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„Der fliegende Holländer”

Durch die Gazetten lief die Kunde, man sei am Roten Main verstimmt, daß einige hohe Herren der Bundesrepublik den Bayreuther Festspielen fernbleiben. Wie denn? Ist also der sommerliche Wagner- Trubel offiziell, will man ihn durchaus wieder mit der Aura einer Staatsaktion behaften, hei der Minister zu unpassender Stunde in Frack oder Smoking sich einstellen müssen? Wer sind denn diese Herren, die da Übelnehmen? Daß Theodor Heuß seinen sehr persönlichen Kunstgeschmack hat und Wagner nicht grün ist, sollte man seine Privatsache sein lassen. Uebrigens ist er da nicht in der schlechtesten Gesellschaft. Das Phänomen Wagner hat seine überaus bedenklichen Seiten; seit Nietzsche jst dazu einiges gesagt worden. Und eben, daß man diese Bedenklichkeiten und Fragwürdigkeiten nicht beschönigt, gibt dem Bayreuther Regime der Enkel seinen neuen, sympathischen Akzent.

Auch ohne die Spitzen der Regierung ist genügend Hautevolee am Festspielhügel versammelt. Da fahren die Luxuswagen gleich zu Hunderten auf; eine Premiere der Metropolitan Opera ist bescheiden dagegen, mag auch die Zahl der Perlenkolliers und Chinchillacapes dort größer sein. Was mich in Bayreuth erschreckt, ist die immer eindeutiger gesellschaftliche Betonung des Premierenpublikums. Von Mal zu Mal mehr hat man den Eindruck, hier versammle sich eine finanzstarke Oberschicht zu sommerlichem Rendezvous. Die neuen Abendkleider der Damen, Kaviar und Champagner im Festspielrestaurant, Pausengespräche über St. Moritz oder die Mailänder Messe: das ist das Eigentliche. Und dann, nicht zu vergessen, die Töchter. Sie sind alle mit, die Backfische und die Heiratsfähigen, ungemein schick und kostbar angezogen, Beautees, wie aus Marzipan und Höhensonne. Die Pausenpromenade wird zur Augenweide.

Was mag diese goldene Jugend des Wirtschaftswunders von Wagner halten? Sie betrachtet die Aufführung nicht ohne Beteiligung. Aber hat sie den Sinn für das, was Wagner an Dämonischem, an Romantisch-Irregulärem in die Kultur des europäischen Bürgertums getragen hat? Ist die „süße Not” seiner Handlungen und seiner Harmonik ihr ein Erlebnis, eine innere Erfahrung, ein Schock auf Lebenszeit?

Für Wieland Wagner bietet sich der „Holländer” als Inszenierungsobjekt zwischen zwei ungleichen Welten, die er in einen recht handfesten Gegensatz bringt. Es ist ziemlich genau dreißig Jahre her, daß Jürgen Fehling mit Otto Klemperer in der Berliner Krolloper den Versuch einer neuen Deutung dieser wahrhaft romantischen Oper unternahm. Damals ging es hart und schonungslos her; der balladeske und düstere Charakter wurde selbstherrlich. In grauen und schwarzen Tönen rollten die Bilder ab, getragen von dem Metallklang eines bläserreichen Orchesters. Wieland Wagner geht ziemlich genau den entgegengesetzten Weg. Er vertieft zwar die Tinten der Schattenwelt, läßt Bug und Klüv’erbajim des Gespensterschiffes unter einem blutrot zerfetzten Himmel fast die ganze Breite und Höhe der Bühne einnehmen. Er macht die holländischen Matrosen zu glasigen Kadavern mit weißlich fluoreszierenden Köpfen. Dem Holländer selbst, der seine Auftrittsszene bewegungslos mit ausgebreiteten Armen singt, halb Gekreuzigter, halb Prometheus am Felsen, hängt er Netzwerk um wie Spitzen oder Perlenstickerei. Aber gleich neben so makabrem Volk geht es munter und beinahe karnevalistisch zu. Unter glänzenden Oelhäuten tragen die Norweger farbig geringelte Wolle, und Daland vollends sieht mit Zylinder und pyjamagestreiftem Anzug aus wie eine Gestalt aus Ernst Barlachs „Echten Sedemunds”; und so benimmt er sich auch.

Hebt sich der Vorhang über der Spinnstube, so sieht man achtundzwanzig sweaterpralle Busen vor vierzehn riesigen Spinnrädern und Spindeln. Die Röcke bilden ein Spektrum leuchtender Farben, und lustig drehen sich die Räder, spotten die Mädchen, bis Mary sie zur Räson mahnt. Aus der Amme ist eine Großmutter im Rollstuhl geworden, der eilends von der Szene entfernt wird, bevor die Herren kommen.

Meisterlich ist die Regie der Duettszenen; da herrscht ein szenischer Kontrapunkt, der zwar willkürlich, aber ganz im Werksinne die Gestalten gegeneinander abhebt: Holländer und Daland (der freilich in der Schatzkiste wühlt wie in einem Musterkoffer mit, Bijouterie), Senta und Erik, Senta und Holländer. In dem Moment aber, wo Massen bewegt werden, verfällt die- Regie den Zwängen von Symmetrie und Uniform — womit denn die beiden Hauptmängel der Wieland Wagnerschen Bildkonzeption genannt sind.: Kommt hinzu die Neigung, den Bühnenraum zu überfüllen, wobei der Matrosentanz zu einer Stampfübung ausartet, als gälte es, den Marsch von Vandalenhorden anschaulich zu machen. Vorzüglich gestellt und gesteigert ist die Schlußszene mit der rückwärts die Treppe hinauf und dann zum Absprung in die Wogen sich tastenden Senta. Daß darnach der Holländer. sich auf dįe Bretter legt und stirbt, ist eine merkwürdig linkische und wirkungslose Realisierung des Erlösungseffektes. Schade.

Musiziert und gesungen wird, vor allem dank der spannungsvollen, dynamisch reichen und dabei vorsichtigen Stabführung Wolfgang Sawallischs, durchaus vorbildlich. Die Matrosenchöre (Einstudierung Wilhelm Pitz) hat man nie in solcher Wucht gehört, der Spinnchor ist von makelloser Leuchtkraft der Stimmen, das Orchester klingt ausgeglichen und farbig, vielleicht um eine Nuance zu streicherbet-ont.

Zwei Protagonisten auf der Bühne: die Senta der Leonie Rysanek-Großmann, an Klang wie an Volumen ein Idealfall, bis an die’ Grenzen der Kraft intensiv und vom Erlebnis der Partie getragen. Ein paar forcierte Diskanttöne schmälern die Beglückung des Eindrucks nicht, sollten aber als Warnzeichen für die Sängerin gelten. Und George London als Holländer, wahrhaft Ahasver und Odysseus in einem, der Heldenbariton schlechthin, stimmlich wie figural der Holländer seiner Generation. Ebenbürtig neben ihnen der Daland Josef Greindls. Als Erik, mit schönem tenoralem (Metall und guten mimischen Mitteln: Fritz UhlRes

Der ortsübliche Enthusiasmus galt einer Premiere, die durch Besetzung und musikalische Ausgeglichenheit stärker überzeugte als durch die inneren Diskrepanzen ihrer Szene.

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