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Der Umweg zum Menschen

1945 1960 1980 2000 2020

Die wiederkehrende Wahrnehmung des Bösen bedeutet auch einen Zugewinn an Freiheit und Verantwortung.

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Die wiederkehrende Wahrnehmung des Bösen bedeutet auch einen Zugewinn an Freiheit und Verantwortung.

Nur drei wirklich wichtige, existentiell anrührende Themen gebe es: die Liebe, den Tod und den Teufel. Was der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypi-orski (siehe auch Seite 5) vor etlichen Jahren formulierte, hat an Aktualität nichts eingebüßt - im Gegenteil. Die Liebe, natürlich - sie ist zweifellos eines der großen Menschheitsthemen; ebenso der Tod.

Doch der Teufel? Hier mag manch einer stutzig werden ob des vermeintlichen Anachronismus. Teufelsglauben und die moralisierende Rede vom Rosen, das, o dünkt uns, haben wir doch längst überwunden.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, mittelalterlich-klerikalen Denkens unverdächtig, ist da anderer Meinung. Das Böse sei zurückgekehrt, diagnostiziert er. Gewiß, es gab immer Böses, Nicht-sein-Sollendes, oder das, was besser nichtgetan worden wäre. Aber wir sprachen nicht darüber, genauer gesagt: Böses wurde nicht als solches benannt. Eben das hat sich geändert - das Böse ist auch in den philosophischen Diskurs zurückgekehrt.

Liessmann (der am vergangenen Wochenende ein hochkarätig besetztes Symposion über „Die Blumen des Bösen” in Lech am Arlberg veranstaltet hat; vgl. Dossier in furche Nr. 44) spricht vom Ende einer im Zuge der Aufklärung gewachsenen Illusion: böse sei nicht der Mensch - nein, dieser sei von seinem Wesen her gut; schlecht seien die Umstände in vielfältigem Sinn. Das Böse wurde, so Liessmann, soziologisiert, psychologisiert, ökonomisiert...

Und das mit Erfolg. Denn es hat in der Tat etwas ungeheuer Entlastendes, den Blick von der Schuld des einzelnen auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und etwa entwicklungspsychologischen Rahmenbedingungen menschlichen Handelns zu richten. Folgerichtig bestand der - utopische - Ansatz der Aufklärung darin, zu meinen, man müßte nur ebendiese Rahmenbedingungen verbessern, dann ließe sich das Böse eliminieren.

Nicht umsonst tauchen zwei

Ländernamen immer wieder auf, quasi als Chiffren, um das Ende dieser Illusion zu konkretisieren: Bosnien und Ruanda. Auschwitz war und ist das UrSymbol des Bösen: „Seit Auschwitz wissen wir, wozu Menschen fähig sind”, lautet einer der eingängigen und bleibend wahren Sätze des jüngst verstorbenen Viktor Frankl. Doch es bestand die Hoffnung, daß Menschen zu ähnlichem nie wieder fähig sein würden. Bosnien hat diese Hoffnung (für Europa) zerstört. Für den „Rest” der Welt gab es sie so ohnedies nie, sodaß nur das aberwitzige Ausmaß an Grausamkeit Ruanda weltweite Aufmerksamkeit brachte.

Aber was uns bei Afrika zwar irritierte, jedoch nicht in den Grundfesten erschütterte, das schockierte uns im Falle des blutigen Kriegs am Balkan: das archaisch anmutende Böse. Kein „sauberer” Krieg mit modernsten Mitteln, elegant, kühl, technokratisch, sondern blanker Haß, ethnische Un Versöhnlichkeit.

Frankl hatte seinen zitierten Worten noch einen Halbsatz hinzugefügt: „Seit Hiroshima wissen wir, was auf dem Spiel steht.” Ebendiese globale Bedrohung durch das Böse scheint mit dem Ende des Kalten Krieges gebannt. Und doch steht immer, in jedem grausam ausgetragenen Konflikt im globalen Dorf, das ganze unteilbare Ideal der Humanität und der Menschenrechte auf dem Spiel auch ohne das Risiko der physischen Totalvernichtung. Das, vielleicht, hat uns Bosnien deutlich gemacht.

Indes, so läßt sich fragen, hilft es uns, das Böse als Böses zu benennen? Oder erspart es uns nicht auch ein Stück weit die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die vielschichtiger ist, als die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse nahelegt? Denn eines ist gewiß: Vom Bösen geht ebensosehr wie Schrecken und Abscheu auch Faszination aus. Dies zeigt sich in der Unterhaltungsindustrie unserer Frei-zeitgesellschaft und - weniger unmittelbar breitenwirksam doch nicht minder relevant -in der Kunst. Sich diese Anziehungskraft nicht einzugestehen, öffnet womöglich dem unvermittelten Ausbruch des Bösen erst recht Tür und Tor. Und ist nicht die Ästhetisie-rung des Bösen in der Kunst auch eine Möglichkeit seiner Zivilisierung. Dies aber setzt voraus, das Böse als schillerndes Phänomen wahrzunehmen, nicht nur eindimensional als moralische Kategorie.

Doch was ist denn dieses Bö se überhaupt? Läßt sich in einer nur im postmodernen Sinn religiösen Gesellschaft vom Bösen klar sprechen? Der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier meinte kürzlich in einer Fernsehsendung zum Thema lapidar: „Natürlich wissen wir, was böse ist.” Das erinnert an die Gedanken des Aure-lius Augustinus über die Zeit: Wenn man ihn frage, so der christliche Denker, was Zeit sei, könne er darüber keine Auskunft geben, doch im alltäglichen Leben wisse er es ganz selbstverständlich. Analoges läßt sich wohl vom Bösen sagen: Wir vermögen es nicht begrifflich zu fassen, doch gibt es offenbar ein allgemein menschliches Wissen um das Böse.

Genau in dieser Spannung steht die Diskussion also: Das Ende der aufklärerischen Illusion von der Eliminierung des Bösen erlaubt es, nein, fordert es, Böses wieder als Böses zu benennen. Demgegenüber steht die Ambivalenz des Bösen -diese nicht zur Kenntnis zu nehmen hieße, sich der Chance auf Kultivierung und Subli-mierung des Bösen zu begeben. Hier wäre noch hinzuzufügen, daß das radikal Gute ebensowenig eindeutig ist, wie sein begrifflicher Widerpart: Das Böse, das im Namen des Guten in der Geschichte begangen wurde, gibt Zeugnis davon. In der saloppen Formulierung des deutschen Philosophen Martin Seel lautet diese Erkenntnis: „Der reine Gute ist nicht ganz so gut, wie der nicht ganz so Gute”.

So bleibt am Schluß vielleicht jene Wahrheit, die der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem eben erschienenen Buch über das „Böse” als Untertitel formuliert hat: im Bösen manifestiert sich das „Drama der Freiheit”. Freiheit sei ohne die Möglichkeit zum Bösen nicht zu haben. Umgekehrt bedeutet die wiedergekehrte Wahrnehmung des Bösen einen Zugewinn an individueller Verantwortung und Freiheit.

Worin diese gründen können, deutet Safranski nur an: „Wenn man aufhört, an Gott zu glauben, bleibt nichts mehr übrig, als an den Menschen zu glauben. Dabei kann man die überraschende Entdeckung machen, daß der Glaube an den Menschen womöglich leichter war, als man noch den Umweg über Gott nahm.”

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