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Der Kinogeher

Rechtzeitig zum 60. Geburtstag von Peter Handke erschienen weitere Texte über Literatur, Film und bildende Kunst.

Der Autor beschwört darin auch die einzigartige Herrlichkeit Kino.

Peter Handke veröffentlichte 1992 unter dem Titel "Langsam im Schatten" eine Sammlung von Aufsätzen, Notaten und Reden über Literatur, Kino und bildende Kunst aus den Jahren 1980 bis 1992. Darunter finden sich einige Texte, die die politische Realität der achtziger Jahre in Österreich reflektieren. Handke beschreibt anhand seines bekannten Eklats mit der Salzburger Polizei im Jahre 1985 das spezifisch-dumpfe Klima in der Mozartstadt. Die vom ORF daraufhin produzierte Fernseh-Dokumentation zu diesem Fall wurde unterdrückt, weil Handke angeblich allzu freimütige Worte gegen die Polizei gefunden hatte. Wie aktuell bleibt der Satz Handkes: "Wie in keinem Land der Erde ist hierzulande das Wort Künstler' zugleich als Schmähwort verwendbar." Ja, auch über die österreichische Literatur, die Autoren Franz Grillparzer, Adalbert Stifter, Alfred Kolleritsch und Peter Stephan Jungk schreibt Handke in diesen Jahren.

Der soeben vom SuhrkampVerlag zum 60.Geburtstag des Autors vorgelegte Band "Mündliches und Schriftliches" setzt die Sammlung von Handkes Betrachtungen zu Literatur, Film und bildender Kunst fort. Die hier veröffentlichten Aufsätze, Essays und Reden entstanden in den Jahren von 1992 bis 2002. In dem neuen Band sucht man das Thema Österreich allerdings vergeblich. Das ist schade. Österreich spielt nur eine indirekte Rolle, weil Handke bei der Besichtigung von geheimnisvollen Kellerräumen unter dem Atelier von Anselm Kiefer an seine Höhlenbesuche in der Volksschulzeit erinnert wird und weil der Autor berichtet, er habe Hermann Lenz, bevor er ihn persönlich kennenlernte, für einen österreichischen Dichter gehalten.

Nun könnte man provokant fragen, ob Österreich für Handke seit seinem 50. Geburtstag keine Rolle mehr spielt? Handke, der "Mann aus Übersee", der mit mehreren erzählenden Büchern und einem Theaterstück nach Österreich, im übertragenen Sinn auch in die Welt seiner Kindheit "langsam heimgekehrt" war, der dann einige Jahre in Salzburg lebte um schließlich nach Chaville, in einen kleinen Vorort von Paris zu ziehen, dieser nun sechzig Jahre alte Autor erhält seine Anstöße über zeitgenössi-sche Kunst zu sprechen aus Deutschland und Frankreich, er erhält sie beim Lesen, im Kino oder bei Atelierbesuchen. Nicht aber aus Österreich. Was ja denkbar wäre.

Ich lese dieses Buch auch als verdecktes Protokoll von Handkes gegenwärtiger Orientierung in der heutigen Kunstwelt. Die kostbare Auswahl der Persönlichkeiten, von deren Arbeit hier erzählt wird, übt dabei einen besonderen Reiz aus. Eine Notiz über Karl Philipp Moritz' Roman "Anton Reiser" steht neben einem Bericht über Marguerite Duras, das "Antivampirkino" von Danielle Huillet und Jean-Marie Straub und die Filme des iranischen Filmregisseurs Abbas Kiarostami werden vorgestellt, der Tod von Handkes Übersetzer ins Englische, Ralph Manheim, auf sehr anrührende Weise beklagt. Würdigungen der Schriftsteller Arnold Stadler, Georges-Arthur Goldschmidt, Hermann Lenz und Josef W. Janker aus Anlass von renommierten Auszeichnungen finden sich neben Beiträgen zur zeitgenössischen Malerei. Notizen von Atelierbesuchen bei Emil Schumacher, Anselm Kiefer, bei dem slowenischen Maler Zoran Music und bei Pierre Alechinsky führen zur Recherche, tiefer und tiefer in deren Arbeitskonzepte vorzudringen. Beiträge zur Musik, zu zeitgenössischen Musikern und Komponisten, sowie zum Theater, zu den darstellenden Künsten sucht man hier aber vergebens.

