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Literatur

Der Wodka und die Liebe

1945 1960 1980 2000 2020
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Alexander Ikonnikow bringt das heutige russische Leben unglaublich witzig und unglaublich brutal auf den Punkt

Das Buch "Taiga blues" von Alexander Ikonnikow hilft Wodka sparen, weil einem dabei auch so die Tränen kommen. Etwa ob des Schicksals, mit dem der stockbesoffene Rettungsarzt Sergej Nikolajewitsch hadert, nachdem ihn das Rettungsauto, scharf bremsend, kurz vor Morgengrauen an der Bar abgesetzt hat.

Die Erzählungen von Alexander Ikonnikow haken alle bei irgendeiner mehr oder weniger grotesken, absurden Situation im großen Russland an, die meist eine völlig alltägliche Situation ist und häufig entweder mit Wodka oder mit der Liebe zu tun hat. Und zwar mit allen Spielarten der Liebe und den damit verbundenen Komplikationen, die, wenn sie nicht mit dem Problem, ein geeignetes Plätzchen dafür zu finden, meist ebenfalls mit dem Wodka zusammenhängen. Oft ist aber auch einfach das herrliche, einfache, bequeme und bekanntlich auch überaus sichere Leben im heutigen Russland Thema. Wenn eine hochrangige Delegation aus Moskau bei der Ankunft nirgends pinkeln kann, weil auf dem Bahnhof kein Klo benützbar ist, gibt es natürlich selbst in einem so reibungslosen Land kleine Probleme, die sich erst in einem Gläschen Wodka auflösen.

Eingangs erwähnter Sergej Nikolajewitsch hat sich allerdings selber alles vermasselt. Dabei war es ihm endlich gelungen, den Job als Rettungsarzt an den Nagel zu hängen und eine anständige Arbeit als Portier zu finden, bei der er nichts zu tun hatte, als die Alarmanlage einzuschalten, keinesfalls ans Fenster zu treten (wegen der Scharfschützen) und die ganze Nacht fernzusehen. Warum musste er seinem blödsinnigen Impuls aus dem früheren Berufsleben nachgeben und einen Halbwüchsigen verarzten, der auf der Straße gestochen wurde. Hinauswurf wegen Unzuverlässigkeit. Der Zwischenfall hätte ja auch eine Falle sein können. Jetzt ist er wieder zum Rettungsarzt abgestiegen.

Alexander Ikonnikow wurde in der Provinzstadt Urshum bei Kirow geboren, ist 28 Jahre alt, studierte Germanistik und arbeitete als Dorfschullehrer und Dolmetscher. Zwar gibt es in Russland keine Zensur mehr, trotzdem konnten seine Erzählungen dort bisher nicht erscheinen. Sie sind wohl zu russisch. Und bei aller Überdrehtheit zu wirklichkeitsnah. Nun brachte sie der Alexander Fest Verlag heraus, was vermutlich für Ikonnikow besser ist. Unter dem deutschen Titel wäre das Buch vielleicht sogar in Russland platzierbar. Wer will in einem im Schlamm der Korruption versinkenden Land "Berichte aus der Schlammzeit" lesen?

Allzu wirklichkeitsnah für russische Leser ist wohl auch das Dorf Lipki, das zur Patrice-Lumumba-Sowchose gehört. Seit der Traktorist Genka mit dem Traktor das Bein des Agronomen überrollt hat, ist dort nichts mehr los. Beide haben sich auf freiem Feld betrunken und sind unter dem Anhänger eingeschlafen. Genka wachte in der Nacht auf, fand den Agronomen nicht, fuhr heim, dabei ist es passiert. Die Sache mit dem Bein des unter dem Anhänger schlafenden Agronomen. Aber seither: Kein Gesprächsstoff mehr. Bis Valentin, der zwei Bullenkälber an das Fleischkombinat geliefert hat, mit einem Karton zurückkommt, der zu groß für einen Fernseher und zu klein für einen Kühlschrank ist.

