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DER ERBE UND DAS VERMÄCHTNIS

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Die hundertste Wiederkehr des Geburtstages von Stefan George gibt uns weit über den Anlaß des Kalenderdatums Grund zu betrachten, wie dieser einst so umstrittene Dichter in der Wertung unserer Zeit besteht und was er den Menschen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch zu bedeuten vermag. Daß wir heute überhaupt ein lebendiges und objektives Bild von George — 35 Jahre nach seinem Tod — besitzen, verdanken Wir vor allem einem Menschen, der die Verpflichtung, das Erbe des Dichters zu bewahren, auf sich nahm, Robert Boehringer, und der auch heute noch, hoch in den Achtzigern, seines Amtes waltet. Es scheint, als ob er tatsächlich die Last der Nacherben mitträgt, der so tragisch nach dem Juliaufstand 1944 ums Leben gekommenen Brüder Klaus und Berthold Stauffenberg. So fügt es sich, daß heute über Georges Nachruhm zu sprechen gleichzeitig bedeutet, Boehringers Lebenswerk seit dem Tode des Dichters zu betrachten, und, wohl bewußt, hat er in diesem Gedenkjahr die zweite Auflage seines grundlegenden Quellenwerkes erscheinen lassen. „Mein Bild von Stefan George“ sammelt nun in zwei Bänden, einem Text- und einem Bil- derbarid, alles Wesentliche, was man von George wissen muß. Es ist ein glücklicher Zusammenfall, daß das Deutsche ScHiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar eine Stefan- George-Ausstellung eröffnet hat, die weitgehend auf Doktor

Boehringers Sammlung beruht und deren Katalog allein eine Freude für Litersturkenner ist.

Anders als sonst in monographischen wie biographischen Bänden hat Boehringer, der ein echter Eidetiker ist, das Bild und die bildhafte Beschreibung von’ Personen in seinem Band sprechen lassen. Überdies enthält die Neuauflage in ihren Anhängen wertvolle philologische Quellen zur Lebensund Werkgeschichte Georges. Die Darstellung selbst folgt chronologisch dem Leben des Dichters, der am 12. Juli 1868 im rheinfränkischen Büdesheim, in der Nähe von Bingen, geboren wurde. Wir sehen die strengen Gesichter der Vorfahren, die zum Teil aus Französisch-Lothringen kamen, und hören aus seiner frühesten Jugend seine eigenen Erzählungen aus dem „Kindlichen Kalender“. Der sehr großzügige Vater, ein Weingutbesitzer, schickt den begabten Sohn, nachdem er das Dairmstäditer Gymnasium absolviert hat, auf Bildungsreisen, nach England und Frankreich, nach Italien und Spanien, auch besucht George Holland und Belgien sehr zeitig. In Paris finden dann schon um 1888 die ersten Berührungen mit der großen französischen Literatur des Symbolismus statt, im Kreise Mallarmees in der Rue de Rome, zu dem noch Verlaine und Rimbaud gehören. Hier erfährt George den ersten wesentlichen Einfluß seines Lebens, dem später der von Swinburne und Dowson sowie Yeats in England und Verwey in Holland folgen. In Berlin, München und Wien sucht er Boden zu fassen, was ihm allerdings in Österreich trotz starker Bemühungen nicht so recht gelingt. Der übermäßig starken freundschaftlichen Annäherung an den jungen Hofmannsthal, die von diesem verängstigt zurückgewiesen wird, folgt jedoch dann mit Hofmannsthals Hilfe die Gründung der „Blätter für die Kunst“ im Herbst 1892, einer esoterischen Zeitschrift nach französischem Muster. Der Kampf gegen den Naturalismus wird in der Folgezeit durch-’ geführt, und Georges eigener Stil bildet sieh in ‘den folgenden zum Teil in Wien begonnenen Gedichtbänden, wie den „Hymnen“, „Pilgerfahrten“ und dem „Algabal“, die dann im „Jahr der Seele“, in der die zarte Figur der Frau Isi, der gebürtigen Ida Koblenz, später der Gattin Dehmels, mitschwingt, zur größten Tiefe des Erlebens führt.

