Der "Wahrheitströpfler"

Gezielt geschwiegen: 61 Jahre nach Kriegsende hat der rigorose Moralist Günter Grass seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS zugegeben - und noch einmal beinhart kalkuliert. von cornelius hell

Günter Grass, einer der letzten Großintellektuellen, ist demontiert: nicht, weil er bei der Waffen-ss war, sondern weil er das sechs Jahrzehnte verschwiegen hat. Jahrzehnte, in denen er die halbherzige Aufarbeitung der Vergangenheit geißelte. Und am Wochenende das Geständnis in der Frankfurter Allgemeinen: sprachlich schludrig, wie der Nobelpreisträger außerhalb seiner Romane oft ist, unpräzise in den Details und ohne Erklärung für das lange Schweigen. Wobei die Herren der faz bemerkenswert handzahm nachfragten - schließlich wollte man das Exklusivgeschäft nicht gefährden: Kommendes Wochenende werden in einer Sonderbeilage Auszüge aus der im September erscheinenden Autobiographie abgedruckt. Der linke Parade-Vordenker als Medienprofi im Deal mit dem publizistischen Flaggschiff der Konservativen - eine Win-Win-Situation, wie man das im Business-Jargon postpolitischer Zeiten nennt: Zeitung und Autor können ihre Auflage steigern.

Kalkül also beim Verschweigen wie bei der Veröffentlichung. Beim Verschweigen: Als Grass den Nobelpreis entgegennahm oder Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Danzig wurde, musste er denken: Wenn sie die Wahrheit wüssten, stünde ich jetzt nicht hier. Bei der Veröffentlichung: In amerikanischen Dokumenten wie in Stasi-Akten, deren Veröffentlichung bevorsteht, scheint auf, dass Grass bei der Waffen-ss war. Möglicherweise wollte er der Aufdeckung zuvorkommen.

Dass Grass fürchten musste, den Nobelpreis (und etliche andere Auszeichnungen) nicht zu bekommen, wenn seine Mitgliedschaft bei der Waffen-ss bekannt wäre, zeigt freilich auch die ausweglose Situation vieler Männer seiner Generation in Deutschland und Österreich: dass ihnen die Nazi-Begeisterung als Jugendliche - Grass hat sie immer eingestanden - lebenslang nicht verziehen wurde, egal, was sie danach gemacht haben. Insofern hat Martin Walser recht: Das lange Schweigen von Grass "wirft ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk-und Sprachgebrauch". Was Walser nicht sagt: Grass hat wie kaum ein anderer zu diesem Klima beigetragen. Und geschwiegen, während er andere, die geschwiegen haben, öffentlichkeitswirksam verurteilt hat.

Im Verurteilen ist Grass auch jetzt noch groß: In dem zweiseitigen Interview nehmen der Rassismus in Amerika und die Lügen der Adenauer-Zeit mehr Raum ein als die Auskunft, was mit ihm selbst geschehen ist. Dass auch er Teil dieser Lügen-Gesellschaft war, scheint er nicht einmal jetzt zu bemerken. Dennoch: Die Situation des bald 80-jährigen Grass, der zwar mit Robert Schindel über die Mitgliedschaft bei der Waffen-SS sprechen konnte, aber nicht einmal mit den eigenen Kindern, hat eine Tragik, die billige Entrüstungen verbietet. Jede Verurteilung muss sich zudem die Frage gefallen lassen, ob dahinter nicht die Wut eines enttäuschten Grass-Verehrers oder die Häme des politischen Gegners steht. Ganz zu schweigen von denen, die eine Rückgabe des Nobelpreises fordern, weil sie zwischen Person und Werk nicht unterscheiden können.

Günter Grass, der "Wahrheitströpfler" (so der Historiker Michael Wolffsohn), der noch mit seinem Geständnis ein frivoles Kalkül treibt - dabei könnte man es bewenden lassen, wäre da nicht der eigentliche Skandal seines Interviews, den nur die Neue Zürcher Zeitung bemerkt hat: Grass spricht über seine Treffen mit Paul Celan, der "ganz in die eigene Arbeit vertieft und im übrigen von seinen realen und übersteigerten Ängsten gefangen" war. So spricht ein Deutscher, der sich mit dem Juden Celan, dessen Eltern im kz ermordet wurden, nur durch Verschweigen der Mitgliedschaft bei der Waffen-ss anfreunden konnte. Und über Celans Lyrik, die man als ein einziges Totengedächtnis lesen kann, sagt Grass: "feierlich, sehr feierlich. Wenn er seine Gedichte vortrug, hätte man Kerzen anzünden müssen." Günter Grass ist nicht nur ein infamer Mensch, es fragt sich auch, was er von Literatur versteht, wenn er zufällig nicht von seiner eigenen redet. Und sollte er wieder einmal über Literatur und Moral schwadronieren, wäre Gelächter die einzig adäquate Antwort. Doch es bleibt einem im Halse stecken, wenn man daran denkt, wie wichtig sein Lebensthema Erinnerung einmal war. Er hat nur sich selbst davon ausgenommen.

cornelius.hell@furche.at

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