Im Karton befindet sich eine Waschmaschine, damit dem armen Valentin nicht seine Frau ständig in den Ohren liegt, dass er ihr nicht im Haushalt helfe. Sie soll, meint er, den Stecker in die Steckdose stecken, während er die Gebrauchsanweisung liest, aber leider ist, wie sich herausstellt, die Gebrauchsanweisung nicht auf russisch und der Stecker passt nicht in die Steckdose. Was im Moment auch weiter nichts ausmacht, weil es sich um eine Waschmaschine für 350 Volt handelt, während das Dorf nur 220 Volt hat. Kein Problem, der Elektriker wird den 350-Volt-Strom vom Mast abzapfen, nur ist er gerade auf einer Sauftour, die ihn für einen Monat lahm legen wird. Was im Moment aber ebenfalls nicht viel ausmacht, weil Valentin nicht bedacht hat, dass die Waschmaschine einen Abfluss benötigt. Er gedenkt also eine Kanalisation zu bauen. Bis dahin steht die Waschmaschine im Wohnzimmer neben dem Fernseher, geschmückt mit einem Häkeldeckchen und einer Vase mit künstlichen Rosen drauf.

Alexander Ikonnikow ist ein neuer russischer Erzähler von Rang. Ein Virtuose nackter, scheinbar kunstloser, tatsächlich aber überaus raffinierter, lapidarer Erzählkunst. Er schreibt so trocken, dass der trockenste Wodka dagegen süß ist. Und er bringt das Leben im heutigen Russland unglaublich brutal auf den Punkt. Unglaublich brutal und meistens auch unglaublich witzig. Wenn auch nicht immer. Manche Geschichten sind tief traurig. Etwa die kurze Erzählung "Morgendliche Geräusche", wo sich in den Botschaften auf dem Anrufbeantworter alle Tragik eines Lebens konzentriert. Der Student Wadik liegt schon unten auf dem Pflaster, während ihm der Vertreter der Firma "Leben und Lächeln" mitteilt, dass er zwei Tuben Erfrischungscreme gewonnen hat und mit 140 Rubel Einsatz den neuen Staubsauger Turbo dreitausend gewinnen kann. Aber auch "Beim Haus der sieben Greise" ist von dieser Sorte. Sie könnten einem leid tun, die sieben Greise, die tagaus, tagein auf ihrem Bankerl sitzen, auf den Tod warten und von den Jungen nur verhöhnt und beleidigt werden. Bis man erfährt, wer sie sind: "Wie viele Leute habt ihr an die Wand gestellt? Antwortet, ihr Pfeifen!"

Eine der köstlichsten, typischsten Geschichten ist die vom Rekruten, der von seinen Vorgesetzten einfach irgendwo in der kasachischen Steppe vergessen wird. Als sie sich an ihn erinnern, ist die Aufregung groß, aber er ist nicht umgekommen. Er hat längst eine Frau und ein Haus und ist ein glücklicher Mensch.

Kirow an der Wjatka, wo Ikonnikow lebt, liegt 800 Kilometer östlich von Moskau. Das Material für seine Erzählungen sammelt er, indem er per Anhalter durch Russland reist. Ikonnikow ist der Glücksfall eines Autors, der genau die richtige Sprache für sein Thema gefunden hat. Die meisten Geschichten sind kurz: zwei, drei, höchstens fünf Seiten lang. Winzige Ausschnitte zwischen himmelhoch jauchzend, Alltagsnot und Katzenjammer hin und her gerissenen russischen Lebens, in dem man alle mögliche Unbill erleidet, selten aber Einsamkeit, denn als "die Parteifunktionäre die grauen, gleichförmigen Fünf-Etagen-Häuser bauen ließen, sorgten sie dafür, dass die russischen Bürger Seele an Seele leben können - mal kriecht dir der Nachbar in die Seele, mal du ihm."

