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Der Mann und der Weltmann

Ernest Hemingway hat nicht nur als Schriftsteller neben Kafka, Thomas Mann, Joyce und Dos Passos einen weltweiten Einfluß auf seine und die jüngere Generation ausgeübt, sondern war auch als Mensch zu einer legendären Figur geworden: als Kriegsjournalist in vorderster Stellung, als Boxer, Großwildjäger, Liebhaber und Stierkampfenthusiast (hierüber schrieb vor kurzem in unseren Literari- sclitüf’1 Bläffern Wieland “Schmied einen Essay rifit dbfti Titel „Das unbewältigte Thema”, „Die Furche”, Nr. 35).

So wie Hemingway durch die emotionslose Schilderung von Brutalität und Verbrechen, die wertfreie Darstellung von Säufern, Neurotikern und Libidinösen sehr wesentlich zur Brutalisierung der „großen Literatur” beigetragen hat, so kann auch sein krampfhaft maskulin betontes Menschenbild nicht kritiklos akzeptiert werden. Die Qualitäten des Schriftstellers, des Meisters knapper und prägnanter Dialoge, einer kaum überbietbaren Beobachtungsgabe und treffender Schmucklosigkeit des Ausdrucks, stehen außer Frage. Obwohl mit der von ihm systematisch betriebenen (und an sich begrüßenswerten) Entsentimentalisierung viele andere Werte, auch dichterische, über Bord geworfen wurden. Seine menschliche Person, der Kern, um den sich dieser harte und nicht ohne Selbstgefälligkeit zur Schau getragene Panzer schloß, bleibt im Dunkel — so wenig Hemingway als Repräsentativfigur und als Mensch auch in seiner Intimsphäre die Kamera scheute. Jedenfalls läßt die Überbetonung des Männlichen einen starken seelischen Knacks vermuten, den ja die männlichen Männer seiner Erzählungen und Romane — ob Soldat oder General, Schmuggler oder Spieler, Liebhaber oder Betrogene — gleichfalls haben. Ihr Mut ist der Mut der Verzweiflung, der Sieg über die Furcht. Hemingways Ehr- und Heldenbegriff ist primitiv, ja kindlich. Und letzten Endes unreif ist auch das Bild der Frau, wie er es sieht und nachzeichnet. Kein Wunder, möchte man sagen, daß Hemingways Menschen — Männer und Frauen I — von Paris bis Moskau so gut verstanden werden und seine Persönlichkeit sich solcher Idolatrie erfreut.

Hemingways abenteuerliches Leben gibt reichlich Stoff zur Illustration. Die fesselnde Bilderreihe beginnt mit einer Serie von Photos aus seinen letzten Jahren, so wie wir ihn kennen: mit Bart und Buschhemd, Ginglas und Jagdtrophäe. Dann wird zurückgeblendet auf die Schulzeit und die „goldenen zwanziger Jahre”. Seht fremd wirkt sein derbes Gesicht mit der niederen Stirn neben den von ihm verehrten Schriftstellern und Freunden, wie Henry James, Butler-Yeats, Ezra Pound, James Joyce und anderen. Darnach führt uns der erfreulich sachliche (an Heming- i way geschulte?) Biograph Leo Lania in die verschiedenen Milieus des Dichters, in die harte Zeit, in der er lebte: Wir sehen Bilder vom Montmartre, aus dem ersten Weltkrieg (als Hemingway einer Feldambulanz an der italienischen Front zugeteilt war), wir sehen ihn als Reportei im griechisch-türkischen Krieg, bei einem „Gipfeltreffen” der zwanziger Jahre (dei

Konferenz von Genua 1922) und bei den Unruhen im Ruhrgebiet, wir sehen Hemingway mit Sylvia Beach, der Inhaberin der berühmten Shakespeare-Buchhandlung in London, im Pariser Salon von Gertrud Stein, wir sehen ihn mit seinen drei Frauen und mit seinen Söhnen, im spanischen Bürgerkrieg und bei den Soldaten des zweiten Weltkrieges, schließlich wieder in seinem Heim in Finea Vigia mit seinen Büchern und Katzen. (Der vorliegende Band wurde vor Hemingways Tod abgeschlossen und wird in einer’ Neuauflage sicher ergänzt werden.)

