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Der Mann und sein Huhn

IN DER SPÄTEN HERBSTSONNE steht in der Gestettengasse im dritten Wiener Gemeindebezirk oberhalb der Schlachthausgasse, in jener Gegend, die dem Einheimischen als Erdberg bekannt ist, ein weißhaariger Mann und hält ein Huhn an einer Spagatschnur, wie man einen Hund ausführt. Das sieht auf den ersten Blick etwas komisch aus, und der Mann mißt mich denn auch scharf, als ich eine Weile stehenbleibe und das vorzeitliche Idyll betrachte. Vorzeitlich: denn ein paar hundert Meter weiter vorne ragen wie die Bordwände dreier vor Anker liegender Ozeanriesen die ersten Wohnblocks im Bereich jener von schmalzigen Liedern besungenen alten Häuser auf, innerhalb deren Gemäuer vor der Demolierung noch schnell alles Verwertbare gestohlen wurde — standen doch die Türen offen und hatten die meisten Fenster kein Glas mehr. Das war vor zwei Jahren, als ich in dieser Gegend die Demolieret mit den weitausschwingenden Krampen an der Arbeit sah. Die Leute aus der Nachbarschaft standen damals meistens vereinzelt, selten in Gruppen zu zwei oder drei Personen, und sahen wortlos zu. Nun sind so manche von ihnen in die steinernen Dampfer verfrachtet worden. Der alte Mann mit dem Huhn ist einer von den Leuten. Als noch die alten Häuser standen, besaß er immerhin vier Hühner und einen Hahn. Davon ist heute das eine „Henderl“ geblieben, das er wie einen Luxushund an die Sonne führt. „Es erinnert mich halt noch“, sagt der Mann und ist sichtlich über das Maß der Neugier eines Fremden überrascht. Eines Fremden, ja; denn hier kennt man sich. „Von früher her, verstehen Sie“, sagt der Alte und schaut dem scharrenden Huhn zu.

VOM FIAKERPLATZ, auf dem vor ein paar Jahren noch die alten Gaslaternen gestanden sind, komme ich hinunter in die Erdberger Straße. Dort sollen, wie ich horte, entlang des geät’aftbn.

Liebers Jahr werden bunte Neonröhren leuchten. Gegen die Stadionbrücke zu ist ein „Punkthaus", das will besagen, ein Hochhaus, vorgesehen. Das Modell der ganzen Anlage habe ich mir beim amtsführenden Stadtrat für Bauangelegenheiten, Kurt Heller, im Rathaus angesehen. Auf dem Brett, wo es zudem putzig angedeutete Bäume, teils aus Papier, teils aus Reiserstücken gibt, sieht das ganze zweifellos formal gelungen aus. Während der Fahrt über die Engerthstraße denke ich freilich noch immer an den Mann mit dem Huhn an der Schnur. Was ist der Mann? Ein Sonderling? Keineswegs. So wie er haben viele andere tausend Menschen eine ihnen selbst kaum noch bewußte Bindung an die ursprüngliche Landschaft, die sie auch gewissermaßen an der Spagatleine hält. Ein Haus, ein kleiner Garten, vier bis fünf Obstbäume, die im Frühjahr blühen, das Summen der Bienen, das Rauschen der Wasserspritze, vielleicht gar ein Liegestuhl auf dem Rasen; das ist ein Traum. Für den alten Mann, der seine A-Typen-Wohnung mit achtundzwanzig Quadratmetern Fläche hat, wird die Sonne untergehen, eine Schere wird den Spagat zwischen ihm und der Welt durchschneiden, und er wird niemals mehr im Liegestuhl dem Summen der Bienen zuhören.

