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Die eine Hälfte

Gerhard Hartmann hat 150 Jahre CV akribisch dokumentiert. Das Ergebnis: eine Heerschau des Politischen Katholizismus.

Manche Bücher schlägt man zuerst hinten auf, um zu erfahren, wie es ausgeht. 25 Seiten umfasst das Namensverzeichnis des Buches "Für Gott und Vaterland", nicht nur Namen der CV-Funktionäre seit eineinhalb Jahrhunderten, sondern vor allem der Politiker, die aus dem CV hervorgegangen sind: Mitglieder der Bundes-und Landesregierungen, Landeshauptleute, Abgeordnete zum Reichsrat und zum Herrenhaus, zum National-und Bundesrat. Alle Bundeskanzler der Ersten und Zweiten Republik bis 1970 waren CVer, des Ständestaats inklusive.

Damit weiß der Leser sofort, woran er ist: Gerhard Hartmann hat auf mehr als 800 Seiten eine Geschichte der rechten Hälfte Österreich geschrieben, also eine halbe Geschichte Österreichs, die verstehen lässt, warum diese bis heute nicht zu einer ganzen Geschichte zusammenwachsen konnte. Die katholischen, ehemals katholisch-deutschen Studentenverbindungen, zusammengefasst im Cartell-Verband (CV), bildeten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das Reservoir einer starken Elite von christlich-sozialen Politikern und Beamten, die bis heute von ihren Anfängen geprägt sind - vom Widerstand gegen alles, was als links oder liberal auftritt.

Denn so hat es begonnen: Die Universitäten waren in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts liberal und deutschnational dominiert. Die Parole "Für Gott und Vaterland" sammelte katholische Studenten und später "Alte Herren" sowohl gegen den herrschenden Antiklerikalismus als auch gegen den Nationalismus der schlagenden Verbindungen. Zahlreiche, auch handgreiflich ausgetragene Konflikte begleiten den Weg des CV bis zum Ersten Weltkrieg. Als nach 1918 das Bündnis von Thron und Altar durch den Pakt der Kirche mit der Partei ersetzt wurde, geriet der CV endgültig ins Fahrwasser der Parteipolitik. Und darin blieb er auch in der Zweiten Republik, trotz Abschwächung der alten Konflikte und Zurückhaltung der Kirche. Das Umschlagbild auf Hartmans Buch beweist es augenscheinlich: Am Vorabend der Unterzeichnung des Staatsvertrags, am 14. Mai 1955, feierte die Bajuwaria ihr Stiftungsfest in Hübners Kursalon. Vor den Bierkrügeln sitzen Bundeskanzler Raab und Außenminister Figl neben dem Präsidialchef des Bundeskanzleramts Chaloupka und dem Nuntius Dellepiane. Schöner hätte man die Verschwisterung der politischen Führung mit Kirche und Beamtenschaft nicht dokumentieren können.

Politische Hintergründe

Gerhard Hartmann hat sich die Darstellung der Geschichte mit akribischem Quellenstudium nicht leicht gemacht. Er leuchtet die politischen Hintergründe aus, beschreibt die Entwicklungen im "größeren Österreich" der Monarchie und scheut auch vor heiklen Fragen nicht zurück, die vor allem in der Zwischenkriegszeit relevant wurden. Mit einer für einen CVer, der er selbst ist, größtmöglichen Objektivität stellt er sich dem Antisemitismus im CV, der Neigung einzelner CV-Mitglieder zum Nationalsozialismus, während andere dem Nazi-Faschismus zum Opfer fielen, sowie der Entnazifizierung nach 1945. Einen ausdrücklichen Arierparagrafen gab es zwar nicht, aber schon 1920 verlangte Engelbert Dollfuß als Bedingung zur Verbandszugehörigkeit "die deutsch-arische Abstammung, nachweisbar bis auf die Großeltern". Er teilte damit den Antisemitismus der Kirche, dem auch durch Konversion nicht abzuhelfen war; noch 1927 meinte der CV-Seelsorger und Kapuziner P. Erhard Schlund, "dass es durchaus im Sinn der Kirche erlaubt sei, wenn der CV getauften Juden die Aufnahme verweigere". Richard Schmitz, Leopold Kunschak und Karl Lugmayer, Politiker, deren Namen auch noch nach 1945 Bedeutung hatten, schlugen in dieselbe Kerbe.

Der damals "gängige" Antisemitismus und das Experiment des Ständestaats, der sich wesentlich auf CV-Mitglieder stützte, rückte den Verband definitiv nach rechts, sodass die Frage offen bleiben muss, ob dadurch der Nationalsozialismus, den man scharf ablehnte, nicht gerade herbeigeredet worden ist. So war es vor allem die christliche Überzeugung, die eine ganze Reihe von Cartellbrüdern zu Opfern der Nazis werden ließ, darunter den Tiroler Priester Franz Reinisch und den Wiener Hochschulprofessor Hans Karl Zeßner-Spitzenberg.

Nach dem Krieg bemühten sich Sozialisten wie Volkspartei gleichermaßen um die Wählerstimmen der Ehemaligen. Allerdings zeigt Hartmann, dass die Einbeziehung früherer NSDAP-Mitglieder auf sozialistischer Seite größere Fortschritte machte und zu umstrittenen Ministerposten im ersten Kabinett Kreisky führte.

Mit dem Regierungsantritt Bruno Kreiskys endet das Kapitel, das Hartmann so überschreibt: "Der Höhepunkt: ÖCV und Politik 1945 bis 1970". In dieser Zeit waren tatsächlich 20 bis über 30 Prozent der ÖVP-Abgeordneten in National-und Bundesrat CVer. Wie es sich heute verhält, verrät Hartmann nicht. Doch scheint sich die kirchennahe, alles Linke und Liberale verabscheuende Haltung der ÖVP von den Anfängen bis heute durchgehalten zu haben, auch wenn Wolfgang Schüssel nicht aus dem CV kommt.

Gerhard Hartmann ist mit diesem Buch ein Standardwerk gelungen, das zu den Quellen führt und als wahres Nachschlagewerk gelten kann - unentbehrlich für die eine Hälfte der Geschichte Österreichs.

Für Gott und Vaterland

Geschichte und Wirken des CV in Österreich

Von Gerhard Hartmann

Lahn-Verlag, Kevelaer 2006

824 Seiten, geb., e 35,90

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