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Die faszinierende Welt der Bücher

DIEFURCHE-Seite „Kaleidoskop” bietet regelmäßig ein Literaturrätsel. Dessen Gestalter gesteht im Interview seine Lesesucht, seinen Namen will er aber nicht verraten

DIEFURCHE: Du hast die These, daß man immer das richtige Buch findet für die Situation, in der man sich gerade befindet

Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren. Vor zehn Jahren kaufte ich Alois Brandstetters Roman „Die Abtei ”. In diesem Buch spielt Latein eine wichtige Rolle. Zum Zeitpunkt des Kaufs konnte ich noch kein Wort Latein. Das Buch hätte mir daher wahrscheinlich keine große Freude gemacht, wenn ich es gleich gelesen hätte. Es stand lange Zeit unbeachtet im Regal. Erst einige Jahre später - ich hatte mittlerweile für mein Studium eine Lateinprüfung abgelegt - nahm ich es eines Tages zum Arzt als Zeitvertreib mit. Und es gefiel mir gerade wegen der lateinischen Passagen ausgezeichnet. Ich war überrascht von meinem Instinkt, mit dem ich genau das richtige Buch für diesen Zeitpunkt ausgesucht hatte.

Diese Erfahrung mache ich ständig. Wenn ich mir ein Buch selbst aussuchen kann, finde ich genau das, was ich gerade brauche. Als ich noch studierte, traf das nur zu einem Bruchteil zu, obwohl ich ein philologisches Studium, Theaterwissenschaft und Schwedisch, gewählt habe. Mich hatte es immer gestört, irgendein Buch lesen zu müssen, nur weil jemand anderer das in seiner Vorlesung behandeln will.

DIEFURCHE: Diese Erfahrung machen schon viele Schüler: Wenn man ein Buch lesen muß, kann das ein Leben lang das Verständnis für dieses Buch blockieren Später entdeckt man vielleicht, daß etwas zur Weltliteratur gehört und trotzdem gut ist Das ist das große Problem bei der „Pflichtlektüre”. Ich sage immer, etwas ist zur Pflichtlektüre „verkommen”. Es gibt wohl viele Leute, die den „Faust” in der Schule durchgenommen und dann nie wieder gelesen haben. Wir haben das nur in Ansätzen gemacht. So ist mir das Lesen nicht verleidet worden, und ich habe vieles später selbst entdeckt. Der Deutschunterricht sollte Appetit machen und es dabei belassen.

DIEFURCHE: Was bedeutet Dir Lesen? Lesen ist eine Sucht für mich. So wie ein anderer trinkt oder raucht oder einkaufen geht, ist das Lesen bei mir ein Laster. Es gibt daher auch die entsprechenden Entzugserscheinungen, wenn ich längere Zeit nichts gelesen habe. Zum Beispiel halte ich es kaum aus, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, ohne etwas zu lesen. Das langweilt mich furchtbar. Wenn ich aber etwas lese, kommt zu der Bewegung im Buch noch die Bewegung durch den Raum hinzu. Während eines Satzes von beispielsweise Proust bewege ich mich um Hunderte von Metern weiter. Vor kurzem hatte ich einen Gelegenheitsjob und las auf dem Weg in die Arbeit und nach Hause Jurek Beckers „Jakob der Lügner”. Ich habe mich während der eintönigen Arbeit stundenlang auf das Weiterlesen gefreut. Zwischen zweimal Lesen war der Job wie eine lästige Pause. Andererseits wäre ich ohne die Arbeit gar nicht zum Lesen gekommen, denn daheim habe ich kaum Zeit dazu.

DIEFURCHE: Der Schweizer Autor Peter Bichsei plädiert in seinem Buch „Der Leser. Das Erzählen” für eine

Biographie des Lesers, „geschrieben mit der ebenso engen Optik wie die Autorenbiographie, nämlich unter der Annahme, daß jemand nur und ausschließlich ein Leser war und daß alle seine Handlungen im Zusammenhang mit dem Lesen zu sehen sind”. Wie hat Deine Laufbahn als Leser begonnen?

