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„Der Idealismus ist lebenswichtig”

DIEFIJRCHE: Sie haben in Ihrem Leben eine Metamorphose durchgemacht und sich von einem überzeugten Kommunisten zu einer der führenden Gestalten des Prager Frühlings gewandelt Als junger Schriftsteller haben Sie Lobesgedichte überKlement Gottwald, den ersten kommunistischen Staatspräsidenten, die Partei und die russischen Befreier verfaßt Werden Sie deswegen heute noch angegriffen? KoiIOUT: Ja, das kommt hin und wieder vor. Wer das tut, der hat allerdings wenig begriffen. Man sollte doch die fünf Jahre, die ich durch den Gruppengeist des Stalinismus geblendet war, in einem richtigen Verhältnis zur späteren politischen Einstellung sehen. Meine Freunde und ich haben in den kommenden vierzig Jahren alles riskiert, um unsere Fehlurteile wieder gutzumachen. Ich bedauere meine Fehler, aber es gibt nichts, wofür ich mich schämen müßte. Man muß sich im Laufe seines Lebens doch ändern können. Wir Menschen sind weder fehlerlose Engel noch verbohrte Teufel, die gezwungen sind, in ihrem Irrtum zu verharren. Übrigens waren meine naiven Gedichte aus jener Zeit nie militant. Da steht nichts von Blut und Gewalt. Einer meiner schärfsten Kritiker hat mich einen „Stalinisten mit menschlichem Antlitz” genannt.

DIKFURCHK Gibt es in der Jugend eine Phase, in der man sich zum Wdtver-besserer berufen fühlt und daher besonders anfällig für Ideologien ist? KohoüT: Junge Menschen sind meist noch unsicher und suchen Halt in einer Gruppe mit einem starken Führer. Heute erlebt man das erneut bei den Skinheads. Diese Jugendlichen fühlen sich nur im Rudel stark und stehen Außenstehenden aggressiv gegenüber. Das kann soweit gehen, daß sie bereit sind, Andersdenkende zu töten. Menschen fallen immer wieder auf starke Stimmen herein. Das muß nicht nur Hitlers Stimme sein, das kann gelegentlich auch Sartres Stimme sein. Meist sind es die feinfühligen und trotzdem unerfahrenen Intellektuellen, die sich vbn falschen Philosophen verführen lassen. Jean-Paul Sartre hat einerseits viele junge Menschen in eine Wunschwelt mitgerissen, die sich als unrichtig erwiesen hat. Andererseits ist der Idealismus, mit dem die junge Generation immer wieder die größten Forderungen stellt, auch lebenswichtig. Nur so kann sich die Welt erneuern.

DIKFüRCHE: In ihrem jüngsten Buch -„Sternstunde der Mörder” - schreiben

Sie: „Die Geschichte lehrt, daß die meisten Ungeheuerlichkeiten von den Besitzern einer heiligen Wzhrheit begangen würden, die aufrichtig an ihre Sendung glaubten ”

KOHOUT: Man kann sich immer wieder fragen, wo der politische Idealismus endet und wo ein gefährliches Denken beginnt. Es ist schwer zu sagen, warum Dinge, die unter normalen Umständen ganz ungefährlich sind, plötzlich wie ein Pulverfaß wirken können. Im alltäglichen Leben ist man sich dieser Zusammenhänge meist kaum bewußt. Die Menschen werden oft zu stark von den gesellschaftlichen Mechanismen via Medien beeinflußt. Da verwundert es nicht, daß sie sich wie kleine Rädchen in einer Riesenuhr fühlen und gar nicht auf die Idee kommen, sich aufzulehnen.

DIEFURCHE: Aber sind in der Zeit des Kalten Krieges nicht auch viele westliche Intellektuelle, die sich sehr wohl aller möglichen Zusammenhänge bewußt zu sein glaubten, vom Kommunismus geblendet worden? KOHOUT: Heute will keiner mehr zugeben, daß die ganze intellektuelle Szene Deutschlands den „realen Sozialismus” für einen echten Sozialismus hielt. Sie sind bis jetzt nicht bereit, sich zu entschuldigen, daß sie uns alle Konterrevolutionäre genannt haben. Weil wir ihre Träume zerstört und gesagt haben, das sei kein Sozialismus, sondern Betrug, eine Lüge und ein menschenverachtendes System. Man soll nicht vergessen, daß Marx und Engels eine Gesellschaft von physisch, psychisch und sozial freien Menschen vorschwebte. Doch es entstand das Gegenteil.

Oft sind es die gleichen, die „Ho-Chi-Minh!” auf den Straßen geschrien und kein Wort darüber verloren haben, wie sehr Vietnam unter dem kommunistischen Regime zu leiden hatte. Es war auch viel einfacher, sich für den fernen Fidel Castro zu begeistern, als sich mit den Entwicklungen in Europa auseinanderzusetzen. So übersahen viele Intellektuelle lange, wie sehr die Tschechoslowakei unterdrückt worden war. In der einseitigen Denkweise lag und liegt eine große Gefahr.