TAIGA BLUES

Von Alexander Ikonnikow

Übersetzung: Annelore Nitschke

Alexander Fest Verlag, Berlin 2002

176 Seiten, geb., e 14,50

Alexander Ikonnikow bringt das heutige russische Leben unglaublich witzig und unglaublich brutal auf den Punkt

Das Buch "Taiga blues" von Alexander Ikonnikow hilft Wodka sparen, weil einem dabei auch so die Tränen kommen. Etwa ob des Schicksals, mit dem der stockbesoffene Rettungsarzt Sergej Nikolajewitsch hadert, nachdem ihn das Rettungsauto, scharf bremsend, kurz vor Morgengrauen an der Bar abgesetzt hat.

Die Erzählungen von Alexander Ikonnikow haken alle bei irgendeiner mehr oder weniger grotesken, absurden Situation im großen Russland an, die meist eine völlig alltägliche Situation ist und häufig entweder mit Wodka oder mit der Liebe zu tun hat. Und zwar mit allen Spielarten der Liebe und den damit verbundenen Komplikationen, die, wenn sie nicht mit dem Problem, ein geeignetes Plätzchen dafür zu finden, meist ebenfalls mit dem Wodka zusammenhängen. Oft ist aber auch einfach das herrliche, einfache, bequeme und bekanntlich auch überaus sichere Leben im heutigen Russland Thema. Wenn eine hochrangige Delegation aus Moskau bei der Ankunft nirgends pinkeln kann, weil auf dem Bahnhof kein Klo benützbar ist, gibt es natürlich selbst in einem so reibungslosen Land kleine Probleme, die sich erst in einem Gläschen Wodka auflösen.

Eingangs erwähnter Sergej Nikolajewitsch hat sich allerdings selber alles vermasselt. Dabei war es ihm endlich gelungen, den Job als Rettungsarzt an den Nagel zu hängen und eine anständige Arbeit als Portier zu finden, bei der er nichts zu tun hatte, als die Alarmanlage einzuschalten, keinesfalls ans Fenster zu treten (wegen der Scharfschützen) und die ganze Nacht fernzusehen. Warum musste er seinem blödsinnigen Impuls aus dem früheren Berufsleben nachgeben und einen Halbwüchsigen verarzten, der auf der Straße gestochen wurde. Hinauswurf wegen Unzuverlässigkeit. Der Zwischenfall hätte ja auch eine Falle sein können. Jetzt ist er wieder zum Rettungsarzt abgestiegen.

Alexander Ikonnikow wurde in der Provinzstadt Urshum bei Kirow geboren, ist 28 Jahre alt, studierte Germanistik und arbeitete als Dorfschullehrer und Dolmetscher. Zwar gibt es in Russland keine Zensur mehr, trotzdem konnten seine Erzählungen dort bisher nicht erscheinen. Sie sind wohl zu russisch. Und bei aller Überdrehtheit zu wirklichkeitsnah. Nun brachte sie der Alexander Fest Verlag heraus, was vermutlich für Ikonnikow besser ist. Unter dem deutschen Titel wäre das Buch vielleicht sogar in Russland platzierbar. Wer will in einem im Schlamm der Korruption versinkenden Land "Berichte aus der Schlammzeit" lesen?

Allzu wirklichkeitsnah für russische Leser ist wohl auch das Dorf Lipki, das zur Patrice-Lumumba-Sowchose gehört. Seit der Traktorist Genka mit dem Traktor das Bein des Agronomen überrollt hat, ist dort nichts mehr los. Beide haben sich auf freiem Feld betrunken und sind unter dem Anhänger eingeschlafen. Genka wachte in der Nacht auf, fand den Agronomen nicht, fuhr heim, dabei ist es passiert. Die Sache mit dem Bein des unter dem Anhänger schlafenden Agronomen. Aber seither: Kein Gesprächsstoff mehr. Bis Valentin, der zwei Bullenkälber an das Fleischkombinat geliefert hat, mit einem Karton zurückkommt, der zu groß für einen Fernseher und zu klein für einen Kühlschrank ist.

