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Deutschland — kein Wintermärchen

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Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber, der Wind riß von den Bäumen das Laub, da reist ich nach Deutschland hinüber,

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Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber, der Wind riß von den Bäumen das Laub, da reist ich nach Deutschland hinüber,

MIT EINEM DEMENTI SEI BEGONNEN. Man schrieb nicht November, als der Verfasser die Gastfreundschaft der Deutschen Bundesrepublik genoß. Was tut’s. Wind und Wetter erinnerten auf jeden Fall an den Spätherbst 1844, in dem Heinrich Heine in Paris die Reisekutsche bestieg, um dem vielgeschmähten, vielgeliebten Land östlich des Rheins einen Besuch abzustatten. „Deutschland — ein Wintermärchen“, das war der Eindruck und das literarische Ergebnis dieses Wiedersehens. Die Frage ist ebenso müßig wie verlockend, welches Lied der Dichter der deutschen Gegenwart singen würde. Uns fehlen die Voraussetzungen, um eine solche Begegnung über die Zeit hinweg auch nur nachempfinden zu können. Da uns aber unser Weg auf weiten Strecken in den Spuren von Heines Winterreise führte, gelang es nicht, seinen Schatten zu meiden und mitten in der deutschen Wirklichkeit die Verse des Spötters aus dem Kopf zu bringen.

Zu Köllen kam ich spätabends an, da hört ich rauschen den Rheinfluß, da fächelte mich schon deutsche Luft, da fühlt ich ihren Einfluß —

VON KÖLN ABER IST ES NICHT WEIT NACH BONN. Ja die Frage ist sogar berfch- tigt, ob wir es heute überhaupt noch mit zwei getrennten Städten zu tun haben. Verwaltungsmäßig gewiß. Aber auch die Kilometerentfernung zwischen den beiden Nachbarstädten am Rhein ist kein Argument, auch wenn es keine direkte Autobahn — die erste Deutschlands — und keine elektrische Schnellbahn gäbe. Das alles hat an Ueberzeugungskraft verloren, seitdem der Bürgermeister von Köln die stille und etwas verschlafene Universitätsstadt zum Sitz der deutschen Bundesregierung erkoren hat. Viel ist über die „kleine Residenz am Rhein“ schon geschrieben und gewitzelt worden (Bonn-Witze gehören zu dem stehenden Repertoire der deutschen Conferenciers wie hierzulande einst die Staatsvertragsgeschichten). Das Thema kann rr an mdden. Dent rstęns. stejht oröeso. die Gįefahr, unoriginell zru werden, und außerdem — ja außerdem gerät man beim Weiterschreiten auf der Bahn solcher Gedanken leicht in die politische Minenzone. Niemand leugnet jedoch, daß der Bonner Genius loci nicht ohne Einfluß auf die deutsche Politik geblieben ist. Was drängt sich nicht hier in den engen Gassen der alten Universitätsstadt, aus deren Gesicht die Male des Krieges noch nicht zur Gänze getilgt sind, Zusammen: Politiker, Diplomaten, Journalisten, Beamte ... Nicht zu vergessen: die Abgesandten der einflußreichen Interessenverbände, die Verbindungsmänner der Wirtschaft eines Achtund- vierzigmillionenvolkes. Nur zu natürlich ist es, daß der enge Raum die Reibungsflächen vergrößert und vergröbert. Das fehlende kulturelle Engagement läßt — mehr noch als anderswo — die Intrige zu einer Art Gesellschaftsspiel werden. Die Konzentration der Arbeit in beschaulicher Atmosphäre — ein Hauptargument der Fürsprecher Bonns als Regierungssitz — hat dagegen einen schweren Stand. Dennoch wird der „Baustopp für Bonn" — eher ein Traum als eine Forderung aller Berlin-Freunde in der deutschen Politik — nicht sobald Wirklichkeit werden. Die „Berlin-Initiative“ des CDU-Abgeordneten Bu- cerius, die vornehmlich in dessen angesehenem Blatt „Die Zeit“ vertreten wird, findet an zuständiger Stelle wenig Gegenliebe. Und auch von jenen, die Beifall klatschen, schielen nicht wenige auf den politischen Kalender. Auf diesem aber sind in großen Buchstaben für Herbst 1957 Bundestagswahlen eingetragen. Doch halt, wir haben unseren Vorsafz, die Zone politischer Tretminen zu meiden, nicht gehalten, jetzt heißt es, so schnell wie möglich wieder herauszukommen. Am besten, hinunter zum Rhein. An seinen Ufern schweigt die Politik, hier ist die deutsche Romantik zu Hause.

Und als ich an die P.heinbrücke kam, wohl an die Hafenschanze, da sah ich fließen den Vater Rhein im stillen Mondenglanze.

