Die Komik des Zerrissenen

Ein Meister seines Faches, der Schauspieler Karlheinz Hackl, feiert seinen 60. Geburtstag. Seine Wirkung beschreibt er mit einem Satz aus "Anatol" als "leichtsinniger Melancholiker".

Naheliegendes wird in seiner Bedeutung oft erst aus der Ferne transparent. So sei dieses Porträt eines bekannten Lebenden mit dem Zitat eines berühmten Toten begonnen: Wilhelm von Humboldt schreibt über die Schauspielkunst:

"Es ist in der Tat eine ungeheure Aufgabe, alle Gefühle der Menschheit zu erregen, die tiefsten und mächtigsten Kräfte der Natur zu beschwören und sie doch als Kunst wirken zu lassen und sie ästhetisch zu beherrschen. Und dies ist doch, was wir vom Schauspieler verlangen, dessen Kunstsprache, wenn ich so sagen darf, das ganze menschliche Empfinden, Reden und Handeln ist. (...) Wie individuell die Poesie ist, so hat sie immer, als bloßes Gedankenbild, etwas Vages und Unbestimmtes; dies soll der Schauspieler fixieren, und zwar fixieren in seiner wirklichen Person, die ihm oft fast unübersteigliche Hindernisse in den Weg legt."

Karlheinz Hackl feiert dieser Tage seinen 60. Geburtstag. Geboren am 16. Mai 1949 in Wien, ist er einer, der seine "Kunstsprache" aus dem Effeff beherrscht, scheinbar mühelos schwierige, ambivalente Charaktere darzustellen vermag - minutiös noch in der verhaltensten Geste, dem leisesten Zögern, dem heikelsten Unterton. Das Wiener Theaterpublikum kennt und liebt ihn wegen dieser sensiblen Schauspielkunst, die eine Kunst der präzisen Leichtigkeit ist (das heißt, auf Arbeit beruht). Von Molnárs Karussellausrufer Liliom bis zu Nestroys lebensmüdem Kapitalisten Von Lips, vom Nazioffizier, Nachkriegsopportunisten oder russischen Mafia-Paten im Film bis zum Ober oder Transvestiten - Karlheinz Hackl stellte mit gleicher Überzeugungskraft die unterschiedlichen Persönlichkeiten dar. Was, auch hier hat Humboldt recht, eine gelungene Symbiose von Rolle und "wirklicher Person" sein mag (das heißt, wiederholt: auf Arbeit beruht). Nur: Was ist die "wirkliche Person" eines Schauspielers? Eines Menschen, der von Berufs wegen lernte, den eigenen Körper in seinem Ausdruck, die eigene Stimme als Instrument zu betrachten und einzusetzen?

An der Familie passte nichts zusammen

Anders als oft vermutet, stammt der schlacksig-elegante, häufig ausgezeichnete Burgschauspieler nicht aus einer Aristokraten- oder Großbürgerfamilie. Aufgewachsen in einem der größten Gemeindebauten der Stadt - dem 1356 Wohnungen umfassenden Theodor-Körner-Hof in Margareten - ist er eher mit dem "Roten Wien" der Nachkriegszeit vertraut, dem Leben der Arbeiter und Kleinbürger.

"Es gab ein kleines Wohnzimmer, mit einem Balkon zum Hof, ein Schlafzimmer und eine Küche: insgesamt etwa 55 m2. Im Schlafzimmer hat die ganze Familie - also Mutter, Vater und ich geschlafen. Mitten im Schlafzimmer stand lustigerweise ein Bösendorfer Flügel, den meine Mutter von zu Hause mitgenommen hatte. Ein Riesending! Niemand hat darauf spielen können, aber da stand es, jahrelang, und rundherum standen die Betten", erinnert Karlheinz Hackl.

Ebenso wenig wie Bösendorfer und Gemeindebau-Schlafzimmer passten die Eltern zusammen. Der Vater, als Sachbearbeiter angestellt bei der "Großeinkaufsstelle für österreichische Consumvereine", entstammte sozialistischem Kleinbürgertum, die Mutter kam aus einem eher bürgerlichen, christlich-sozialen Umfeld:

Auseinandersetzungen der Eltern - der Vater unaufhörlich redend, der Mutter Vorwürfe machend und den verschreckten Sohn auffordernd, ihm beizupflichten - standen oft auf der Tagesordnung, das Mobiliar ging dabei zu Bruch. Zudem, sagt Karlheinz Hackl, sei er in einem Klima der Geheimnistuerei aufgewachsen. Affären des Vaters, eine Halbschwester ... davon habe er erst als Erwachsener erfahren - doch andererseits:

"Die Merkwürdigkeit dieser Menschen, die nicht zusammenpassten, politisch nicht und sonst nicht, und der Mann nicht zu seiner Frau, all die Gefühlsprobleme, die Lügen: Dass das alles so auf mich eingeströmt ist in einem Alter, wo man nichts damit zu tun haben sollte, war offensichtlich mein Zugang zu dem Beruf." Spielen, Schauspielen, um das Dasein leichter zu bewältigen?