Bald kommen neue Freunde hinzu, während die älteren aus dem Münchener Kosmikerkreis — Klages, Schüler und Derleth — sich langsam zurückziehen. Durch den ihm stets treu bleibenden Karl Wolfskehl wird George dann Friedrich Gundolf zugeführt, der erste eigentliche Jünger und durch mehr als zwanzig Jahre sein getreuester Helfer. Dann aber, Inmitten der Münchner Kamevalfeste, stirbt ein anderer hoffnungsvoller Zögling der jüngeren Generation, der unter dem Namen Maximin bekannt wurde, und George entwik- kelt nun eine Art mystischen Kultes nach dem jähen Tod von Max Kronberger, der nur vergleichbar ist mit dem Verhältnis Dantes zu Beatrice öder Novalis zur jungen Sophie von Kühn. Er sublimiert schließlich seine Gefühle in einer Art von pädagogischem Eros und begründet damit so etwas wie eine platonische Akademie im modernen Deutschland, aus der bedeutende Künstler und Wissenschaftler hervorgingen. Er selbst übernimmt eine sokratische Rolle und spricht von seinem „Staat“, im Sinne Platos. Die jeweils

Jüngsten stehen im Vordergrund, während die älteren in die sogenannte zweite Riege zurücktreten müssen.

Das böse Jahr 1933 geht auch an George und den Seinen nicht ohne seelische Schädigung vorüber. Manche der älteren Freunde wandern aus, andere bleiben, von politischem Opportunismus verleitet. George selbst, der schon vom Tode gezeichnet war, läßt jedem seine Wahl. Er stirbt am 4. Dezember 1933 an den Folgen eines alten Leidens und wird auf dem Friedhof von Minusio in der Nähe von Locarno im Tessin begraben. Sein Schicksal erfüllte sich, lange Jahre wurde er totgeschwiegen, da man ihn nicht zum Propagandainstrument des Dritten Reiches gebrauchen konnte. Seine Stunde kam wieder mit dem Aufstand der Stauffenbergs, die zu seinen letzten Schülern gehörten.

All das wird in Boehringers Buch lebendig. Es ist die Technik, jeweils Kronzeugen für Perioden sprechen zu lassen, in denen der Autor dem Dichter weniger nahe stand. Er kannte ihn erst seit 1905. Besonders wenn er sich solcher Schilderer wie Alexander Zschokkes oder Ludwig Thormaehlens bedient, die als Bildhauer die Gabe zu plastischen Beschreibungen hatten, wirkt sein Buch stark. Andere, wie Hans Brasch, Herbert Steiner oder Frau Isi Dehmel und Hanna Wolfskehl, sind gleichfalls gute Beobachter. Die beste aller Quellen scheinen die Gespräche mit Edith Landmann, der Baseler Philosophin, zu sein, die erst dreißig Jahre nach des Dichters Tod von ihrem Sohn Georg Peter Landmann herausgegeben wurden. Boehringer selbst hat auf Grund ihrer und eigener Beobachtungen die schöne Szenenfolge „Der Ewige Augenblick“ geschaffen, die in wahrhaft platonischen Dialogen das wirkliche Leben um einen erdhaften George Gestalt werden läßt.

Für seine neue erweiterte Auflage hat der Autor zwei seiner philologischen Mitarbeiter, G. P. Landmann und Johannes Oeschge, für die reichen Anhänge herangezogen. Unter dem neuen Material findet sich der kleine Briefwechsel mit Mallarmee wie auch der mit Waclav Lieder, dann die wertvolle Liste der 356 persönlichen Abschriften Georges von französischen Gedichten des Symbolismus, außerdem Erinnerungen an die Stauffenbergs, Wolters u. a., Briefdokumente von Hofmannsthal über die Erscheinung Georges, Zeittafeln und Stammbäume und andere wesentliche Quellen zur George-Forschung.