Es ist bekannt, dass Handke ein fleißiger Kinogeher ist. So ist natürlich auch hier von der "einzigartigen Herrlichkeit Kino" die Rede. Persönlich gibt sich der Autor zu erkennen, wenn er noch einmal erzählt, wie es zu seiner FilmBegeisterung kam, was die stärksten Erlebnisse waren, wenn er z. B. noch einmal vom Western mit John Wayne schwärmt und Filme von John Ford, Michelangelo Antonioni, Andrej Tarkowski, Yasuhiro Ozu und Pier Paolo Pasolini in Erinnerung bringt. Und es findet sich auch ein ganz anderes Eingeständnis aus dem Jahre 1995: "Ich kenne wohl die vollständige Hollywoodproduktion der drei letzten Jahre und könnte in einem Quiz betreffend True Lies' (mit A. Schwarzenegger), The Specialist' (mit Sylvester Stallone und Sharon Stone) und Timecop' (Van Damme) mittun."

Immer wieder erstaunlich ist es für mich, dass wir gerade in solchen Texten, die natürlich im Schatten von Handkes Romanen, Erzählungen und Theaterstücken stehen und deren Entstehungsanlässe überdies sehr pragmatisch sein mögen, dem Autor so nahe sein können, wie dies bei der Lektüre des "Hauptwerks" nur selten der Fall ist.

Und noch eine Sache ist überraschend: Obwohl man bekanntlich bei Preisverleihungen nur das Beste über den Ausgezeichneten sagt, verhält sich Handke da anders. Wenn er z. B. über die Schriftsteller Ralf Rothmann und Arnold Stadler spricht, dann erzählt Handke, wie er sich noch einmal jedes einzelne Buch dieser Autoren vergegenwärtigt hat und dabei auch weniger Gelungenes entdeckt. Nein, Handke braucht, bei alle Emphase, zu der er fähig ist, keine Lobhudelei bei Autoren, die er ohnehin schätzt.

Wenn Schriftsteller selbst Texte über Literatur und Kunst verfassen, geben sie damit dem Leser auch ein wenig Einblick in ihr Selbstverständnis. Und das ist vielleicht das Besondere an diesem Sammelband, dass wir dem oft so menschenscheuen Peter Handke nun nahe treten dürfen wie kaum zuvor. Der Grund für diese Nähe liegt auch darin, dass Handkes jüngere Reden und Aufsätze vom Gestus der persönlichen Erzählung bestimmt sind. Es sind zögernde, vorläufige Versuche, anderen die eigene Erfahrung einer Lektüre, die Aufnahme eines Films, die Gedanken beim Betrachten von Bildern zu erzählen. Die Gerechtigkeit des braven Porträts interessiert Handke kaum, wie auch die Distanz des Analytikers seine Sache nicht ist. Er geht ganz persönlich zur Sache und nur von dieser Erfahrung will er uns erzählen.

Ein besonderer Umstand erhöht den Ton, den man nur in vertrauter Runde anschlagen würde: vier der hier erstmals gedruckt erscheinenden Reden hat Handke frei gesprochen. Mit Hilfe von kleinen Notizen hat er sich weitgehend der Improvisation freier Rede überlassen. Tonbandabschriften wurden von ihm geringfügig redigiert und auch so hat Handke der Versuchung widerstanden, aus spontanen, sehr fragmentarischen Anmerkungen abgerundete Aufsätze zu fertigen. Wir erkennen damit nicht nur den persönlichen Rede-Duktus des Autors, sondern sehen ihm zu, wie die rohe Form seine Monologe zum Stocken bringt, wie sich der Redner wiederholt, wie er in Sprüngen argumentiert, wie das "Nichtfestgeschriebene, Umweghafte, Abschweifende" zum Eigentlichen wird. Und wie auch dem Schweigen der nötige Raum gegeben wird.

Denn wie heißt es schon zu Beginn von Handkes Petrarca-Preis-Rede über den Filmkritiker Helmut Färber (1994): "Vor jedem Worte-Machen zu etwas, das mich auf die Beine gebracht hat, ist da der Gedankenzwist, ob es nicht richtiger wäre, die Sache auf sich beruhen und so in Ruhe blühen zu lassen."

MÜNDLICHES UND SCHRIFTLICHES

Zu Büchern, Bildern und Filmen 1992-2002. Von Peter Handke.

Verlag Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002

166 Seiten, geb., e 20,50

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