Der 15-Jährige träumt sich in Freiräume, in Szenerien, des Showbiz zum Beispiel. In der Schule beginnt er, andere treffsicher zu imitieren, erwirbt sich den Ruf eines Klassenclowns. Der - im Grunde archaische - Zugang zum Spielen über das Nachahmen ist ihm geblieben. Studiere er eine Rolle, gehe er, anders als die meisten seiner Kollegen, "von außen nach innen" vor und überlege zuerst keineswegs, was für einen Charakter er darzustellen habe - sondern, wie dieser sprechen, gehen, sich bewegen könnte.

Dem Vater zuliebe studiert Karlheinz Hackl Betriebswirtschaft; mit 23 Jahren beginnt er zusätzlich die Ausbildung im Rollenfach an der privaten Schauspielschule Krauss, einer seiner Lehrer ist Fritz Muliar. Ihm selbst allerdings sei das Anliegen, Schauspieler zu werden, nicht unbedingt dringlich gewesen, sagt er heute. Aber er habe, gemäß dem väterlichen Leistungsprinzip, "etwas erreichen", zum Bürgertum gehören wollen - und Schauspielen konnte er eben am besten.

Typisch für Karlheinz Hackl ist die Offenheit und Schlichtheit, mit der er im Interview von sich erzählt; eine Offenheit, die fast einem Sich-Preisgeben gleichkommt - was ihn aber nicht zu berühren scheint. Vor allem nicht seit der Erfahrung von Todesnähe und Krankheit, die ihn vor sechs Jahren traf, in Gestalt eines Gehirntumors.

Nach der Schauspielschule stand, da sein Talent auffiel, einer glatten Karriere nichts im Wege. Nach zwei Jahren am Volkstheater (unter Intendant Gustav Manker) engagiert ihn Boy Gobert 1976 ans Thalia-Theater in Hamburg. Hier trifft Hackl auf andere Wiener Schauspieler und ein nestroybegeistertes norddeutsches Publikum - und er lernt das für die Hamburger Bühne unerlässliche "deutsche" Theaterdeutsch.

Als Glück dieser frühen Engagements sieht er es, dass er selten mit den für sein damaliges Alter typischen - aber wenig komplexen - Rollen junger Liebhaber betraut wurde. Was sich 1978, als er von Achim Benning ans Burgtheater geholt wird, bis auf wenige Ausnahmen, fortsetzt. Eine davon, der (allerdings durchaus komplexe) Orlando in Shakespeares "Wie es euch gefällt" an der Seite von Andrea Jonasson in einer Inszenierung von Terry Hands, wird im März 1979 zu einem frühen Wiener Erfolg, und die Kritiker loben die "Natürlichkeit" und "Frische" des jungen Schauspielers.

Subtil, ambivalent, unfreiwillig tragikomisch

Im Laufe der nächsten Jahre, man weiß es, häufen sich die Anerkennungen, besonders für Hackls Darstellung des Anselm in Erwin Axers legendärer Inszenierung von Musils "Schwärmern" 1980. Fünf Jahre später ist er, durch die Darstellung des verarmten Adligen Bois D'Enghien in Bennings umjubelter Inszenierung von Feydeaus "Klotz am Bein" unwiderruflich auf dem Weg zum "Publikumsliebling": einer eigenen Kategorie, was die Zuneigung des Wiener Theaterpublikums angeht. Seit seinen Auftritten als Transvestit und Nachtclubsängerin "Zaza", neben Frank Hoffmann, im Musical "Cage aux folles" an der Wiener Volksoper - über 150 Aufführungen, Abend für Abend Standing Ovations - stürmt das Publikum seine Vorstellungen.

Das frühe Theaterkritiker-Lob ist längst der Anerkennung seiner subtilen Verkörperungen des Doppelbödigen, Ambivalenten oder unfreiwillig Tragikomischen gewichen, passend zu den Figuren Schnitzlers, Hofmannsthals, Nestroys, für die er als Experte galt. Seine Wirkung auf der Bühne beschreibt er mit einem Satz aus Schnitzlers "Anatol" als "leichtsinniger Melancholiker": "Ich habe etwas an mir, worüber man lacht, zusätzlich aber noch eine verzweifelte Intensität ... also man lacht über meine verzweifelte Intensität." Was auch so bleiben soll.

Der Vater dreier Töchter, seit 1997 in zweiter Ehe mit der Josefstadt-Schauspielerin Maria Köstlinger verheiratet, hält seit einigen Jahren nur mehr Lesungen. Als Professor für Rollengestaltung am Max-Reinhardt-Seminar bleibt er unermüdlich tätig. Sein Antreten bei der Kärntner Landtagswahl brachte ihm zwar den Ruf der Naivität ein, kümmert ihn aber nicht. Er ist einer, dem das Leben erneut geschenkt wurde. Aus dieser Perspektive gibt es Besseres zu tun.

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