Zusammen mit Boehringers Werk muß auch die große Jubiläumsausstellung im Schiller-Naitionalmuseum in Marbach gesehen werden, die von Bernhard Zeller, Werner Wolke und Gerhard Hay zusammengestellt wurde, und deren großartiger Katalog (420 Seiten mit vielen Illustrationen und Schriftproben) als ein weiteres Quellenwerk zur Forschungsgeschichte der Dichtung und der menschlichen Beziehungen des Georgekreises betrachtet werden kann. Daß diese schöne eindrucksvolle Ausstellung Wirklichkeit werden konnte, verdanken wir zum großen Teil der Sammlertätigkeit Boehrin- gerl, aber auch eine ganze Reihe vön änderen Leihgebern sind genannt. Hier gibt es in schönen Vitrinen: Erstdrucke und--Photographien, kostbare’ Briefe ‘und’ WÖkäütogräphien sowie seltene Einbände und erlesene Buchillustrationen. Die Ausstellung wurde mit einer Festrede von Professor Stefan Schultz aus Chikago eröffnet und wird bis Ende Oktober zu sehen sein. Sie bezeugt die Leistung und die Einflüsse des Dichters auf seine Zeit, herauf in unsere Tage.

Dies führt uns zu der Frage, wie die Rezeption Georges nach seinem Tode weiter verlief und wie man heute zu ihm steht. Zunächst mußi betont werden, daß der Dichter im sogenannten „Dritten Reich“ sehr unbeliebt war. Im Todesjahr 1933 hatte man noch versucht, ihn wegen einiger seiner konservativen Zeitgedichte zum Präsidenten der Dichterakademie zu machen, was er demonstrativ durch seinen jüdischen Freund Ernst Morwitz ablehnen ließ. Er starb im Tessin, wo er schon die Wintermonate der vorangegangenen Jahre zugebracht hatte. Im Einvernehmen mit der überlebenden Schwester wurde er dort bestattet und nicht in einem der angebotenen Kaiserdome. Damit wurde er persona non grata. Nur einige der mitmarschierenden Germanisten glaubten, ihn als ersten Nationalsozialisten oder als Führeridol feiern zu müssen. Doch bald wurde es still um George. Die meisten der daheimgebliebenen Freunde gehörten zur inneren Emigration und Opposition, was dann 1944 die heroische Tat der Stauffenbergs bewies, die diese mit dem Leben bezahlen mußten.

So war gerade von Georges Geist und Kreis die erste Entsühnung Deutschlands ausgegangen. Während des Krieges gab es kaum neue Ausgaben seiner Werke, aber nach 1945 konnte dann der Küpper-Verlag, der Nachfolger Bon- dis, die wichtigsten Gedichtbände wieder auflegen und vor allem Robert Boehringers zweibändige Dünndruckausgabe edieren, die sich inhaltlich mit der 18bändigen Gesamtausgabe (ohne die Anmerkungen) deckt. Erinnerungsbücher und Neudrucke der wichtigsten Werke der Freunde folgten in großer Zahl. Die von Boehringer ins Leben gerufene Stefan- George-Stiftung hat eine Reihe wichtiger Dinge, wie den photomechanischen Neudruck der gesamten „Blätter für die Kunst“ und die attraktiven kleinen Bändchen der George- Stiftung, erscheinen lassen. Andere George-Bände erschienen bei Hauswedell, vor allem Georg Peter Landmanns wichtige Bibliographie und Thormaehlens Erinnerungen.

Seit etwa 1950 erscheint in Amsterdam eine Zeitschrift „Castrum Peregrini", die von dem rührigen Wolf gang Frommei als eine Art „Vierteljahrsschrift um George“ herausgegeben wird, allerdings mehr von Georges Schülern als von ihm selbst handelt, da er keine Druckerlaubnis für George von den Erben erhält. Sie bleibt aber eine wichtige Stimme für die Sekundärliteratur und bringt neuerdings auch Nachrichten und Buchbesprechungen. — Eine zweite kleinere Ausstellung in London, meist aus dem Nachlaß Gundolfs, ist von hier aus aufgebaut worden.

