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Der Prophet und Friedensapostel

Daß der prophetische Charakter von Aldous Huxleys berühmtestem Werk, dem Roman „Schöne neue Welt", kein Zufall ist, merkt man erst so richtig, wenn man sich seinem umfangreichen essayistischen Werk zuwendet, das als sein eigentliches Hauptwerk betrachtet werden muß. Ernest ' Hemingway hatte durchaus recht, wenn er meinte, daß Huxleys Romanfiguren „künstlich konstruierte Charaktere" haben. Nur seine Schlußfolgerung daraus, daß diese Romane deshalb „keine Literatur" seien, wird man heute nicht mehr ziehen. Huxley strebte eine Verschmelzung von Roman und Essay an und dabei kam ihm die „expressionistische Ästhetik", der literarische Figuren oft als „Ideenträger" dienten, sehr entgegen.

Darüber hinaus war dieses ästhetische Programm am ehesten dafür geeignet, seinem Ziel, „so etwas wie ein Gesamtverständnis der Welt zu erreichen", nahe zu kommen. Der am 26. Juli 1894 in Godalming (Sur-rey) geborene Aldous hätte dazu die besten Voraussetzungen: Sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits einer Gelehrtenfamilie entstammend, studierte er in Eton und Oxford zuerst Riologie und Medizin. Erst nach einer schweren Augenerkrankung wendet er sich der Literatur zu. Rezeichnend für diesen intellektuellen Mystiker ist, daß sich seine Sehkraft erst entscheidend besserte, als er 1938 die Schulmedizin sein läßt und einer Naturheilmethode vertraut, die lehrt, Sehen über das Rewußtsein zu steuern („Die Kunst des Sehens", 1942). Parallel dazu wendet er seinen so scharfen geistigen Rlick im letzten Drittel seines Lebens von der Zukunft eher ab hin zu einer Innenschau und beschäftigt sich intensiver denn je mit dem Ruddhismus.

Wie hellsichtig der zeitweise fast blinde Prophet war, läßt sich zum Reispiel an der das ganze Jahrhundert über diskutierten Frage der Arbeitszeitverkürzung erkennen: So fragte er etwa 1925 in dem Essay „Arbeit und Freiheit": „Was sollen denn die Leute mit der Freizeit anfangen, die sie durch eine neue Gesellschaftsstruktur und perfektere Maschinen gewonnen haben?" Und gibt, typisch für seinen Stil, die ironische Antwort: „.. .diese privilegierten Klassen einer Zukunft, die in allezu weiter Ferne zu wähnen keinerlei Grund besteht..., werden all das tun, was die privilegierten Klassen der Gegenwart so auffallend zu tun versäumen". Etwa, wie Henri Poincare meinte, „über die Naturgesetze nachsinnen".

Schon 1923 hatte Huxley die Freizeitgestaltung seiner Zeitgenossen folgendermaßen beschrieben und seine Schlüsse daraus gezogen. Im Essay „Vergnügungen" (1923) hatte er, ohne das Fernsehen zu kennen, folgendes festgehalten: „Heutzutage gehen die Erfindungen der Drehbuchschreiber von Los Angeles aus um die ganze Welt. Ein endloses Publikum läßt sich passiv von diesem lauen Unsinnsbad einweichen. Sie müssen dazu weder den Geist strapazieren noch wirklich teilnehmen: Es reicht, einfach dazusitzen und die Augen aufzuhalten." Und ohne Ahnung von Kabelfernsehen schrieb er ebendort: „Das Grauenhafte an der modernen ,Vergnügung' kommt daher, daß jede Art von organisierter Zerstreuung dazu neigt, fortschreitend immer schwachsinniger zu werden."

