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Die Dankbarlieil pflegen

1945 1960 1980 2000 2020

Fragen des Glaubens stehen eng mit Depressionen in Beziehung - im positiven wie im negativen Sinn: Gespräch mit einem Priester und Psychiater.

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Fragen des Glaubens stehen eng mit Depressionen in Beziehung - im positiven wie im negativen Sinn: Gespräch mit einem Priester und Psychiater.

DieFurche Depressionen dürften sehr weit verbreäet zu sein. Worauf führen Sie das zurück?

JÖRG MÜLLER: Es fällt auf, daß in den vergangenen Jahren die Depressionen verbunden mit Angst zunehmen. Mir scheint, das hängt auch mit der jetzigen Geschichte zusammen, mit den Kriegen, der Angst um den Wohlstand, mit der Sinnlosigkeit, dem Liebes- und Glaubensverlust. In den letzten Jahren habe ich auch in meiner Praxis festgestellt, daß die Gottesfrage, das Gottesbild tiefer damit zusammenhängt, als wir bisher angenommen haben: Menschen, die ein sehr beängstigendes Gottesverhältnis haben, neigen eher dazu, depressiv zu reagieren, wenn Krisen kommen oder Konflikte entstehen. Andererseits kann auch die Erziehung an Depressionen mitschuld sein. Wenn Kinder immer schuldig gemacht werden („Du bringst mich noch ins Grab”, „Wenn du nicht brav bist, hat dich die Mama nicht lieb”, „Die Michaela kann das - du nicht!”), können sie depressive Reaktionen entwickeln. Die Depressiven neigen dazu, sich möglichst anzupassen, weil sie Zuwendung wollen. Ihr Harmonisierungsbedürfnis ist so groß, daß sie sich lieber selbst wehtun, als daß sie anderen zur Last werden.

DieFurche: Ist das ein typisches Merkmal der Depression? MÜLLER: Die meisten Menschen, die zu mir kommen, leiden unter einer „anerzogenen”, neurotischen Depression. Solche Menschen neigen dazu, immer ja und amen zu sagen, sich nicht zu wehren, alles zu schlucken, sehr hilfsbereit und aufopferungsvoll zu sein... Oft ist das biblisch verbrämt: Man darf eben nie wütend sein... Das stimmt aber gar nicht. Die Menschen müssen lernen, ihren Ärger auch einmal auszudrücken, auch den anderen Schmerz zuzumuten. Ich kann einfach nicht erwarten, daß alle mich mögen. Die Depressiven aber wollen das. Dann gibt es auch noch die Form der Depression, wo vor allem Frauen im besten Alter eine Erschöpfungsdepression bekommen, „Burnout-Syn-drom” genannt. Sie haben sich völlig verausgabt. Sie machen keine Pausen, sie schaffen nur. Letztendlich arbeiten sie so viel, weil sie im Grunde genommen vor einer inneren Leere flüchten und diese füllen wollen.

DieFurche: Sind gläubige Menschen ebenso depressionsanfällig wie andere? MÜLLER: Wer eine ganz persönliche Gottesbeziehung hat, etwa wie Don Camillo, läuft weniger Gefahr, bei Krisen in Depression zu verfallen. Er weiß ja, wozu er da ist. Er kann dem Leid einen Sinn geben. Und das ist wichtig! Dem Leid einen Sinn zu geben, ist eine ganz wichtige Prophylaxe. Und sei es nur folgendes: „Ich kann daraus lernen, es ist für mich eine Herausforderung, der ich mich stelle. Mit Gottes Hilfe schaffe ich das.” Damit kann ich mich durchbeißen. Fehlen diese Perspektiven aber, dann bin ich alleingelassen von den Menschen. Wenn ich keinen Gott habe, zu dem ich rufen kann, dann wird die Sache problematisch. Dann können Menschen in Depressionen absacken, die man manchmal jahrelang nicht merkt. Es gibt nämlich larvierte Depressionen: Nach außen ist die Stimmung völlig okay. Aber der Körper rebelliert ständig: Funktionsstörungen, Aktionismus ... Also nach außen merkt man es nicht. Aber bei genauerem Hinsehen diagnostiziere ich eine somatisierte, verkörperlichte Depression.

DieFurche: Was ist da zu tun? MÜLLER: Einerseits ist der Arzt gefragt, andererseits aber auch der Seelsorger (Seelsorge heißt griechisch Psychotherapie). Das Wort „thera-peuo” heißt nicht nur sorgen, heilen, helfen, pflegen, sondern auch anbeten. Im Klartext: Der kerngesunde Mensch ist jener, der auch zur Anbetung Gottes gelangt. Dann ist er im Kern gesund. Ob der Körper dann auch gesund ist, ist dann sekundär.

Man sollte doch meinen, daß Christen und jene, die gläubig sind, frei von solchen depressiven Erkrankungen wären. Dem ist aber nicht so. Zum Teil waren auch Heilige oft depressiv. Ich denke an Therese von Lisieux, Johannes vom Kreuz... Sie haben depressive Phasen gehabt, die wohl die Bedingungen für ihre Heiligkeit gewesen sein dürften. Also Gott läßt das zu, damit der Mensch zu einer gewissen inneren Reifung kommt. Deswegen ist es zu kurzsichtig zu sagen: „Also, ein wirklicher Christ wird nie depressiv.” Das ist auch biblisch nicht richtig.

DieFurche: Ist also niemand vor Depressionen gefeit?

