welt, manche bleiben, weil sie nur imaginiert sind, in der Schwebe und versickern noch nicht im unendlichen Teilungsraum sozialer Netze.

Da ist zunächst ein Bild in einem LIFE-Magazin von einem Affenweibchen, das in einem Berliner Zoo mit einer LEICA in der Hand Schnappschüsse von Besuchern macht, 1938 fotografiert von Hilmar Pabel, demselben Fotografen, der bald darauf im Ghetto von Lublin eine "in Szene gesetzte Razzia" dokumentiert. Wie lässt sich hier wohl erklären, dass man "über ein und dieselbe LEICA lachen und weinen" kann?

Den LEICA-Bildern folgt ein imaginierter Schnappschuss mit einer ebenso imaginierten Bildunterschrift: "Sollen wir etwa den Sieg der Tränen als Sieg über die Geschichte, als Sieg über das zwanzigste Jahrhundert auffassen?" Diese Frage verknüpft Beyer mit dem "sogenannten Busenattentat" auf den Philosophen Theodor W. Adorno, den 1969 drei junge Frauen in Lederjacken während einer Vorlesung provozieren, indem sie ihn plötzlich umringen und gleichzeitig ihre Lederjacken öffnen, unter denen sie ihre nackten Oberkörper zur Schau stellen. Theodor W. Adorno bittet die Studierenden um Hilfe, weiß sich nicht zu wehren und verlässt mit der Aktentasche vor dem Gesicht den Saal. Es soll seine letzte Vorlesung gewesen sein. Beyer verquickt diesen Vorfall mit der Meldung eines Zeitzeugen, der dreißig Jahre später der Öffentlichkeit ein Detail dazu nachreicht, das sich in den Köpfen der Menschen bald untrennbar mit diesem Ereignis verbindet. Er "habe gesehen", dass Adorno damals angesichts dieses Übergriffs "Kullertränen aus den Augen heraustropften". Bildmaterial gibt es dazu bislang nicht.

Im Nachhinein Wärme

Beyer sieht darin die Formung eines "Geschichtsbildes in lacrima". Der Augenzeuge unterzieht "das brutale Aufeinanderprallen von Geisteskälte und Herzenskälte einer Verwandlung: in das Bild eines Menschen, der am Nachmittag des 22. April 1969 nicht anders kann, als ein authentisches, ein warmes, ein unbeherrschbares Gefühl zu zeigen". Es muss wohl so sein, wie Beyer feststellt, dass Geschichte auch schon für die Zukunft mitgedacht werden muss: "Die Bilder werden sich an dich erinnern. Deine Tränen werden die Waffen von morgen sein." Dem kalten historischen Moment wird im Nachhinein Wärme eingehaucht. Er wird instrumentalisiert, verschleiert, um eine Episode bildgerecht - mit der Dimension des Weichzeichners - aufzubereiten.

Ein anderes Beispiel zeigt besonders deutlich ein multiperspektivisches Herangehen an das Material. Tagebucheinträge des polnischen Schriftstellers Witold Bombrowicz aus dem Jahre 1953 bilden den Ausgangspunkt für ein Tränengewebe, das auch persönliche Erfahrungen Beyers enthält.

An vier Tagen hintereinander notiert Bombrowicz nach dem jeweiligen Wochentag bloß "Ich". Diese Einwort-Notate initiieren in einer komplexen Assoziationstechnik vielfältige Beobachtungen. Denn Beyer verknüpft diese Eintragungen einerseits leitmotivartig mit dem "Geistlichen Tagebuch" des heiligen Ignatius von Loyola, der Aufzeichnungen darüber geführt hat, wie oft Tränen der Sprache weichen und zum Symbol für Gnade werden.

Andererseits schieben sich eigene Schreiberfahrungen dazwischen, innere Tränen oder Alltagserfahrungen wie etwa die Verzweiflungstränen eines kleinen Mädchens, das die sich wiederholenden Behandlungszyklen, denen sich die Mutter unterziehen muss, nicht akzeptieren will. Dann sind da noch die Tränen in Träumen und viel Persönliches wie die Begegnung mit dem Unbekannten, der Beyers Gedichte gelesen hat, oder die Trauer über das zerstörte Dubrovnik.

Inszenierung und Privatheit

Tränen mäandern sich hier also in unterschiedlichste thematische Felder. Indem Beyer verwandte Tränenmomente nebeneinanderstellt und sie dadurch neu positioniert, evoziert er polyphone Reflexionen, die diese Augenblicke der Berührung und Rührung zwischen Inszenierung und Privatheit in einem neuen Kontext belichten. Unkonventionelle Assoziationsräume tun sich auf und stoßen ein Innehalten an, weil Interessantes, aber durchaus auch Verstörendes und Irritierendes zutage tritt.

Und überhaupt haben diese Betrachtungen, selbst wenn sie Anekdoten, historische Momente, literarische Querverweise oder sogar viel Autobiografisches enthalten, auch eine philosophische Dimension.

Marcel Beyer nimmt uns nämlich mit in sein Ringen um Erkenntnisse im Umgang mit bestimmten Szenen und Situationen. Eine tiefgründige und klug versponnene Landschaft der Tränen!

Das blindgeweinte Jahrhundert

Bild und Ton

Von Marcel Beyer

Suhrkamp 2017

272 S., geb., € 23,60

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