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„Der Österreicher hat ein Vaterland...“

Nicht umsonst klingt der Titel des neuen Heer-Buches an eine Stelle der neuen österreichischen Bundeshymne an; der Band ist ein einziger Hymnus auf Heers Heimat. In 14 Variationen über das Thema „Der Oesterreicher hat ein Vaterland, er liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben“ wird vor dem Leser ein sehr mannigfaltiger, geistreicher, in dem, was er aussagt, unwiderlegbarer, von Tatsachen strotzender Motivenbericht gegeben, der das Endurteil vor der Weltgeschichte als dem Weltgericht begründet: „Es ist ein gutes Land, wohl wert.Doch da stocken wir, die letzten Worte des Grillparzer-Zitats wagen wir nicht hierher zu setzen. Der mir so liebe Verfasser könnte sonst in einen falschen und ich, der Rezensent, in einen richtigen Verdacht geraten...

Vor uns liegt eine Sammlung von Aufsätzen, die eine Einladung oder, um das abscheuliche Modewort zu gebrauchen, eine Herausforderung sind, Oesterreichs und der Oesterreicher Wesenheit zu überdenken. Die Absicht des Autors, der so gerne mit Freund und vor allem mit Feind ins Gespräch kommt, ist klar und zu billigen; seine Ansichten, die wir weithin teilen, sind stets geeignet, erörtert zu werden. Das-Buch ist gescheit, ausgezeichnet geschrieben — mit ein paar umstreitbaren Besonderheiten des Heerschen Stils werden wir uns noch zu beschäftigen haben —, höchst anregend und nicht nur von einer souveränen Kenntnis des Stoffs getragen,' sondern auch von jenem geheimnisvollen Fluidum durchtränkt, das einen Dichter, einen Historiker befähigt, die Imponderabilien zu erfassen, nicht recht Greifbares einzufangen, das Getöne aller Sphären zu.. erlauschen. — keine Sphärenmusik wird daraus erstehen — und, obzwar dem geschilderten Raum, den erlebten Zeiten eingeordnet, auf Grund der Einichau beide, den Raum und die Zeit, zu überschauen. Es ist zu loben, daß Heer als bevorzugte Fragen, die zu beantworten er das Material an Gewesenem und Seiendem vor uns ausbreitet, die nach dem Barock, der Großen Form und nach der Großen Ordnung Oesterreichs voranstellt, daß er hierauf Mozart und Eichendorff, das Zusammentreffen dieses Landes mit dem Rokoko und mit der Romantik, am Beispiel von Oesterreichern darstellt, die, was zum echten Oesterreicher gehört, keine oder nicht mehr Oes'terreicher'waten: der salzburgische Untertan und Sohn des Augsburgers, der„sdjdsis.che. Bsymeer„ selbst ist ja, durch und durch Oesterreicher, von Vater sette • her aus schweizerischem, von der Mutterseite aus westfälischem Stamm.

Dem ersten Teil, dem eine prächtige Zeichnung der Humanitas Austriaca vorangeht, dem „Geschichte ist Gegenwart“ folgt, „Gegenwart ist Geschichte“, ein Halbdutzend, mitunter an aktuell bleibende politische Probleme rührender Essays. So uneingeschränkt wir dem auf die Gegenwart bezogenen historischen Teil “zustimmen konnten, dessen Abschnitte sämtlich das gleiche hohe Niveau bewahren: „Geschichte ist Gegenwart“ müssen wir abstufend bewerten. Meisterhaft sind die Bildnisse Josef Weinhebers und Klemens Maria Hofbauers; durch seine ergriffene und ergreifende Würdigung des „Brenner“ bestätigt Heer, daß er dieser • einzigartigen Unzeit-Schrift zugehörig und ihr rühmlich hörig war.' In den mutigen und virtuos ins Braune treffenden Feststellungen über Judentum und österreichischen Geist meldet sich vor allem der Moralist, der Bekenner von schonungsloser Aufrichtigkeit zu Wort. Der tut manchmal des Guten zuviel, wenn er zuwenig abschattet bei einem Schättenzug der Ineenieri. in den Sich talmiglänzend manche, falsche Melsteine mimende Maskenball-besücher eingeschlichen haben Ach, von dieser so wertvollen Abhandlung müssen wir die „Literatur“ (im Sinne jener unvergeßlichen magischen Operette) abhandeln, um den geziemenden Preis der Leistung österreichischer luden zu bestimmen und anzustimmen, den der Karl Kraus und Kafka, der losef Roth und Hermann Broch, der Freud und Ludwig Wittgenstein, nicht zu vergessen der lohann Emmanuel Veith und Sonnenthal, der Unger und Glaser. Hofmannsthal in diesem Zusammenhang zu nennen, ist ein grcjbes Mißverständnis, das Philosemiten und Antisemiten gemeinsam begehen. Der war seiner Art nach schwarzgelb, Vonerl, Zweite Gesellschaft und Poet dazu. Nur ungern finden wir in diesem so wahren und überzeugenden Band das „Gespräch“ zwischen einem Ueberdurchschnittsdeutschen und dem ihm unbekannten österreichischen Nachbarn. Die literarische Form der „Conversation“, die dem Siecle des Lumieres so wohlbehagte, ist uns Heutigen ungenießbar. Um derlei nicht nur akzeptabel, sondern auch schmackhaft, geschmackhaft zu machen, bedarf es einer anmutigen Leichtigkeit, die unserem Siecle des Tenebres mangelt. Auch Heers Gespräch wirkt gekünstelt. Die Gedanken, die da ausgetauscht werden, sind richtig, das heißt, sie geben die landläufigen Ansichten der beiden ersonnenen Partner wieder. Doch wer hat je so geschwollen geredet, nämlich in der realen Welt, wie da — nicht immer, doch allzu oft — A und B, oder setzen wir Herr Professor Dr. Horst Wahnschaffe und Ministerialrat Karl Fleischanderl? Nein, es gibt nur ein gültiges Gespräch zwischen einem Reichsdeutschen (nun hieße der: Bundesdeutscher) und einem Oesterreicher, das Sedlatscheks mit Wagenknecht in den „Letzten Tagen der Menschheit“. Da steckt alles drinnen. Was aber nicht darin steht, das lesen wir, nicht mehr im fiktiven Gespräch, sondern in der Antithese, bei Höfmannsthal, in dessen Kennzeichnung der beiden Bundesgenossen von 1914 bis 1918.