Wir hatten, wenn ich mich richtig erinnere, keine fünfzehn Bücher daheim. Mein Vater war beim Bücherbund.. Möglicherweise hat er die Bücher unter Kaufzwang bestellt und gar nicht gelesen, aber es waren ein paar außergewöhnliche darunter. Er hatte Gustav Schwabs „Klassische Sagen des Altertums” und Günter Grass' „Hundejahre”. Sehr vergnüglich waren für mich das große Wilhelm-Busch-Album, das ich mir später antiquarisch besorgt habe, oder Bechsteins „Märchen und Sagen”. Leider hat meine Mutter diese Bücher später an diverse Nichten und Neffen verschenkt, die auf die Bücher nicht aufgepaßt haben. Für mich war das eine Katastrophe. Ich träume heute noch davon, daß ich das Bech-stein-Buch antiquarisch auftreibe. Auch die „Kinder- und Hausmärchen” der Gebrüder Grimm mit den herrlichen Illustrationen von Janusz Grabi-anski hat meine Mutter weggegeben. Als Kind haben mir die Bilder gar nicht so gefallen, weil ich mir dachte, sie sähen nicht „echt” aus. Aber heute sind das für mich Kunstwerke. Sie strahlen eine sagenhafte Freude aus.

Wir hatten also nicht viele Bücher und schon gar nicht die „große Literatur”, aber durch meinen Vater habe ich doch einiges kennengelernt. Ich war wohl der einzige, der mit diesen Dingen etwas anfangen konnte. Später entdeckte ich Büchereien für mich. Ich war sehr selbständig, sicherlich auch eine Art Außenseiter. Daran hat sich nicht viel geändert, nur hat man es als Erwachsener leichter: Ich sehe mich heute als Exzentriker, das macht viel mehr Spaß.

Die meisten Schriftstellerund jene, die viel lesen, haben eine ähnliche Kindheit gehabt. Turrinis Kindheitsschilderungen zum Beispiel könnte ich in irgendeiner Form unterschreiben - zum Fußballspielen habe ich mich ebensowenig geeignet. Sport wurde nicht gefördert. Das Lesen auch nicht, aber es war ohne viel Aufwand zu betreiben. Wir waren acht Kinder und meine Mutter war froh, wenn sich jedes eine Beschäftigung fand.

DIEFURCHE: Wie wichtig ist es Dir, Bücher zu besitzen? Ich habe bei geliehenen Büchern oft die Erfahrung gemacht, daß es mir leid tat, wenn ich sie zurückgeben mußte. Wenn ich sie mir hinterher kaufte, war es nicht mehr dasselbe Exemplar. Als ich Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” gelesen hatte, wollte ich eine neue Ausgabe kaufen und diese gegen die Bücherei-Ausgabe eintauschen.

DIEFURCHE: Warum? Damit genau dieses achtbändige Exemplar, mit dem ich Stunden verbracht hatte, mir gehörte. Wenn du einen VW Golf hast, bist du auch den einen gewohnt, obwohl zehn Millionen produziert worden sind. Beim Lesen entsteht etwas Individuelles. Büchereibücher sind aber noch in anderer Hinsicht etwas Besonderes. Früher war auf dem hinteren Buchdeckel ein Zettel eingeklebt, auf den das Rückgabedatum gestempelt wurde. Bei einem Studienaufenthalt in Schweden besorgte ich mir in einer Bücherei die „Verwirrungen des Zöglings Törless” von Musil. Am Stempel sah ich, daß ich nach zwanzig Jahren der erste war, der dieses Buch entlehnte. Andere Bücher haben alle zwei Monate einen Stempel drin. Das erzählt eine Geschichte. Mit der Computerregistrierung geht das allerdings verloren. Ich habe damals in der Bücherei angefangen, neben meinen Stempel einen schwarzen Punkt zu machen. So weiß ich heute noch, in welcher Zeit ich welche Bücher gelesen habe.

DIEFURCHE: Wie bist Du auf die Idee für Deine Literaturrätsel gekommen?

Die Idee dazu hatte ich schon vor fünf, sechs Jahren. Es ist interessant, wie sehr man sich als Leser vom Anfang eines Buches anziehen oder abschrecken läßt. Kafka beispielsweise hat unverkennbare Anfänge. Mit dem ersten Satz ist man mittendrin in der Geschichte. Ebenso unverwechselbar ist Wilhelm Busch, etwa der Anfang von „Balduin Bählam”: „Wie wohl ist dem, der dann und wann sich etwas Schönes dichten kann.”