Die Autorin der vorliegenden Bildbiographie über Stefan Zweig ist des Dichters erste Frau, die 25 Jahre lang sein Leben geteilt hat. Zweigs Familie stammt mütterlicherseits (Brettauer) aus Deutschland, väterlicherseits aus Mähren. Die Bilder zeigen uns den Dichter zunächst als Schüler des Wasa-Gymnasiums und mit den ersten Freunden und den von ihm verehrten Dichtern Petzold, Csokor, Wildgans, Hofmannsthal und anderen. Bald beginnen, nach der Veröffentlichung seiner ersten Gedichte im Insel-Verlag, Stefan Zweigs ausgedehnte Reisen nach Paris, Berlin und Hamburg, zu Verhaeren und Masereel, nach London, Rußland und Amerika. Zweig zählte viele berühmte Zeitgenossen, die er häufig besuchte- oder in seinem schönen Heim auf dem Kapuzinerberg empfing, zu seinen Freunden.

In Salzburg hatte er sich bereits 1919 niedergelassen, und hier lebte er bis 1936, dichtend, übersetzend, viele tausend Briefe schreibend und an seiner berühmten Autographensammlung arbeitend. Dann, gleichzeitig mit der Trennung von seiner ersten Frau, beginnt ein unruhiges Wanderleben, dessen wichtigste Stationen London und Petropolis in Brasilien waren. Dort, in Petropoiis, ging er, gemeinsam mit seiner zweiten Frau, freiwillig in den Tod. Die Umstände und Beweggründe für diesen Doppelselbstmörd sind durch den Abschiedsbrief an seine Freunde und die Darstellung Friderike Zweigs weitgehend geklärt: Stefan Zweig, der seit seinen Angngen erfolgreiche und, in materieller insight sorglos lebende,., in fast sämtliche KnFtursprachen übersetzte Schriftsteller mit einer Millionenauflage, war lebensmüde. Die Welt von gestern wai versunken, und die neue, die seiner Meinung nach im Begriff war, sich im zweiten Weltkrieg selbst zu zerstören, flößte ihm Schrecken ein. Sein Leben und sein Ende werden von Friderike Zweig mit viel Einfühlung und Takt geschildert, desgleichen die Trennung von ihr zugunsten jener Frau (Lotte, geb. Altmann), die in London Zweigs Sekretärin und später seine zweite Frau wurde. (Über Stefan Zwieg vgl. auch den Essay von Hanns Arens in den Literarischen Blättern, „Die Furche”, Nr. 33.)

Prof. Dr. H. A. Fiechtner

DIE RELIGIÖSE ERZIEHUNG DES KLEINKINDES. Ein Werkbuch von Elisabeth Würth. Verlag Herder, Wien. 144 Seiten, Preis 68 S.

Wenn man ein gewissenhafter Kritiker sein will, kann man zu einer Neuerscheinung auf dem Büchermarkt nur selten ein uneingeschränktes Ja sagen. Beim Werkbuch von Würth kann man Eltern, Kindergärtnerinnen und Seelsorgehelferinnen, die das Büchlein in die Hand nehmen und nach seinen Winken arbeiten, bedenkenlos Voraussagen, daß sie an ihren Erfolgen erkennen werden, wie segensreich es sich auswirkt, wenn man den Ratschlägen und Weisungen einer erfahrenen Kinderfreundin gefolgt ist, die mit tiefer Kenntnis der Kinderpsyche und erarbeitetem pädagogischem Geschick das religiöse Leben des Kleinkindes zu wecken, zu entfalten und höherzuführen versteht. Nach einem wertvollen Hinweis auf die heutige Erziehungssituation und einer entwicklungspsychologischen Einführung wird an erprobten Texten gezeigt, wie das vier- bis sechsjährige Kind, möglichst im Anschluß an das Kirchenjahr, jene Gewöhnung, jenes Wissen und jene Grundhaltung gewinnen kann, die als notwendige Voraussetzungen einer voll fruchtbaren Katechese im Volksschulalter anzusehen sind. Mit Recht schreibt Würth am Schluß des Abschnittes über die Entfaltung des religiösen Lebens in der frühen Kindheit: „Somit darf gesagt werden, daß bereits im Fünfjährigen die wesentlichen Äußerungen des religiösen Lebens entfaltet sein können. Welch große Verantwortung legt dieses Ergebnis, das aus entwicklungspsychologischer Schau gewonnen wurde, dem Erzieher auf, um so mehr, als auf weite Sicht das Gottesverhältnis davon bestimmt wird, was in den ersten Lebensjahren herangereift ist.”

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