DIE STATISTIK WEIST NACH und der zuständige Mann dafür hat mir versichert, daß die Type A im Normalbauprogramtn mit rund 4000 Einheiten im Jahr „ohnehin nur zehn Prozent“ einnimmt. Das ist genau so viel, wie der Anteil der Type D Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, zwei Kinderschlafzimmer, beziehungsweise Kabinette ausmacht. Eine von der Gemeinde Wien in dieser Größe errichtete Wohnung, die Vorzimmer, Bad, Abstellraum und WC einschließt, ist 76,50 Quadratmeter groß. Die Durchschnittsgröße einer Behausung im „sozialen Wohnbauprogramm“ der Stadt Wien vom laufenden Jahr liegt bei 55,68 Quadratmetern. Es mag für manche Leute tröstlich klingen, wenn sie hören, daß der Durchschnitt im Jahre 1953 bei 47,1 Quadratmetern lag. Der Oesterreichische Verband gemeinnütziger Bau-, Wohnungs- und Siedlungsvereinigungen, der heuer in zwei Arbeitskreisen seine Tagung abgehalten hat. bezeichnete eine den derzeitigen Erfordernissen Rechnung tragende und vor allem familiengerechte Wohnung mit einem Flächenausmaß von 58 Quadratmetern als die unterste Grenze, 65 Quadratmeter jedoch bei einem Kind als tragbar. Zum Vergleich sei eine Altbauwohnung herangezogen: Ein Zimmer im Westen von Meidling hat mehr als fünfundzwanzig Quadratmeter, wobei noch in gesundheitlicher Hinsicht die Größe des Spielraumes der Lüftung bei einer Höhe des Raumes von 3,60 Meter eine ganz andere ist als bei den jetzt beliebten gedrückten Decken. Die statistischen Unterlagen nach der letzten Volksund Hauszählung von 1951 weisen klar nach, daß in dem Größenbereich zwei Zimmer und eine Küche Zweieinhalbzimmerwohnungen im gesamtösterreichischen Durchschnitt um 5 50 Prozent zuwenig Wohnungen vorhanden sind. Daran ändern auch die Hochhäuser nichts, die neuerdings gekachelten Badezimmer mit Einbauwannen und Brause nichts, die Zentralheizungen, Müllschlucker und Aufzüge ab Bauten mit vier Stöcken ebensowenig. Hart wie die gerühmten neuen Hartholzböden der städtischen Wiener Häuser sind die Tatsachen: Der Mensch lebt von der Natur weg, die Gemeinschaft wird zur wirtschaftlichen Zweckgebundenheit.

HART UND UNERBITTLICH nagt die Baupolitik auch an jenen Inseln der Stille, die Optimisten noch vor zwanzig Jahren als unantastbar ansahen: Sievering, Grinzing, Hohe Warte, Nußdorf, Neuwaldegg, Hietzing. Ein Finanzgewaltiger runzelt dazu die Augenbrauen, als ich während einer Rundfahrt davon zu reden beginne. „Wissen Sie, was für die Gründe, die Sie vorhin in Erdberg gesehen, wir an Kauf- und Grundeinlösungsbeträgen ausgeben haben müssen? Zwanzig Millionen! Wir gehen natürlich dorthin, wo erstens die Aufschließungsgebühren möglichst niedrig sind — man könnte sich ja auch in die Simmeringer Heide oder zwischen Gerasdorf und Eßling hineinbauen, ganz abgesehen von den dann entstehenden langen Verkehrswegen.“ Das soll also besagen, daß umgelegte Weingärten, umgestürzte Wiesen und Felder, abgesägte Bäume billiger kommen. Der Mann neben mir klagt weiter: „Und dann die Baukosten. Haben Sie eine Ahnung, welches Ausmaß die Kartellbildung beim Gewerbe angenommen hat und wie sie jede Kalkulation erschwert? Da haben wir Badewannen, wie diese da, aus Schweden beziehen müssen, weil sie bil-liger und besser waren; erst jetzt ist man bei uns zum Pressen aus einem Stück übergegangen und kann auf einmal so billig liefern wie die Schweden. Von den Schwierigkeiten, die wir mit den Aufzugfabrikanten haben, will ich lieber schweigen.“ Ich finde, daß dies alles mit der „Neonisierung“ des Westrandes der Bundeshauptstadt wenig zu tun hat. Was der im übrigen zuvorkommende und nette Mann nicht gesagt hat, liegt auf dem Gebiet der Politik. So wie es in vielen Herzen einfacher Menschen, so gutmütig sie sein mögen, eine unterschwellige revolutionäre Gesinnung, ein Aufbegehren gegen den Wohlstand gibt, weil ihre Sehnsucht darnach unerfüllbar bleibt, so lebt auch in allen voraussetzungslos Denkenden, das Vergangene verdächtig Findenden, eine Abneigung gegen die niedrigen Dorfhäuser von Grinzing und Lainz. Dort hinein, wo ohnehin „die Reichen“ ihre protzigen Villen gebaut haben und noch bauen, dorthin müssen die auftrumpfenden städtischen Bauten, die zudem jene verdächtig konservativen Wahlsprengel ein wenig aufmöbeln. Welche Ironie, wenn eben jene Planer die nicht nur Wohnbauten, sondern zur Sicherheit oder als Gegengewicht gegen kommende Kirchen auch gleich „Volksheime“ bereitstellen auf die nun vor den Gemeinderatswahlen wieder einmal auflebende „politische Zuwanderung“ KP-Untermieter in Favoriten hinweisen. Wie lange werden wir zuschauen, wie die Sehnsucht . nach einem netten Heim gekoppelt ist mit einem politischen Augenblinzeln?