Von dieser Entdeckung war es nur mehr ein Schritt zu den Literaturrätseln. Sie kommen mir als Leser sehr entgegen, weil ich mir die Bücher selbst aussuchen kann. Ich bin nicht gegängelt von Neuerscheinungen wie jeder normale Literaturkritiker, ich kann Werke behandeln, die Hunderte, Tausende von Jahren alt sind. Ich habe Anfangssätze von „Symposion”, von Stendhals „Rot und Schwarz”, Goethes „Werther” oder „Wahlverwandtschaften” verwendet. Die einzige Bedingung ist: Es muß ein Werk sein, das im Handel erhältlich ist. Ich will ja, daß auch andere Leute das lesen, was mir gefällt. Meine Rätsel sind Empfehlungen an den Leser.

DIEFURCHE: Wie wählst Du selbst Bücher aus?

Ich lasse sie mir empfehlen. Wenn mir einige Leute unabhängig voneinander von einem Buch erzählen, das ihnen gefallen hat, werde ich neugierig. Ich lese auch Werkempfehlungen von Schriftstellern, Arno Schmidts Literatur-„Hörspiele” aus den fünfziger Jahren, oder die Autoren-Listen hinten in den Insel-Klassik-Ausgaben und die „Zeit-Bibliothek der hundert besten Bücher”. Dagegen ist das Literarische Quartett für mich überhaupt kein Maßstab. Wie traurig muß das Leben dieser Kritiker sein, wenn ihnen ein Buch wie Cees Notebooms „Die folgende Geschichte” gefällt! Ganz anders Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit”. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das gefunden habe, aber wann immer ich davon erzähle, sehe ich bei den Leuten, die das Buch auch gelesen haben, ein Leuchten in den Augen. Dieses Buch schafft eine Gemeinschaft unter den Lesern. „Die folgende Geschichte” hat man gelesen und vergißt sie gleich wieder.

DIEFURCHE: Gibt es eine literarische Gattung, die Du als Leser ablehnst? Es gibt Bücher, die ich sehr gerne lese, aber nie schreiben möchte, weil sie mir zuviel Arbeit wären, wie zum Beispiel die Kriminalromane von Wilkie Collins. Ein Buch wie „Ulysses” reizt mich als Leser überhaupt nicht, denn ich habe keine Lust, dem Sinn nachzuspionieren. Ich gebe selbst gern anderen Rätsel auf, verwirre sie. Ich kann mir vorstellen, daß es großen Spaß gemacht haben muß, „Ulysses” zu schreiben. Aber es interessiert mich nicht, beim Lesen irgend etwas zu interpretieren und mich dauernd zu fragen, was könnte der Autor damit gemeint haben. Mir ist wichtig, daß ein Buch witzig ist. Schwieriges, akribi-sches Schreiben spricht mich nicht an.

DIEFURCHE: Wzs macht ein gutes Buch aus?

Es ist kein Wort umsonst. Ich habe in einem Rätsel Hemingways „Der alte Mann und das Meer” verwendet. Da ist jedes Wort am richtigen Platz. Diese Geschichte könnte auch vor tausend Jahren spielen, das ist ein Archetypus wie die Odyssee. Hemingway hat eine Geschichte von vergleichbarer Größe gefunden. Das genaue Gegenteil, aber ebenso wunderbar ist „Don Quichote”. Für dieses Buch muß man sich Zeit nehmen. Es gibt etliche Einschübe in der eigentlichen Geschichte, Novellen von fünfzig Seiten, wo es plötzlich einer Figur einfällt, etwas zu erzählen. Nicht von ungefähr kommen in dem Buch über sechshundert Personen vor. Das hält man als Leser entweder durch, oder man steigt aus. Andererseits wird man auch nicht enttäuscht, denn diese Einschübe sind köstlich. Vielleicht sollte man sich nicht fragen, was ein gutes Buch ausmacht, sondern was einen guten Leser ausmacht.

DIEFURCHE: Was macht einen guten Leser aus?

Er ist geduldig. Für Proust zum Beispiel braucht man viel Geduld: Vierhundert Seiten Langeweile, und dann kommt eine Seite, die genial ist. Ich habe das ausgehälten, weil ich wußte, daß etwas kommt, das mich für alles entschädigt. Hundert Seiten muß man meiner Meinung nach einem Buch schon zugestehen, bevor man entscheidet, ob es gut oder schlecht ist.

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