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Die Frau mit den vielen Namen

Angelika Reitzers "Romandebüt" erzählt vom Erwachsenwerden einer Frau und beeindruckt vor allem durch die Sprache.

Romane verkaufen sich besser. Also ist dieses Buch ein Roman. Sollte es deshalb gekauft werden, dann wäre es aber nicht zum Schaden des Käufers. Auch wenn und gerade weil der Leser beim ersten Absatz vielleicht schon innehält - und staunt.

Es ist die Sprache Angelika Reitzers, die in ihrem Debütroman Taghelle Gegend von der ersten Zeile an auffällt. Und ihre Bilder. Da gibt es zunächst einmal Linden im Innenhof, die sich verausgabt haben, sie werden "aber weiterhin spärlich Blätter tragen/können nicht anders", einen Lichtstrahl, der leuchtet, als "hätte er es gar nicht eilig und : würde keine einzige Wolke ihn je hindern an diesem Weg". Schlichte und stille Sprachbilder sind es, die diese Prosa entwickelt, die Beobachtungen sind dem gewöhnlichen Leben abgelauscht. Reitzer wurde 1971 in Graz geboren, studierte Germanistik und Geschichte und schloss ihr Studium mit einer Arbeit über Ernst Jandls Poetik ab. In ihrem "Roman" bläht sie nichts auf, unterkühlt aber auch nichts. Sie sieht genau hin, phantasiert aber ebenso gerne, beherrscht im Stil die Zartheit ebenso wie die Nüchternheit.

Prosasplitter

Keine Handlung hält diese Prosasplitter zusammen, sondern eine Frau mit Namen Maria. Zu Beginn betrachtet sie eine Wolke, die sich zerstreut: "Ich bemühe mich, einmal den Moment, in dem aus vielem eins wird, nicht zu verpassen." Der Text changiert im folgenden zwischen Zeiten und Orten ebenso wie zwischen Ich und Maria.

Aber so etwas wie Entwicklung, so etwas wie eine Erzählung gibt es doch. Berührend gestaltet ist etwa die Beziehung von Maria zu ihrem (wegen Internat, wegen Entzug) meist abwesenden älteren Bruder Leo, ein roter Faden im Buch. Maria wird älter, verlässt das Elternhaus und damit ihre bekannte kleine Welt - in der allerdings schon einiges passiert ist, das wird immer wieder angedeutet -, fährt per Autostopp nach W., und damit "zum ersten Mal in ihrem Leben in eine wirkliche Großstadt". Sie lebt in einer WG, lernt das Kiffen kennen und Männer - "Als gäbe es eine Fremdheit, die gar nicht wehtut" -, sprich: eine völlig andere Welt. "Es war ungeheuerlich, dass die Eltern und auch Leo nicht verstanden oder wussten, dass es diese Welt gab, rundherum. Diese Bauarbeiter, Afrikanistik- und Sonstwasstudenten, die sie zum Essen einluden, in ihrer Küche aufnahmen, als wäre sie nur kurz weg gewesen, das wäre für die Mutter nur als Bedrohung vorstellbar."

Eine junge Frau probiert ihr Leben. Dazu passt, dass sie Kleider für das Theater näht, "so wurden aus den Geschichten, den Figuren in den Büchern Körper, die man anziehen konnte, für die ein bestimmter Stoff notwendig war." Mehrere Namen hat diese Frau, Ria nennen sie nach der Großmutter die Eltern, Mia die Freundinnen, später wird Flammer, der verheiratete Geliebte, der ihre Traurigkeit nicht ergründen kann, eine Felicitas aus ihr machen. Was ist schon ein Name. "Es war ja nur eine Frage der Zeit, dann würde das Außerhalb der wirkliche Raum für sie sein, mit welchem Namen auch immer sie da hinein-/hinaustrat."

Erwachsen werden

Kurz: es sind jene Ingredienzien da, die das Erwachsenwerden, Ausbrechen, Aufbrechen einer jungen Frau prägen. Wie sie hier komponiert werden, beeindruckt. Zart und fein sind die Andeutungen, nichts wird gänzlich ausgeleuchtet, vieles bleibt der Vorstellung überlassen, wie überhaupt die Vorstellung Marias eine wichtige Rolle spielt. Mit ihr kann man auch den kleinen Bruder - das Du - zum Leben erwecken.

Schlafender Bruder

Zwar bekommt man am Ende, in einem auffällig zusammenhängenden Erzählblock, den fast ein wenig störenden Eindruck, nun muss es unbedingt auf etwas hinauslaufen, muss in Klammer unbedingt etwas erinnert werden.

Aber entscheidend ist vielleicht etwas anderes. Ein Bild vom Anfang des "Romans" taucht wieder auf, verändert freilich. Ein Foto hat festgehalten, was sich nicht festhalten lässt, oder wenn, dann eben nur als Foto oder in der Erinnerung oder in der Erzählung: den schlafenden Bruder. "Die Sonne in ihrem Rücken lässt mich blinzeln, muss die Augen schließen … es ist ein Filter über das Wohnzimmer … gelegt, damit du immer weiter schlafen kannst."

Wie sieht das Foto Jahre später aus? "Vor einer grünstichigen Schrankwand ein kleiner, schlafender Bub in einem riesigen Sessel. Dahinter ein Mädchen, die Augen fest geschlossen, als würde es sich lieber alles selber vorstellen, bevor das Bild auf einen Farbfilm transportiert wird. Und verblasst." Das lässt sich gut auch aufs Erzählen umlegen, "es ist mehr ein Neuerfinden, die Geschichte kennt sie."

Taghelle Gegend

Roman von Angelika Reitzer

Haymon Verlag, Innsbruck 2006

171 Seiten, geb., € 17,90

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