Nichts für ungut, ich bin schon wieder beim Loben! Die vier Stücke des dritten Teils sind alle bezaubernd, sie verkünden immer wieder Neues über ausgeschöpft gewähnte Gegenstände; sie tauchen Gemeinplätze in so magisches Licht, daß sie Feenlandschaften ähneln. Sie entdecken das Geheimnis der österreichischen „Offenheit“: im geographischen Verstand des Wortes. Sie schildern und begründen, richtunggebend, die Aufgaben „Oesterreichs nach dem Staatsvertrag“, die Rolle „Oesterreichs in Europa“ und Wiens. Und diese mächtige Prosa gipfelt im „Bekenntnis zu Oesterreich“, gesprochen im Rundfunk am Tage der Unterzeichnung des Staatsvertrages, dem 15. Mai 1955.

Im Plane meiner Anzeige lag, daß sie auch einige kritische Bemerkungen über den Stil Friedrich Heers und eine Anzahl kleiner Hinweise auf Irrtümer enthalte. Anpassung an den ohnedies schon bedenklich überschrittenen Raum zwingt mich, bei diesen zwei j Punkten.rnrit äußeretee'JSparsamkoiK. vöräugehoBii-Wasj den Stil betrifft, hat Heer die einstigen Kinderkrankheiten semer Anfänge abgetan, vor allem d i e, den Sinn, den Doppelsinn oder gar den Uebersinn einzelner durch den Ausdruck in gedankliche Tiefen und Untiefen führender Worte durch prätentiöses Teilen von Zusammensetzungen zu unterstreichen': Es ereignen sich aber noch immer, inmitten einer gewaltigen, bezwingenden oder poetisch flüsternden, singenden, dröhnenden Prosa, kleine Unfälle.

Schließlich das Kapitel kleiner Irrungen. Der Anteil der Societes de pensee und der Freimaurerei an den Vorbereitungen zur Französischen Revolution ist kein bloßes Hirngespinst reaktionärer Historiker (S. 161), sondern eine geschichtliche Tatsache, die, moralischen und weltanschaulichen Erörterungen entrückt, als Teil einer großangelegten britisch-preußischen Aktion gegen das sich abzeichnende französisch-österreichisch-russische Bündnis zu betrachten wäre. Man darf Oesterreich nicht als das Land abstempeln, das wie kein anderes in Europa nach allen Seiten hin offen ist (S. 342). Polen und Belgien waren und sind in dieser Hinsicht weit schlimmer daran. Eine Anzahl Eigennamen sind fehlerhaft abgedruckt, so Coloredo statt Colloredo, Friesch statt Frisch, einmal Meithner statt Meitner. Dumba und Wlassak waren nicht „von“. Der Erstgenannte hat die angebotene Verleihung des Adels ausdrücklich abgelehnt. Aerger als derlei geringfügige Versehen dünken uns nur zwei artige Schnitzer. Heer stuft Bossuet, den „großartigen Bauern“, unter die Gegner des königlichen BarockabsoLutismus ein, während der „Adler von Meaux“ dessen Bannerträger und die extremste Verkörperung dieser Denkweise war (das berühmte „dii estis“, „Ihr seid Götter“, gerichtet an Ludwig XIV. und die anderen Gottesgnadenmonarchen). Dem ersten Stein des Anstoßes (S. 113) steht als zweiter (S. 70) die anachronistische Geschichte des Fiakerliedes voran. Fürstin Pauline

Metternich habe 1885 ein Praterfest zugunsten der Wiener Fiakerzunft veranstaltet, die „durch die rasch aufkommenden Autotaxi in Not geraten war“. Nun, ich erinnere mich aus meiner eigenen Jugend, daß wir mit zwei harben Rappen bis zum Lusthaus trabten und von Autotaxi weit und breit keine Spur wir, als das neue lahrhundert begann. Als' ich, bereits Schottengymnasiast der dritten Klasse, wonneschaudernd die erste Fahrt in einem der eben aufgetauchten „Mietkraftdroschken“ genoß, war das Fiakerlied seit 18 Jahren in aller Mund und Ohr. Die, deren Ruhm es besang, waren erst im Dezennium bis zum ersten Weltkrieg durch die motolisierte Konkurrenz in Not geraten, hätten sie nicht fast alle, wenn der Ausdruck gestattet ist, umgesattelt und sich dem Benzinteufel oder dem Elektromob verschrieben.

Welche bescheidene Anmerkung nichts an meiner Freude über das jüngste Buch Heers ändert, die ich mit möglichst vielen anderen beglückten Lesern teilen möchte. Sie werden nicht so bald ein gleich schönes, an Einsichten reiches und farbensattes Panorama einer Menschengemeinschaft empfangen;

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