IRRTUM: DER ÜBEP DEM RHEINTAL GLÄNZENDE MOND bricht sich heute in den weiten Glasfenstern des Deutschen Bundeshauses. Wir wollten der Politik auf eine stille Stunde entfliehen — wir geraten mitten in ihren Mahlstrom, als wir am nächsten Tag die weiten Flügeltüren des „Weißen Hauses am Rhein“, des „Aquariums" — so der Volksmund —, passiert hatten. Deutsche Abgeordnete widmen sich den österreichischen Gästen. Gleich die Vorstellung macht uns mit einem der widerspruchsvollsten Politiker der Deutschen Bundes-

republik bekannt: „Das ist der Herr Abgeordnete X von der CDU, diese die Frau Abgeordnete Y von der SPD, dieser... — und ich heiße Thomas.“ Der auch in seinem persönlichen Auftreten sprunghaft wirkende Mann mit der goldgeränderten Brille, der soviel Wert auf die Gedankenassoziation „Thomas, der Zweifler“ legt, ist natürlich Thomas Dehler. Das Gespräch bestätigt den ersten Eindruck und illustriert bestens alles, was man über den Politiker Dehler bisher gehört und gelesen hat. Natürlich ist das Thema bald Staatsvertrag, Deutsches Eigentum, die Beziehungen zwischen Oesterreich und der Deutschen Bundesrepublik. Thomas Dehler wird sehr lebhaft. „Wir hätten von Oesterreich lernen sollen“, meint er mit einer höflichen Referenz vor den österreichischen Besuchern, als Oesterreichs Außenpolitik, die zum Staatsvertrag führte, beiläufig erwähnt wird. Fünf Minuten später ist derselbe Dr. Dehler aber sehr kratzbürstig. Mag sein, daß der Themenwechsel — nun spricht man von den schwebenden Vermögensverhandlungen — sein Teil an dieser Sinnesänderung gehabt hat. Ziemlich unvermittelt stößt er in ein Frage-und-Antwort-Spiel hinein: „I h r Herr Hitler“, nimmt bald darauf seinen Hut und verabschiedet sich unvermittelt. Man kann dem Kollegen, der einen „kabarettistischen Zug“ im Wesen dieses umstrittenen Politikers entdeckt zu haben glaubt, nicht widersprechen. Nicht uninteressant ist auch die Begegnung mit einigen Abgeordneten der SPD — die CDU war leider nicht mit ihren stärksten parlamentarischen Wortführern vertreten. Die gradlinige Art des Vorsitzenden des Berliner Abgeordnetenhauses, Brandt — ein Sozialist aus der Schule Bürgermeister Reuters —, fällt auf. Beinahe zwangsläufig kommt das Gespräch auf die „Koalitionsfrage", auf die Frage einer parlamentarischen Zusammenarbeit von Christen und Sozialisten auch in der Bundesrepublik. Das Thema ist zur Stunde nicht aktuell. Kann es aber innerhalb Jahresfrist werden. Denn auch die größten Optimisten im Lager der CDU geben sich keiner Täuschung hin, daß die Bundestagswahlen auf jeden Fall das Ende der absoluten Mehrheit ihrer Partei bringen werden. Und dann erhebt 5 sich aufs neue die alte Frage. Von sozialistischer Seite legt man verständlicherweise zur Stunde Zurückhaltung an den Tag. „In Reserve halten für den Tag der Wiedervereinigung“ ist der Tenor des Gespräches mit den deutschen Politikern der anderen Fakultät.

Ich bin in diesem langweiligen Nest ein Stündchen herumgeschlendert.

Sah wieder preußisches Militär,

hat sich nicht sehr verändert.

WACH AUF, HEINRICH HEINE! Heute würdest du deine Preußen nicht sobald erkennen. Ihr Anblick hat sich sehr wohl verändert. Nicht nur seit deinen Tagen, sondern auch — und noch mehr — seit zwölf Jahren. Im D-Zug Bonn—Hamburg sah ich den ersten Soldaten der

Deutschen Bundeswehr. Er stand in der dunkel- grauati Uniform, die ihr amerikanisches Vorbild nur schwer verleugnen kann, eingekeilt im Korridor des Waggons. Das junge Gesicht unter der Tellerkappe verriet, daß die Schrecken des zweiten Weltkriegs und des deutschen Zusammenbruchs ihm nur unklare Kindheitserinnerungen sein können. Wohin geht die Reise, Freund?

