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Der bleibende Auftrag

1945 1960 1980 2000 2020

Mission ist Mitarbeit am Reich Gottes. Und nicht nur geographisch gemeint: Menschen am Rand gibt es in Europa ebenso wie in den anderen Kulturen.

1945 1960 1980 2000 2020

Mission ist Mitarbeit am Reich Gottes. Und nicht nur geographisch gemeint: Menschen am Rand gibt es in Europa ebenso wie in den anderen Kulturen.

Mission oder Entwicklungshilfe sind derzeit nicht „in". Zu .den alten Vorurteilen - die Mission (oder die Kirche) trage bei zur Unterdrückung, „packelt" mit den Mächtigen und vertröste die Armen auf das Jenseits - kommen neue: Die Menschen in der 3. Welt seien selbst schuld an ihrem Elend, es lohne sich nicht, ihnen zu helfen. Selbst in der Kirche gibt es Kritik aus allen Richtungen: „Was man heute macht, ist doch nur Sozialarbeit, etwas Humanitäres, aber keine Mission mehr. Jesus hat den Auftrag gegeben, den Glauben zu verkünden, aber nicht Entwicklungshilfe zu treiben oder sich in Politik und Wirtschaft einzumischen", bekam ich öfters zu hören. Autoritätsbewußte Gläubige fürchten, der frische Wind aus den jungen Kirchen könnte hierzulande die mühsam verteidigten Traditionen durcheinanderblasen. Dazu der enorme Mangel an „geistlichen Berufen" in Europa. „Die wenigen Verbliebenen sollen die Heimat missionieren und das ,christliche Abendland' bewahren", heißt es, manche wünschen die Ordensleute überhaupt wieder zurück hinter dicke Klostermauern, denn -wie mir jemand erklärte - „Kontemplation zieht heute mehr als Mission ".

Solche Argumente fordern mich heraus, immer wieder auf Christus selbst zu schauen. Er hat seine Kirche nicht gegründet als „Ofen, der nur sich selbst wärmt" (Zulehner), sondern damit sie seine Botschaft zu den Menschen trage. Die Kirche ist, wie es das II. Vatikanische Konzil formuliert hat, „ihrem Wesen nach missionarisch". Mission ist nicht nur Sache einiger Spezialisten oder religiöser Abenteurer. Jeder Getaufte ist berufen, die Botschaft Jesu durch Wort und Leben zu bezeugen. In der Missionsenzyklika von 1990 „Redemptoris Missio" heißt es: „Die erste Aufgabe der Kirche ist ihre Sendung zu allen Völkern und bis an die Grenzen der Erde". Dieser Auftrag klingt auf jeder Seite des Neuen Testamentes durch, angefangen von der „Primizpredigt"

Jesu in Nazaret: „Der Geist des Herrn hat mich gesalbt, Armen frohe Botschaft zu bringen, Gefangenen Befreiung zu künden und Blinden das Augenlicht, Gequälte zu entlassen in Freiheit" (Lk 4,18ff). Jesus predigt nicht nur, sondern läßt die Menschen die befreiende und heilende Liebe Gottes konkret, „hautnah", erfahren. Vor dem Heimgang zum Vater, faßt er seinen Auftrag und „letzten Willen" nochmals zusammen: „Geht hin in alle Welt und m? Völler ?n meinen Jüngern - Verkündet das Evangelium aller Kreatur - Ihr seid meine Zeugen" (Mt 28,19; Mk 16,15; Lk 24,48; Apg 1,8). Die Evangelien sind keine blutleeren Berichte aus fernen Zeiten, sondern Worte voller Geist und Feuer. Es gibt im Grunde keinen Gegensatz zwischen Kontemplation und Missionsdienst, denn ich kann die Frohe Botschaft nur verkünden, wenn sie mich selbst durchdringt und mein Leben prägt. Je mehr ich mich darauf einlasse, desto mehr wühlt und rüttelt sie mich auf. Die Worte Jesu stören mich und bringen meine Vorstellungen von einem ruhigen und beschaulichen Ordensleben ganz schön durcheinander. Und die vielen Frauen und Männer - in Lateinamerika, in Burundi, Ruanda oder Algerien, in Indien, Osttimor oder auf den Philippinen -, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden, für eine menschlichere Welt, getötet worden sind, haben sie nicht trotz Morddrohungen ausgeharrt, weil sie ihre Kraft aus einer tiefen Beziehung mit Gott schöpften?