Es ist jedoch abschließend zu fragen, welche Bedeutung George heute für unsere eigene Zeit hat. Seine historische Stellung ist heute klar umrissen, vor allem als Mittler vom französischen zu einem eigenständigen deutschen Symbolismus und später als Erzieher einer ganzen Generation von Forschern und Wissenschaftlern. Wesentlich ist seine Erneuerung deutschen Sprachgutes, die selbst von einem so entfernten Geist wie Karl Kraus hoch gerühmt wurde. Die Maximinkontroverse ist längst verklungen, besonders nach Veröffentlichung der Tagebücher .des jungen Mannes. Sein früher Tod und die darnach folgende Übersteigerung eines ungelebten.Erlebnisses wurde im pädagogischen Eros sublimiert und ist -von hohem- ethischen Rang: •

Zu fragen bleibt jedoch: Kann eine Zeit wie die unsere mit unerklärten Kriegen, Gas, Napalmbomben und Raketen, eine Zeit der Computer und der Atomspaltung noch Sinn für -wahre Lyrik, für konstruktive Verse haben, die die Probleme der Zeit weder lösen können noch wollen? Immer wieder erscheinen Aufsätze und Angriffe auf George in den Kulturspalten unserer Tages- und Wochenzeitungen, die meist von Sozialkritikern und Literatursoziologen geschrieben sind (Franz Schönauer, Walter Boelich, Ernst Stein u. a.) und die aus ihrem Denken heraus George als Anachronismus erklären, ja zum literarischen Fossil degradieren wollen. Es gibt da kaum eine Möglichkeit zur Diskussion, da das gleiche Verdikt viele große Dichter der Jahrhundertwende — Hofmannsthal wie Rilke, Werfel wie Trakl — treffen würde. Aber es gab zu jeder Zeit Dichter und Dichtungen, die ihren absoluten Wert behielten, während das Schrifttum des Tages oft nach wenigen Jahren nur noch Papier ist. Das gilt für die Zeit der Klassik wie für die Jahrhundertwende, die uns heute bereits als eine neue Zeit der Klassik erscheint, jäh unterbrochen durch die Tragik zweier Weltkriege und die damit verknüpften Folgen. Das George-Jahr wird die Diskussion um den Eigenwert des Dichters und seines Werkes wie um seinen Nachruhm zweifellos wieder aufnehmen. George, der schon zu Lebzeiten umstritten war, wird es auch heute bleiben. Aber es erscheint uns als ein gutes Zeichen für die Dauer und das Fortleben seines Werkes, daß es gerade heute noch im Zeichen von Kontroversen steht. Damit beweist es, daß es auch heute noch höchst lebendig und innerlich aktuell ist.

Möglicherweise wird nach den Jahren des Schweigens und Abwartens eine neue George-Renaissance einsetzen, wie sie bei Hofmannsthal schon längst begonnen hat, und vielleicht hat gerade Hofmannsthal selbst in seinem Vorwort zu den Neuen Deutschen Beiträgen von 1922 den Wert Georges am besten ausgedrückt, wenn er schreibt:

„George fast allein mit dem Kreis der Seinen, die er leitet, hatte sich der allgemeinen Erniedrigung und Verworrenheit mit Macht entgegengesetzt. Er war und ist eine herrliche deutsche und abendländische Erscheinung. Was von seinem Geiste berührt wurde, hat sein Gepräge erhalten, und man erkennt seine Schülerschaft unter den jüngeren Gelehrten noch mehr als unter den Dichtern an eirter ungemein strengen Haltung. Einem seichten Individualismus hat er den Begriff des geistigen Dienens entgegengehalten und damit dem höchsten geistigen Streben der Jugend reines Leben ein- ge.lößt.“

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