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Die Angst vor der Zukunft wächst

1945 1960 1980 2000 2020

Der Wert des Lebens wird heute zunehmend in Frage gestellt. Was kann man dagegen unternehmen? Positive Ansätze zeigt der Philosoph Jörg Splett auf.

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Der Wert des Lebens wird heute zunehmend in Frage gestellt. Was kann man dagegen unternehmen? Positive Ansätze zeigt der Philosoph Jörg Splett auf.

DIEFURCHE: Wie kann man die Leute heute davon überzeugen, daß das Leben unbedingt wertvoll ist? JÖRG SPLE'IT: Zunächst sollten wir fragen: Warum wird das lieben so wenig als Wert gesehen? Der größte Gegenentwurf zum Christentum ist der Buddhismus. Buddha ist, wie er selber sagt, zur edlen Wahrheit erwacht, daß das Leben Leiden ist. Wenn man es vorher nicht begreift, muß man durch viele Wiedergeburten, um den Durst nach Leben loszuwerden und ins Nirwana einzugehen.

UlEFl'RGlIK: Man kann den Buddhismus doch nicht für die Lebensfeindlichkeit im Westen verantwortlich machen. SPLETH Das nicht. Ich will nur zeigen, daß auf der Ebene des Denkens die NichtWertschätzung des Lebens gegeben sein kann. Ich erinnere auch an das Wort der Griechen: Das Beste ist es, nicht geboren zu sein ... Die einfachen Leute allerdings haben immer gesagt, das Leben sei zwar kein Honiglecken, aber trotzdem leben wir lieber, als tot zu sein. Und die Bibel sagt: Besser ein lebendiger Hund als ein toter Löwe.

DIEFURCHE: Damit ist der Wert des Lebens noch nicht theoretisch begründet, SplktT: Angesichts der Endlichkeit des Lebens kann man das eigentlich nur vom Schöpfer her denken. Endliches kann ich nur positiv ertragen, wenn ich weiß, es ist mir vom Schöpfer gegeben. Wenn dieser Gedanke heute schwindet, wird die naive Vorstellung vom „am Leben Hängen” immer lauter in Frage gestellt.

DIEFURCHE: Wie soll man da für den Wert des Lebens argumentieren? SPliyiT: Ich sehe zwei Wege: Erstens das Anknüpfen bei dieser selbstverständlichen naiven Freude am Leben, obwohl das Leben schwer ist. Man sieht das an der Erschütterung von Menschen, in deren Familie ein Suizid vorkommt - oder bei vorzeitigem Tod. Da müßte man anknüpfen und sich gegen die Beflexion der Philosophen, die dem Leben den Wert aberkennen, zu verbünden. Zweitens sollte man zurückgreifen auf Erfahrungen, bei denen man erlebt, daß andere froh sind, daß man da ist. Es hilft die Erfahrung, daß mir einer sagt: Es ist gut, daß es dich gibt!

niEFlJRCIIE: Schizophren, nicht wahr? Man verfügt heute über das Leben, als wäre es ohne Wzrt, versucht aber, es um jeden Preis zu verlangern ... SPLK'IT: Das hat viele Gründe. Besonders wichtig scheint mir folgendes: Nehme ich das Leben als etwas Selbsttragendes, nicht als Geschenk, so kann ich es nur nach seinem eigenen Wert beurteilen. Dann stelle ich Lust-Schmerz- und Glück-Unglück-Bilan-zen auf und versuche, möglichst viel herauszupressen, Leid und Schmerz möglichst zu mindern. Bei einem Geschenk aber ist der eigentliche Wert nicht das, was ich bekomme. Ent-scheidend ist, daß\ch etwas bekomme. Ich zitiere gerne die Worte von Unga-retti: „Zwischen einer geschenkten Blume und einer gepflückten das un-ausdrückbare Nichts”. Der eigentliche Wert des Geschenkes ist das Ungreifbare des Geschenktseins. Wenn ich das beim Leben streiche, lande ich angesichts seiner Endlichkeit in der erwähnten Schizophrenie: zu raffen, was geht - und ein tiefsitzendes Ressentiment, daß ich nicht mehr kriege.

DIEFURCHE: Wie paßt das Leiden zu diesen Überlegungen?

SplE'1'1': Wenn ich Gott weglasse, habe ich im Umgang mit dem Leiden nur den Ausweg zu sagen: Das Leiden reift den Menschen. Allerdings ist das nur etwas für starke Naturen. Die Menschen sind aber nicht stark. Ich beobachte vielmehr, daß die Ichschwäche zunimmt. Das hängt damit zusammen - was ich sehr positiv finde - daß wir in der Kindheit nicht mehr so viel zu ertragen haben wie früher. Unsere Kinder haben zum Beispiel nie wegen Frost und Hunger geweint, was unsereins noch kannte. Nur: Dadurch ist auch die Frustrationstoleranz geringer.