Mission ist Mitarbeit am Reich Gottes, das Jesus verkündet und für das er sich eingesetzt hat bis zur Hingabe seines Lebens. Es wird zwar erst in der kommenden Welt vollendet sein, beginnt aber schon hier, „mitten unter uns" (Lk 17,21), wo Christen nach dem Beispiel Jesu sich für das Heil des ganzen Menschen, für Seele und Leib, einsetzen. Als Missionarin kann ich nicht still sein, wenn Menschen in aller Welt unterdrückt, ausgebeutet oder vertrieben werden, ihre Lebensräume zerstört, ihre Frauen und Kinder wie Waren verschachert werden ...

Missionarische Ordensgemeinschaften sind meist international; die Zahl von Mitschwestern bzw. Mitbrüdern auch aus Ländern der sogenannten „Dritten Welt" wächst rasant (wir Steyler Missionarinnen haben zum Beispiel derzeit Schwestern aus etwa 40 Nationen, fast die Hälfte bereits aus Ländern des Südens). Damit sind Missionskongregationen von Diskriminierung, Gewalt, Ausbeutung oft unmittelbar betroffen, kennen die jeweiligen Probleme aus eigener Erfahrung. Umso mehr sind sie zur Solidarität verpflichtet und herausgefordert, „Stimme der Stimmlosen" zu sein, politischen und wirtschaftlichen Machenschaften Widerstand zu leisten, unbequeme Tatsachen beim Namen zu nennen. Eine starke Gemeinschaft trägt und stützt, wo ein einzelner unterzugehen droht.

In einer Zeit, da neue Barrieren zwischen Völkern, Kulturen und Be-ligionen errichtet werden, können missionarische Gemeinschaften ein starkes Gegenzeugnis geben: Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Menschen aus verschiedenen Nationen ist möglich, wo man dem Geist lesu Christi Baum gibt und ein gemeinsames Ziel hat. Und schließlich ist es Aufgabe der Missionsorden, die Ortskirche vor dem Kreisen um die eigenen Probleme zu bewahren, den Blick über den Kirchturmhorizont hinauszulenken und immer wieder an ihren Grundauftrag zu erinnern, alle Menschen zu dem einen Volk Gottes zu führen.

Mission „bis an die Grenzen" ist aber nicht nur geographisch zu verstehen. Christen sind zu denen gesandt, die an den Band geraten, von der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen sind - Kranke, Alte, Behinderte, Arme, Heimatlose, Ausländer, Flüchtlinge. Das „christliche Europa" bewahren wir nicht dadurch, daß wir Angehörige anderer Beligionen und Kulturen aussperren oder sie in der Ausübung ihrer Beligion behindern, sondern durch unser Lebenszeugnis. In der alten Kirche lautete die Devise: „Willst du einen Menschen zu Christus führen, lasse ihn ein Jahr in deinem Haus wohnen." Ähnlich heißt es in der Missionsenzyklika: „Der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien". Die Kirche wird meines Erachtens erst dann aus der gegenwärtigen Krise finden und zu neuem Leben erblühen, wenn sie sich wieder auf das Wort Jesu besinnt und es erfüllt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!" (Joh 20,21)

Die Autorin ist

Angehörige der „Dienerinnen des Heiligen Geistes " (Steyler Missionsschwestern) und Redakteurin der Missionszeitschrift „Stadt Gottes".

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