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Der Nachholbedarf bleibt akut

NOTEN ZUR LITERATUR (II). Von Theodor W. A d o r n o. Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt am Main. 235 Seiten. Preis 5.80 DM. - GRILLPARZERS DRAMATISCHER STIL. Von Joachim Kaiser. BRENTANOS POETIK. Von Hans Magnus Enzens-berger. BESCHREIBUNG EINER FORM (Versuch über Kafka). Von Martin Walser. Sämtliche in der Schriftenreihe „Literatur als Kunst“, Carl-Hanser-Verlag, München. Broschiert. Preis pro Band 10.50 DM. - E. T. A. HOFFMANN. Von Werner Bcrgengruen. SCHILLER. Eine Rede von Friedrich Dürrenmatt. Beide im Verlag „Die Arche“, Zürich. Preis 3.80 und 2.80 DM.

Nicht allem der immer noch immense Nachholbedarf im Geistigen, verursacht durch den Abgrund 1933 bis 1945, ist es, der die Deutschen immer neue Früchte der Betrachtung und Einverleibung sup.anationalen Geistgutes ebenso hervorbringen läßt wie eine pausenlose Neubewältigung eigener tradiierter Güter. Es geht um mehr, um das endgültige Aufbrechen verkrusteter Igelstellungen des Volkes, das lange Zeit sein Heil nicht in allseitiger Kommunikation, sondern in deren Abwehr suchte. Daß dabei, aus unbewußt schlechtem Gewissen, vielfach, vor allem gegenüber dem beneideten Nachbarn Frankreich, die gute Absicht sich ins Gegenteil verkehrt, ist deutsche Tragik, der nachzuforschen sich lohnt. Wann endlich wird der Deutsche (seinen Eliten folgend) ein nichtexaltier-

tes, hystenetreies Verhältnis zu seinen Nachbarn, zu seinen Gegnern und Freunden, zu seiner Vergangenheit fertigbringen?

Ein Wort zum andersgearteten Verhalten des Österreichers: Dieser ist ein Routinier des offenen Verhaltens gegenüber der Umwelt. Fast könnte er leuchtendes Vorbild sein, bedeutete Routine nicht zugleich auch ein Nicht-ganz-ernst-Nehmen, wäre sie nicht mit einem gerüttelt Maß Schlamperei verbunden, die uns oft um den zündenden Funken aus echter Begegnung prellt. Das nun ist eine Tragik des Österreichers, als des Mannes, der mit rätselhafter Scheu der Vollendung ausweicht.

Dahin zielte wohl auch Adorno in seinen „Noten zur Literatur“, wo er von der Funktion des Fremdworts im Wienerischen als Gegensatz zu jener im Sprachgebrauch nördlich des Inns handelt. Er befaßt sich in diesem neuen Werk mit der

5chlußszene des Faust, mit Balzac, Valery, Proust, Bloch, Lukäcs, mit Becketts „Endspiel“ und mit dem Fremdwörtergebrauch. Einmal mehr sei sein Sprachduktus vermerkt, als Instrument blendender Geistesschärfe, ein Duktus, der polyphon orchestriert erscheint, erfüllt von der Präsenz vieler Stimmen, die jeweils in mehreren ineinandergeschachtelten Dimensionen Ausdruck haben.

Wenn Adorno zum Beispiel im Beckett-Essay herausfindet, daß Beckett (Moralist, nicht protestierend zwar, doch selbst insgesamt Protest, merken wir an) die „Fluchtbahn der Liquidation des Subjekts“ bis „zum Verlust aller Qualität“ verlängert, dann ist das eine unschätzbare Erkenntnis, anwendbar auf „alles falsche Leben“. Wenn er weiter klärt, daß für

oeckett der Mensch einzig das ist, was er wurde, und dies mit einem künstlerischen Verhalten identifiziert, „wie es jene als inhuman denunzieren, deren Menschlichkeit bereits in Reklame fürs Unmenschliche übergegangen ist“, so ergibt das Hinweise zu besserem Verständnis nicht allein Becketts, sondern zahlreicher Strebungen im Heute.

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Redliche Schützenhilfe, den Dichter tiefer zu begreifen, leistet Joachim Kaiser im rechten Augenblick durch seine Untersuchung über „Grillparzers dramatischen Stil“. Ihm geht es hier um Einzelheiten, um solche allerdings, die zum Verständnis der Gesamtpersönlichkeit notwendig sind. Kaiser beobachtet die formalen Mittel Grillparzers im Verhältnis zur dramatischen Bedeutung.- Er zeigt eine Reihe von „Signalen“ in ihrer oft mehrdeutigen, stets

