Monika Helfer - © Foto: APA / Stiplovsek Dietmar
Literatur

"Die Bagage" von Monika Helfer: Die Schönheit im Abseits

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer eine Geschichte von Neid, Missgunst und Verleumdung, die Geschichte ihrer eigenen Großmutter – und gleichzeitig eine ländliche Mentalitätsgeschichte.

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer eine Geschichte von Neid, Missgunst und Verleumdung, die Geschichte ihrer eigenen Großmutter – und gleichzeitig eine ländliche Mentalitätsgeschichte.

Ein Leben wiederzuerwecken in all seiner Farbigkeit und brüchigen Vielfalt, das vermag Literatur. Was da noch fehlt, wird schlichtweg hinzuerfunden. Von solch einem wiedererweckten Leben erzählt die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer in dem Roman „Die Bagage“. Es ist das Leben ihrer Großmutter, einer Bregenzerwälder Schönheit auf dem Lande. Maria Moosbrugger ist diese Schönheit, und ihr Mann heißt Josef. Die biblischen Namen nützen den beiden wenig im kleingeistigen Milieu einer Dorfgemeinschaft, in der die rasch wachsende Familie auf ihrem abgelegenen Bergbauernhof wegen ihrer ärmlichen Lebensführung abschätzig „Bagage“ genannt wird. Keinen elektrischen Strom, kein Fließwasser gibt es auf dem Gehöft weitab vom Dorf, und gerade eben einmal zwei Kühe und eine Ziege stehen im Stall.

Nicht nur das Naserümpfen der Dörfler über das karge Leben der Familie bestimmt das gestörte Verhältnis in der Gemeinde. Auch das Glück des guten Aussehens nährt Missgunst und Neid: „Im hintersten Tal war es nicht güns­tig für eine Frau, schön zu sein. Über die Schönheit meiner Großmutter wurde hinten im Tal noch bis über ihren Tod hinaus gesprochen.“

Am Gerüchtepranger

Natürlich merkt diese Maria, dass sie anders ist als der Rest des Dorfes. Dass ihre ganze Familie anders ist. Dass sie ausgegrenzt, abschätzig beschieden, an den Rand der Gesellschaft geschoben sind. Doch Stolz, Eigensinn und die Zuneigung zu ihrem Mann halten ihre Selbstachtung aufrecht. Josef wird, da die Geschichte vor mehr als hundert Jahren spielt, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs zur k. u. k. Armee eingezogen. Weil er um die Begehrlichkeit der Männer im Dorf weiß, die allesamt gern nach Maria Ausschau halten, trägt er dem befreundeten Bürgermeis­ter Fink auf, in seiner Abwesenheit ein Auge auf sie zu haben.

Doch dieser Gottlieb Fink ist selber hinter Maria her. „Kann es sein, dass eine so schöne Frau nur für einen Mann gemacht ist?“, scheint nicht nur er sich zu fragen. Anfangs sucht er ihre Gunst noch durch allerlei Geschenke und Hilfsdienste zu erwerben – auch eine Ausfahrt zum Jahrmarkt im nächsten größeren Ort gehört dazu.

Dort freilich läuft Maria ein junger Mann aus Hannover über den Weg, der sie fasziniert und in den sie sich, als er sie auf dem Hof ­besucht, verliebt: „Der Fremde war nämlich freundlich.“ Spätestens als sie bald darauf erneut schwanger ist, gerät sie vollends an den Gerüchtepranger. Dass ihr Mann kurz zuvor selber als Fronturlauber zu Hause war, genügt der Volksseele nicht als Vaterschaftsbeweis. Die Schönheit muss schuldig sein. Insbesondere der Pfarrer treibt mit seiner angestammten Frauenfeindlichkeit ein böses Spiel und erklärt Maria als vom Teufel besessen. Der abgewiesene Bürgermeister wiederum rächt sich an Maria, indem er sich selber zum möglichen Vater erklärt.

Dem Terror der Verleumdungen erliegt auch Josef, als er nach dem Krieg heimkehrt. Das damals geborene Töchterchen Margarethe, genannt Grete, würdigt er zeitlebens keines Blickes, keiner Berührung. Das verängstigte Mädchen, eines von sieben Kindern, wurde später die Mutter der Autorin.