Im Karton befindet sich eine Waschmaschine, damit dem armen Valentin nicht seine Frau ständig in den Ohren liegt, dass er ihr nicht im Haushalt helfe. Sie soll, meint er, den Stecker in die Steckdose stecken, während er die Gebrauchsanweisung liest, aber leider ist, wie sich herausstellt, die Gebrauchsanweisung nicht auf russisch und der Stecker passt nicht in die Steckdose. Was im Moment auch weiter nichts ausmacht, weil es sich um eine Waschmaschine für 350 Volt handelt, während das Dorf nur 220 Volt hat. Kein Problem, der Elektriker wird den 350-Volt-Strom vom Mast abzapfen, nur ist er gerade auf einer Sauftour, die ihn für einen Monat lahm legen wird. Was im Moment aber ebenfalls nicht viel ausmacht, weil Valentin nicht bedacht hat, dass die Waschmaschine einen Abfluss benötigt. Er gedenkt also eine Kanalisation zu bauen. Bis dahin steht die Waschmaschine im Wohnzimmer neben dem Fernseher, geschmückt mit einem Häkeldeckchen und einer Vase mit künstlichen Rosen drauf.

Alexander Ikonnikow ist ein neuer russischer Erzähler von Rang. Ein Virtuose nackter, scheinbar kunstloser, tatsächlich aber überaus raffinierter, lapidarer Erzählkunst. Er schreibt so trocken, dass der trockenste Wodka dagegen süß ist. Und er bringt das Leben im heutigen Russland unglaublich brutal auf den Punkt. Unglaublich brutal und meistens auch unglaublich witzig. Wenn auch nicht immer. Manche Geschichten sind tief traurig. Etwa die kurze Erzählung "Morgendliche Geräusche", wo sich in den Botschaften auf dem Anrufbeantworter alle Tragik eines Lebens konzentriert. Der Student Wadik liegt schon unten auf dem Pflaster, während ihm der Vertreter der Firma "Leben und Lächeln" mitteilt, dass er zwei Tuben Erfrischungscreme gewonnen hat und mit 140 Rubel Einsatz den neuen Staubsauger Turbo dreitausend gewinnen kann. Aber auch "Beim Haus der sieben Greise" ist von dieser Sorte. Sie könnten einem leid tun, die sieben Greise, die tagaus, tagein auf ihrem Bankerl sitzen, auf den Tod warten und von den Jungen nur verhöhnt und beleidigt werden. Bis man erfährt, wer sie sind: "Wie viele Leute habt ihr an die Wand gestellt? Antwortet, ihr Pfeifen!"

Eine der köstlichsten, typischsten Geschichten ist die vom Rekruten, der von seinen Vorgesetzten einfach irgendwo in der kasachischen Steppe vergessen wird. Als sie sich an ihn erinnern, ist die Aufregung groß, aber er ist nicht umgekommen. Er hat längst eine Frau und ein Haus und ist ein glücklicher Mensch.

Kirow an der Wjatka, wo Ikonnikow lebt, liegt 800 Kilometer östlich von Moskau. Das Material für seine Erzählungen sammelt er, indem er per Anhalter durch Russland reist. Ikonnikow ist der Glücksfall eines Autors, der genau die richtige Sprache für sein Thema gefunden hat. Die meisten Geschichten sind kurz: zwei, drei, höchstens fünf Seiten lang. Winzige Ausschnitte zwischen himmelhoch jauchzend, Alltagsnot und Katzenjammer hin und her gerissenen russischen Lebens, in dem man alle mögliche Unbill erleidet, selten aber Einsamkeit, denn als "die Parteifunktionäre die grauen, gleichförmigen Fünf-Etagen-Häuser bauen ließen, sorgten sie dafür, dass die russischen Bürger Seele an Seele leben können - mal kriecht dir der Nachbar in die Seele, mal du ihm."

TAIGA BLUES

Von Alexander Ikonnikow

Übersetzung: Annelore Nitschke

Alexander Fest Verlag, Berlin 2002

176 Seiten, geb., e 14,50