Wohin, zu welchem Ende führt die Aufstellung deutscher Streitkräfte durch die Deutsche

Bundesrepublik? Auch ein Mann wie General Heusinger zögert mit der Antwort. Er zögert aber nicht, dem österreichischen Gesprächspartner eine Reihe sehr schmeichelhafter Dinge über die Lösung der „Wehrfrage“ in Oesterreich durch dessen Regierung und Volk zu sagen. Ueberhaupt: „Kamerad Schnürschuh" ist bei den Wehrexperten der Deutschen Bundesrepublik hoch im Kurs. Mit Aufmerksamkeit verfolgt man seine Schritte. Freilich, das Problem in der Bundesrepublik ist viel dorniger. Die psychologischen Voraussetzungen sind grundverschieden. Und die mitunter bei uns unterbewertete „Traditionsfrage“, hier erlebt man sie in ihrer ganzen Tragweite. Der Kern der Wehrmacht des Zweiten wie auch des Dritten Reiches war preußisch. Nun wird eine neue deutsche Armee aufgestellt. Am Rhein und nicht in Potsdam. Seit den Tagen des Türkenlouis, seit Roßbach und den Rheinbundfürsten hatte der westdeutsche Raum keine eigene militärische Entwicklung. Kann man, will man, darf man aber. Potsdam an den Rhein verpflanzen?

LInser junger Grenadier trägt diese Fragen und Zweifel mit seinem, amerikanischen Vorbildern entlehnten, dunkelgrauen Rock sichtbar vor aller Welt.

Die Stadt, zur Hälfte abgebrannt, wird aufgebaut allmählich; wie ’n Pudel, der halb geschoren ist, sieht Hamburg aus, trübselig. .

AUCH VON DIESEM VERS könnte Heine heute nur die beiden ersten Zeilen halten. Mag auch die Aehnlichkeit des Hamburg nach dem gioßen Brand von 1842, das Heine beschreibt, und dem Hamburg nach dem zweiten Weltkrieg bedrückend gewesen sein. Doch die Stadt an der Elbe und Alster hat die zwölf Jahre, die seither ins Land gingen, genützt. Mögen auch bei Kriegsende 52 Prozent des Wohnraums unbenutzbar gewesen sein — heute lebt die Stadt wieder. Ihr Herz schlägt sogar kräftiger als das aller anderen deutschen Städte. Hamburg: das ist sein Hafen, der Wald der Kräne, die Unzahl der Docke und Lagerhäuser. Wäre nicht das große Kreuz auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wo 40.000 Opfer des Bombenkrieges zur letzten Ruhe gebettet sind, in einigen Jahren wird kein Fremder der Stadt" ihren zweiten „großen Brand" mehr anmerken. Neue Bezirke erstehen. Private Bautätigkeit wetteifert mit geschmackvollen Siedlungen, wie der vom Deutschen Gewerkschaftsbund geförderten „Neuen Heimat“. „Schauen Sie weg, das hier ist leider typischer Kasernenstil. Knapp nach Kriegsende ging es nicht besser, heute würde kein Mensch mehr so bauen", sagt der Führer und versucht das Auge des Besuchers von einer Gruppe Häusern abzulenken, die aufs Haar jenen Bauten gleichen, mit denen die Gemeinde Wien unserer Stadt einen „sozialistischen Gründerstil" beschert.

Die Luft weht vom Meer her. Das Meer aber bedeutet Freiheit und Weite. Sein Wind hat vor mehr als einem Jahrhundert Heinrich Heine beflügelt. Der alte Hanseatengeist ist lebendiger als man denkt. Niemand darf sich wundern, wenn er die Hamburger nicht von ihrer Stadt, sondern von ihrem Staat reden hört.

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, er segne deine Saaten, bewahre dich vor Krieg und Ruhm, vor Helden und Heldentaten.

WIR HABEN DEUTSCHLAND GESEHEN. Kurz war unser Besuch, vielfach und nachhaltig die Eindrücke. Die Begegnung mit dem großen alten Mann der deutschen Nachkriegspolitik, die deutsche Wirtschaft, wie sie — ein Beispiel für viele — in dem buchstäblich aus Schutt zu neuem Leben erstandenen Klöckner-Humboldt- Deutz-Werke in Köln sich vorstellt, der Zeitungstrust eines Axel Springer in Hamburg, aber auch auf der anderen Seite die Fahrt in der ostzonalen S-Bahn in Berlin bei Arbeitsschluß inmitten der Menschen mit den grauen Gesichtern, in denen die Hoffnung keinen Platz zu haben scheint: das ist Deutschland, wie es sich in diesen Wintermonaten vorstellt. Kein Märchen, nüchterne Wirklichkeit.

Die Gedanken gehen zurück. Sie machen halt bei jenem alten Friedhof in Bonn, der unter hundertjährigen Bäumen die Gebeine der deutschen geistigen Elite eines Säkulum birgt. Beethovens Mutter ist hier begraben, Schillers Sohn, Robert und Clara Schumann, Moritz Arndt und viele andere. Auf dem verwitterten Grabstein einer alten Patrizierfamilie aber stehen kaum leserlich die Worte, die in großen Lettern überall dort angebracht sein sollten, wo heute Deutsche Deutschlands Zukunft gestalten: „Bleibe wach, deutsche Seele.“

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