Wer ihn ob solcher Äußerungen als konservativen Kulturkritiker abtun wollte, wird auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. Denn Huxley kann auch als Vorläufer der als links verschrieenen Friedensbewegung gelten, der etwa 1937 in dem Aufsatz „Worte und Verhaltensweisen" jene demaskierte, die meinten, „friedliebende Länder müssen sich zusammenschließen, um mit Gewalt gegen aggressive Diktaturen vorzugehen". Seine Überlegungen dazu erinnern an Karl Kraus, der eine beschönigende Wortwahl für Kriegshandlungen geißelte. Tatsächlich müßte es nach Huxley heißen: „Man kann und wird keine internationale Gerechtigkeit haben, wenn man nicht bereit ist, im Hinblick auf eine gerechte Regelung thermische, hochexplosive und chemische (heute müßte man vielleicht atomare ergänzen, Anm.) Kampfstoffe auf die Re-wohner fremder Städte abzuwerfen.. . Nach Abschluß des Verfahrens soll Gerechtigkeit von der siegreichen Partei verordnet werden." Mit dem abstrakten Wort Gewalt — weder der Golfkrieg noch die Afrika-Einsätze der allerjüngster Vergangenheit haben Huxley hierin widerlegt - werde vertuscht, daß mit Waffengewalt hergestellte Gerechtigkeit „fast unvermeidlich auf das soziale Chaos hinausläuft" und dessen Konsequenzen sind zumeist „Ungerechtigkeit, ständiger Krieg und Gewaltherrschaft' .

Die Geschichte hat den Pazifisten Huxley auch darin bestätigt, daß die Lösung aller Gesellschaftsprobleme keineswegs „durch die Angleichung der Einkommen" zu erreichen ist, wie sein Lieblingsgegner George Rernard Shaw seinen Lesern weißmachen wollte. Was Huxley in dem Essay „Revolutionen" (1929) „vorerst in weiter Ferne" sah, ist längst Wirklichkeit geworden: „Dem neureichen Proletariat wird eingeflüstert, daß es ausgeben soll, was es verdient, und sogar seinen künftigen Verdienst in die Jagd nach Konsumgegenständen investieren soll, die die Werbefachleute ihm überzeugend als Redarfs- oder zumindest unerläßliche Luxusartikel anpreisen. Der Geldumlauf und die Prosperität des modernen Industriestaates sind damit gewährleistet - so lange jedenfalls, bis die jetzt übertrieben ausgebeuteten Ressourcen des Planeten dahinzuschwinden beginnen." Für ihn ließ sich eine stabile Zivilisation nur auf einem religiösen Fundament errichten; und er war der Überzeugung, daß in den entscheidenden Fragen des Lebens Übereinstimmung unter den Weltreligionen herrsche.

Wieder wird, wer ihn wegen solcher Anschauungen etwa zum romantischen Anti-Aufklärer stempeln will, wesentliche Teile seines Werkes überblättern müssen. Er scheute sich nämlich keineswegs, so manchem Mythos auf den Grund zu gehen, etwa der angeblichen Demut des Franz von Assisi. Davon bleibt, nach der Lektüre des Essays „Franziskus und Grigorij..." (1929) nicht viel übrig. Wie oft psychologisch argumentierend, zeigt Huxley, daß die Heiligmäßigkeit des „Rruders Franz" Resultat seiner Öffentlichkeitssucht war. Ziel des Franziksus' war es, wie er einmal sagte, „ein großer Fürst" zu werden. Da er auf dem Weg dahin als Krieger kläglich scheiterte, stillte er sein Verlangen nach Berühmtheit mittels Religion.

Ähnliches weiß Huxley, trotz großer Achtung vor dem Heiligen, auch über seine Tierliebe zu berichten.

Huxley erweist sich also in den verschiedensten Wissensgebieten als Meister der essayistischen Aufklärung, deren Stilmittel Herausgeber Werner von Koppenfels so benennt: „Pointe, Paradox und die Rolle des ,advocatus diaboli', um verhärtete Denkgewohnheiten spielerisch aufzusprengen". Der am Tag der Ermordung John F. Kennedys (29. November 1963) verstorbene Aldous Huxley steht damit in bester angelsächsischer Tradition empirischen Philosophierens. Für die Herausgabe dieser Essays sei dem Verlag ein Lorbeerkranz geflochten.

BESSAYS IN DREI BÄNDEN Von Aldous Huxley Bd 1: Streifzüge. Ansichten der Natur und Reisebilder. Bd 2: Form in der Zeil. Über Literatur, Kunst, Musik.

Bd 3: Seele und Gesellschalt. Diagnosen und Prognosen Piper Verlag, München 1994. Serie Piper, ca 900 Seiten, öS 598,-.

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