DIEFURCHE: Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Tschechen und Deutschen heute?

KOHOUT: Es ist sehr vielschichtig. Die größten Probleme gibt es bei zwei Gruppen. In meiner Generation klaffen auf beiden Seiten noch sehr viele Wunden. In einigen Fällen sind sie so tief, daß ein Verzeihen unmöglich ist. Ich selbst entstamme einer Familie, in der drei Mitglieder von den Deutschen erschossen worden sind. Aber ich habe trotzdem kein Problem mit Deutschland. Schon seit Jahrzehnten sehe ich, wie musterhaft sein Weg aus der braunen Vergangenheit heraus zur Demokratie verlaufen ist. Die zweite Gruppe, die ihren Rlick nicht von der Vergangenheit wenden will, das sind die sogenannten „Rerufsver-triebenen”. Viele waren damals erst fünf Jahre alt oder noch gar nicht geboren. Jetzt wittern sie eine politische Chance. Solche Leute sind regel-rechte Profis. Sie werden es fertig bringen, noch während der nächsten fünfzig Jahre die Vertriebenen zu spielen. Auf der tschechischen Seite gibt es wieder „Rerufspatrioten”, die überhaupt nichts mit den vergangenen Ereignissen zu tun haben. Aber wenn es sich politisch lohnt, dann fahren sie zu einer deutschen Veranstaltung und reißen den Leuten Blumen aus der Hand, mit denen sie ihre Gräber schmücken wollten. Später brüsten sie sich, sie hätten den tschechischen Geist gerettet. Für mich ist die Vorstellung des Nationalismus schon deswegen schrecklich, weil ich plötzlich Leute achten sollte, die ich nicht mag, nur weil sie tschechisch sprechen. Und Leute, die ich achte, sollte ich ächten, nur weil sie deutsch sprechen.

DIEFURCHE: Wie wird sich die Öffnung nach dem Westen auf die tschechische Kultur auswirken? Wird sie ihre Eigenständigkeit bewahren? KOHOLT: Unsere Kultur war schon immer international. So besteht Prag aus einer Ansammlung von Kunstschätzen aus aller Herren Länder. Hier waren Tschechen, Franzosen, Italiener, Flamen und Deutsche am Werk. Von keiner europäischen Stadt kann man sagen, sie sei über Jahrhunderte von drei Kulturen geprägt worden: von der tschechischen, der deutschen und der jüdischen. Leider fand auch hier eine der größten ethnischen Säuberungen der Geschichte statt. Zuerst haben die Deutschen alle Juden liquidiert, dann haben sich die Tschechen von allen Deutschen verabschiedet.

Erst jetzt, nach dieser Pause von einem halben Jahrhundert, beginnt die Stadt wieder multikulturell zu atmen. Ich bin den Amerikanern sehr dankbar, daß sie den ersten „Hauch von Welt” nach Prag brachten.. Nun gibt es an die 20.000 Amerikaner, die dort leben, arbeiten, denken und Zeitschriften herausgeben.

DIEFURCHE: Die Tschechen galten immer als ein Volk, das sehr an Literatur • interessiert ist Hat sich das nun geändert?

KoilQÜT: Ja, vor allem weil die Bücher teuer geworden sind. Zu den verbotenen Büchern, die man in den vierzig Jahren kommunistischer Herrschaft nicht lesen durfte, gehörten auch pornographische Schriften oder Comics. Auch hier gibt es wohl einen gewissen Nachholbedarf. Dieser Trend ist nun aber wieder am Abflauen. Bei den Tschechen ist es wie bei anderen Völkern auch. Es gibt eine Schicht, die ohne Literatur nicht leben kann, eine, die hin und wieder zur Unterhaltung liest und eine, die nur an Sensationen und Sport interessiert ist. Der Preis für Literatur und gute Kunst sind oft schlechte Zeiten für die Völker. Aber einen solch hohen Preis möchte auch ich nicht mehr zahlen.

DIEFURCHE: Was ist aus den ehemaligen Dissidenten geworden? Spielen sie rmch eine Rolle?

KOHOUT: In den zwei Jahrzehnten, als man sie mundtot machte, haben sie viel erreicht. Eine ganze Parallelkultur wurde von ihnen errichtet. Jetzt haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Soll man ihnen nun Denkmäler errichten? In Österreich hat man nach dem Ersten Weltkrieg allen, die gekämpft haben, eine Tabak Trafik gegeben. Ich möchte keine Trafik auf dem Wenzelsplatz haben. Ich bin froh, daß ich jetzt Zeit und Ruhe zum Schreiben habe. Meine politische Aufgabe habe ich zur Genüge erfüllt.

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