Müt.t.kr: Depression kann zwar die Folge eines falschen Denkens, eines falschen Lebens sein. Aber das ist nicht immer der Fall. Sie kann vererbt sein, sie kann durch Schockerlebnisse, eine schwere Schwangerschaft, durch Ablehnung schon in der Schwangerschaft (wenn das Kind nicht gewollt ist) Zustandekommen. Dankbarkeit ist die beste Prophylaxe bei depressiven Stimmungen. Wer Dankbarkeit übt - von morgens bis abends Gründe zum Danken sucht — der wird so rasch nicht depressiv. Denn Depressive neigen dazu, sich im Kreis zu drehen, nur ihr Problem und sich selbst zu sehen - und zu jammern: „Warum, Gott, bestrafest Du mich denn so? Was habe ich denn getan?” Das ist ein völlig falscher Ansatz. Es wäre besser danach zu suchen: „Wo ist etwas gut gelaufen? Wofür kann ich danken?”

Kurz gesagt: Die Energie wäre mehr für etwas und nicht gegen etwas zu verwenden. Wer dankbar ist, lenkt den Blick von sich weg und auf Gott hin. Wer nur bettelt, bleibt ich-fixiert und konfliktzentriert.

DieFurche: Kann man als Depressiver Dankbarkeit lernen? MÜLLER: Ja, wenn die Depression nicht endogener Art ist oder zu tief sitzt. Man kann es als Prophylaxe lernen. Vielen, die einen Hang zur Depression haben, empfehle ich, sich guten und stabilen Gebets- oder Bibelkreisgruppen, die sich wöchentlich treffen, anzuschließen. Dort wird die Heilige Schrift betrachtet, werden im Gebet die Anliegen der Beteiligten vorgebracht. Ich halte es für wichtig, daß man Menschen um sich herum hat, die mittragen. Alleingang ist nicht gut. Depressive aber suchen oft die Isolation. Dabei brauchen sie Kontakt. Sie dürfen nur ja nicht dem Impuls der Lustlosigkeit nachgeben und nichts tun, nur weil sie keine Lust dazu haben. Im Gegenteil - man sollte sich sagen: „Ich zwinge mich jetzt ein bißchen, vielleicht kommt die bessere Stimmung, mit dem Essen der Appetit.” Depression ist vorrangig die Folge der verdrängten Aggression. Bringt sich jemand um, wendet er die Aggression gegen sich. So ist mancher Selbstmord ein verkappter Mord. Die Aggression gilt eigentlich anderen.

DieFurche: Die er sich nicht auszuleben traut...?

MÜLLER: Würde er den Frust aussprechen, einmal richtig streiten, einmal nein sagen, würde er nicht depressiv. Das müssen die Menschen lernen. Viele haben davor eine ungeheure Angst. In diese Haltung spielen Erziehung und Umfeld stark hinein, die Gottesbeziehung, der Sinn im Leben. Liebes-, Sinn- und Glaubensverlust sind die drei schlimmsten Verluste, die heute Ursachen für viele - vor allem psychosomatische - Erkrankungen sind.

DieFurche: Spielen diese in die Depression hinein?

MÜLLER: Die Organsprache sagt einiges: Er spuckt Gift und Galle, etwas ist ihm über die Leber gelaufen, es gab ihm einen Stich ins Herz ... Auf den Körper zu achten, der eine eigene Sprache hat, wäre schon oft heilsam. Die Heilige Schrift hat eine Reihe guter Hinweise: Was nicht ausgesprochen ist, kann nicht geheilt werden. Oder: Wenn der Mund es nicht spricht, sagt es der Körper (Ps 32 und 38). Und wenn Jesus die körperlichen Krankheiten geheilt hat, hat er in der Regel vorher die innere Heilung geschenkt, die Versöhnung. Offenkundig sind viele physische eigentlich „geist-liche” Erkrankungen durch Mangel an Versöhnung, Groll, Bitterkeit, Bachsucht, Verletzungen. Wenn diese nicht angegangen werden bis hin zur Versöhnung, kann man nicht im Kern gesund werden. Ich behaupte, es gibt keine Heilung ohne Versöhnung und keine Versöhnung ohne Heilung. Das hängt zusammen.

DieFurche: Versöhnung und Dankbarkeit als Heilmittel? MÜLLER: Ja. Und sich mit guten Freunden, stabilen Personen zu umgeben, also Kontakte zu pflegen - auch wenn das schwer ist. Weiters ist wichtig: Sein Verhältnis zu Gott zu prüfen: Habe ich Angst vor ihm oder macht Er mich eher frei? Notfalls braucht man Hilfe bei der Korrektur eines falschen Gottesbildes. Dann sollte ein Seelsorger oder ein christlicher Psychologe beigezogen werden. Gebetsgruppen können helfen. Aber Vorsicht: Es gibt auch Gebetsgruppen mit etwas engstirnigen Christen, die das Gute übertreiben. Da besteht die Gefahr, daß sie eher Angst als Freude machen. Auch Entspannungsübungen und vor allem Sport können helfen. Sport ist eine sinnvolle Prophylaxe. Leider kann sich der Depressive oft nicht dazu aufraffen. Schwimmen etwa verbessert das Körper- und damit unter Umständen das Selbstwertgefühl.

DieFurche: Das Selbstwertgefühl muß also gestärkt werden? MÜLLER: Es gibt einen wenig bekannten Satz aus dem Buch Jesus Sirach: „In aller Demut ehre auch dich selbst und versag' dir nicht das Glück des Tages. Wer sich selbst nichts Gutes tut, ist anderen eine Last.” Ein wichtiger Satz, finde ich. Es gibt nämlich bei Depressiven die Tendenz, alles an sich schlecht zu machen: Ich bin nichts und ich kann nichts. Das ist eine Lüge.

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