AUF DER FAHRT NACH KAGRAN kommen wir an dem Wohnkomplex Jägerstraße-Strom- straße vorüber und können eine ausstellungsmäßig eingerichtete Wohnung derD-Type durchmustern. Ja, da ist alles schön und gemütlich denn jedes Möbelstück bis zum Musikschrank steht auf dem besten Platz, die Teppiche sind neu, die Beleuchtungskörper exquisit ausgesucht. Ungemütlich wird es nur dem Vater, der eine Tochter hat, die heiraten will. Gesetzt, er bekommt nicht aus welchen Gründen immer eine Wohnung: dann mag er erst einmal 30.000 Schilling locker machen; und richtet er diese Wohnung dann so lieblich ein wie diese Musterwohnung hier, mag er bedenken, daß ein Schlafzimmer 8050 Schilling, eine Eckbank 3 840 Schilling, dieser Musikschrank da ohne Geräte mindestens 1675 Schilling, ein Lampenständer mit Schirm 349 und eine Kleiderablage, 130 mal 200 cm mit Etage 846 Schilling kostet. Rechne, lieber Vater, die anderen Zimmer, die Vorhänge, das Porzellan und das Glas und das Kücheninventar dazu: Ich habe hier so alles in allem auf rund 70.00 Schilling geschätzt. Macht zuletzt 100.000 Schilling. Treulich geführt, ziehet dahin...

DIE GÄRTNER UND BLUMENBINDER haben nächst der Anton-Sattler-Gasse in Kagran eine Berufsschule, deren Erhaltung und Verwaltung dem Stadtgartenamt untersteht. Hier draußen, wo die graue Stadt ins Grün verfließt, lebt Bauen und Planen, Hegen und Pflegen innig verbunden mit :dem Land, das der alte Mann in ;rg vermißte Hier wird noch aus der ‘Föfrn"‘derEaÄds?fiaft tfaehgesfälte’ner Landschaft, die in den Wiener Gärten zwischen den Glasfronten und Betonwänden frühzeitig altert, wenn das Jahr zu Ende geht. Die Liebe zur Pflanze, zur Blume wächst mit den Mädchen auf. Etwas wird dann im Beruf, im Alltag, auf 51 Quadratmetern Heim vielleicht übrigbleiben — und wären es auch nur die Pelargonien und Betunien vorm Fenster. Ewige Sehnsucht, unendlicher Traum!

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