DIeFüRCIIE: Grenzerfahrungen bleuten auch heutigen Kindern nicht erspart... splett: Sie werden aber eher zuge deckt. Kolakowski sagt, wir leben in einer Kultur der Analgetika. Man weicht jedem Schmerz aus, greift sofort zur Tablette. Der Ausfall der Schmerzes läßt Leute dann auch vor der Freude und dem Glück ausweichen.

DIEFi RCIIE: Das verstehe ich mihi ... splktt: Seneca hat gesagt, Freude sei eine strenge Sache. Davor weichen die Leute in Annehmlichkeiten und Vergnügungen aus. Sich auf Freude einlassen, heißt ja auch Abschiednehmen müssen, wenn sie vergeht. Und noch etwas: Die Freude vertieft sich in dem Maß, in dem ich mich vergesse und in eine andere Wirklichkeit eintrete. Für die Freude muß ich mich loslas sen, ganz auftun - weiß aber im voraus nicht, ob sich das rechnet. So lockt die Freude zwar, schreckt aber auch.

DIEFURCHE: Wie erschließt man Wege zur Freude?

SPLETl': Wenn nicht eine fundamentale Umsinnung stattfindet, kann die Freude am lieben nur abnehmen. In diesem Todeszirkel des Ausweichens vor dem Schmerz vermindert sich die Freude, daher fehlt die von ihr ausgehende Kraft. Thomas von Aquin sagte, aus Mangel an Freude stürzen sich die Menschen in Ausschweifungen. Diese lassen sie aber leer zurück, nehmen ihnen das Vertrauen. Man fragt sich: Kann man sich überhaupt noch mit Menschen einlassen? Um nicht wieder verletzt zu werden, setzt man sich nicht mehr aus. Aber: Wo man sich nicht aussetzt, kann gar nichts geschehen. Es ist wie bei der Sucht: Die Menschen sind immer dringender auf etwas angewiesen, was ihnen umso weniger bringt. Am Anfang hatten sich Horizonte des Phantastischen und der Begeisterung geöffnet und am Ende geht es nur mehr darum, den Schmerz des Entzugs zu vermeiden. Nur das Negative wird gemindert. Genau das geschieht in unserer Gesellschaft: Man erwartet nichts mehr von der Zukunft, fürchtet aber alles an ihr. Das führt zur hektischen Verlängerung und Ausbeutung des 1 ..ebens ...

DIEFURCHE: Dabei wird alles Heil in die Zukunft projiziert! splktt: Sicher - die Politiker sagen das. Aber schauen Sie in „Science fic-tion”-Romane. Früher wurden dort tolle Perspektiven gemalt. Und heute: nur Schrecken. Die Zukunft ist als befürchtete im heutigen Bewußtsein.

DIEFURCHE: Obwohl der materielle Standard so hoch wie noch nie istf splett: Sicher. Aber offensichtlich kommt es nicht darauf an. Mit Endlichkeit kann man nur fertig werden, wenn man sie in Dankbarkeit entgegennimmt. Ich sage es einmal ganz ungeschützt: Das Endliche kann ich nur annehmen, wenn ich es als Geschenk einer unendlichen Liebe erkenne. Denn das Unbegrenzte wollen wir. Aber wir können nicht unbe grenzt haben, sondern nur unbegrenzt geliebt sein. Können wir also glauben, daß wir in dem, was wir begrenzt bekommen, unbedingt geliebt sind? Dann ist man nicht mehr fixiert auf das, was man bekommt. Vielmehr ist man beglückt, daß man bekommt, was man kriegt. Zwar bleibt das Leiden. Aber es ändert sich die Struktur. Das Leben ist nicht mehr so heillos.

DIEFURCHE: Läßt sieh das vermitteln spleth Es geht um die freudige Erkenntnis: Ich darf sein. Ja, noch mehr: Ich soll gut sein. Einer der schönsten Sätze ist der von Emmanuel Levinas: Gott überhäuft mich nicht mit Gütern, aber er drängt mich zur Güte. Das ist mehr als alle Güter, mit denen man uns überhäufen könnte. Ich erkläre das meinen Studenten so: Angenommen nach eurer ersten ernsthaften Schuld, hättet ihr das Gewissen verloren. Erste Reaktion: wunderbar! Ist der Ruf erstmals ruiniert, lebt man völlig ungeniert. Aber irgendwann entdeckt man, daß man wie ein Tier auf zwei Beinen umherläuft. Man erkennt: Daß ich gut sein soll, ist etwas, was ich darf. Ich bin also auch dafür dankbar, daß Gott nicht davon abläßt, mich dazu zu verpflichten, gut zu sein. Er hätte längst sagen können: Schreiben wir den Splett ab. Dieses Dranbleiben seiner demütigen Barmherzigkeit, mit der er von mir verlangt, ich sollte lieben, finde ich eine unglaubliche Sache. Das sollte man den Menschen aufzeigen, damit sie entdecken, daß das Leben wirklich ein Geschenk ist. Von daher kann man Leid und Schuld ertragen lernen.

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