aber unverkennbaren Funktion. So weisen zum Beispiel gespaltene, „atomisierte“ Verse auf gestörtes seelisches Gleichgewicht hin. Pausen, Verzögerungen signalisieren wesentliche Vorgänge; innerhalb des Blankverses, der Grillparzer zu einem kräfteweckenden Widerstand wird, entbrennen realistische Motive. In entscheidenden Augenblicken stellen sich freie Verse ein. Reime bilden sich in ganz bestimmten Konstellationen, als Ausdruck von Erregung wie als Zustandserklärung der jeweiligen Welt. Breiter Raum ist dem Agieren der Personen gewidmet, mit stets im Personenkern verankerter Motivation. Wie sehr Kaiser verdienstvoll bis ins kleine Detail geht, zeigt auch die Erforschung des Gedankenstrichs, der bei Grillparzer (dies ist sehr österreichisch, fügen wir hinzu) zumeist relativiert oder Vorbehalte anmeldet, im Gegensatz zu Schiller, der ihn zur Unterstreichung und Verstärkung benützt. Auch Exposition, Komposition und Personalität innerhalb einer fixen Werthierarchie mit allen daraus resultierenden Spannungen sind sorgfältig untersucht, schöpferische Tiefenschichten freüegend.

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Ein bedeutender Wurf ist Enzensberger mit der seinerzeit als Dissertation geschriebenen Interpretation von „Brentanos Poetik“ gelungen. Ihm glückt es nicht allein, Brentanos Arbeitsweise, seine Konstruk-tions- und Kombinationsfähigkeit, seine Chiffren und raffinierten Entstellungen als legitime Mittel höchst intensiver Kunst-schöpfung zu erkennen, sondern auch Brentanos revolutionäre (wenngleich auf uralten Praktiken, die jeweils Kennzeichen revolutionärer Epochen sind, fußende) Rolle im geistigen Spannungsfeld seiner Zeit deutlich zu machen. Die Konsequenzen solcher Erkenntnis haben es in sich: Brentano als Vorkämpfer der Moderne, Brentano als Mann, der die Nuß deutschen Sprachgefühls an ganz bestimmter Stelle aufbrach und neue Dimensionen vorexerzierte (was Enzensberger im eigenen Werk mit erstaunlicher Kraft auch selbst besorgt), Brentano in bezug zum Surrealismus, zu Rimbaud ebenso wie zur labyrinthischen Dichtung des 17. Jahrhunderts — dies und vieles, was sich auf knappem Raum nicht andeuten läßt, nimmt der Autor wahr und vermittelt es mit

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Analyse.

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Zu den zahlreichen einander widersprechenden Interpretationen Kafkas ist die Deutung Walsers getreten, dem es gelingt, dem komplexen Phänomen neue Züge zu entlocken. Er sieht Kafkas große Prosa eher als Epen neuer Kategorie denn als Romane. Nicht um Ziele geht es hier, sieht er, denn man ist längst angekommen, und alles scheinbare Geschehen ist endlos variierte Zustandsbannung. Da der Sinn des Ganzen in jedem Augenblick präsent, ist die Zeitfunktion aus den Angeln gehoben, ist jede Entwicklung unmöglich geworden. Kafkas Welt ist etwas durchaus Geschaffenes, unabhängig von äußerlicher Empirie, in der eigenen Totalität ruhend. Somit ist die waltende Spannung letztlich interner Natur, als Gegenüber zweier Ord-

nungen in unendlicher Immanenz. Kafkas Werk erscheint darum, setzt man Homer als Begriff, zugleich (was Walser allerdings nicht ausführt) als Antiepos im Epos, ala Antiepos, dessen Strenge nicht in der ge. wollten Verdeutlichung, sondern in de Verdunklung besteht — diese aber ist mit kaum überbietbarer Intensität deutlich ge macht. Was dem naiven Leser als über spitzte Subjektivierung. erscheint, ist in Wirklichkeit Objektivierung von Seinsrealitäten, durchsichtig bis zur Formel-haftigkeit. In diesem Sinn wird Waise Beitrag manchen Leser zu erneuter Lektüre Kafkas, zu vertieftem Genuß anregen.

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Mit Akkuratesse gesammelte Details stellt Werner Bergengruen als Lebensbild E. T. A. Hoffmanns zusammen, reiches Material, doch keine fruchtbare neue Deutung bietend. Eine solche dagegen gibt, zusammengedrängt auf engstem Raum, temperamentvoll bis zur Explosivität, Dürrenmatt über Schiller. Er putzt dessen in Generationen vergipste Gestalt mit einem Sandstrahlgebläse, legt vermeintliche Stärken als eigentliche Schwächen bloß, erkennt jedoch Unbekanntes und Niegesehenes als die wahre Kraft Schillers, der übrii gens, zumindest teilweise aus mißverständlichen Gründen, mit 4400 Aufführungen in der von der Statistik letzterfaßten Saison 1959/60, mit Abstand gefolgt von Shakespeare, der meistgespielte Autor im deutschen Sprachgebiet war...

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