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Die Kunst der geduldigen Entdeckung

Wenige Tage vor dem Erscheinen ihres großen neuen Romans ist die preisgekrönte Dichterin Elisabeth Hauer gestorben. Ein wehmütiger Nachruf ihres Verlagslektors.

Eine persönliche Einstiegssentenz sei gestattet, nicht um der Betroffenheit willen, sondern als ein Fenster in das Funktionieren einer literarischen Welt, die nicht nur aus lärmenden Bestsellerlisten, Selbstbespieglerinnen und manichäisch denkenden Glücksverheißern besteht.

Als vor fast einem Jahr durch Vermittlung des eminenten Literaturwissenschafters (und selbst nicht genug zu lobenden Autors) Klemens Renoldner der neueste Roman der österreichischen Dichterin Elisabeth Hauer im Styria-Lektorat einlangte, war die Freude groß. Denn hier hat eine Frau gegen Ende ihres dichterischen Weges die Kraft gefunden für einen besonderen Text, einen großartigen Roman. Doch zugleich mit dem Gratulationsbecher konnten wir nur bedauernd die Hände heben - kein literarisches Programm bei Styria! Im Herbst 2011 fiel die Entscheidung, nach fast zwanzig Jahren Pause, nur gelegentlich unsystematisch durchbrochen, wieder konsequent Literatur zu verlegen. Und Elisabeth Hauer sollte, musste in diesem Auftaktprogramm dabei sein! In der Zwischenzeit aber hatte ein Höherer eingegriffen, und die Autorin war von jener grausam-seltenen Krankheit befallen worden, wie sie etwa Stephen Hawking hat. Doch welch wacher Geist wirkte bis zuletzt in dem nunmehr geschwächten Körper.

Eine Generation großer Namen

Es gibt eine Generation in der österreichischen Literatur, die einer seltsamen Damnatio memoriae anheim gefallen ist, als hätte jemand befohlen, ihre Namen aus den Listen zu meißeln, ihre Bücher in den Regalen ganz nach hinten zu verräumen, ihre Texte zu vergessen. György Sebestyen, Herbert Eisenreich, Andreas Okopenko. Erika Mitterer, Hans Weigel, Alexander Giese. Fritz Habeck. Jeannie Ebner. Kurt Klinger. Edwin Hartl. Friedrich Torberg jenseits der Tante Jolesch. Und, und ... mag ein jeder für sich die Liste fortführen; vollständig wird sie nie sein. Es braucht keine Verschwörungstheorie, der Zahn der Zeit ist so nagemächtig wie das Gedächtnis schwach, die Nachfrage nach allem, was länger als sechs Monate im Regal steht, tendiert gen Null, der Blick des Marktes ist nach vorne gerichtet. Natürlich trennt die Zeit auch Spreu vom Weizen.

Dieser Generation gehört auch die 1928 in Wien geborene Elisabeth Hauer an. Nach Studium (Germanistik, Romanistik) und Promotion arbeitete sie in Büros und begann allmählich zu schreiben. Sie veröffentlichte Texte in Zeitschriften, der Rundfunk griff nach ihrer Prosa. Hauers knapper, mit wenigen Sätzen Personen erschaffender Erzählstil, eignete sich vorzüglich für konzentriertes Zuhören.

Hans Weigel, dessen Funktion als Förderer und ewig glühender Reaktor-Kern der österreichischen Literatur über Jahrzehnte immer noch der gründlichen Erforschung harrt, förderte sie, ermutigte sie, forderte ihr einen Roman ab, und Kurt Klinger, mit dem sie 1979-1981 in der Redaktion von Literatur und Kritik zusammenarbeitete, drängte sie sanft.

"Ein halbes Jahr, ein ganzes Leben“ erschien 1984. Eine Fülle von Schauplätzen, von spannenden Erzählsituationen, die mit leisen, wehmütigen Stellen der Trauer um eine untergegangene Jugendfreundschaft wechselten, genaue Psychologie - und vor allem die Elisabeth Hauer eigentümliche Sprache machten den Roman zu einem Erfolg. Mit "Sommer wie Porzellan“ (1986) und "Fallwind“ (1989) gelangen ihr weitere, damals viel beachtete Bücher, in denen sie den Schauplatz Österreich in seine alten Grenzen dehnte, in denen sie Menschen aus den verschiedensten Schichten unendlich genau Sprache gab und Gehör verschaffte.

Aus Texten lernen können

Tatsächlich bildete sich ein fester Leserstamm, der Roman "Die Bogenbrücke“ (1992) und die Erzählungen "Ein anderer Frühling“ (1995) erschienen wie die vorigen bei Styria, festigten Elisabeth Hauers Ruf als eine der lesenswerten Dichterinnen in diesem Land. Um dem Verdacht der auf Österreich beschränkten Wirkung entgegenzutreten: Die Bücher von Elisabeth Hauer wurden in sechs Sprachen übersetzt, darunter Türkisch und Georgisch. Vielleicht liegt das auch daran, dass man aus ihnen so viel lernen kann; etwa der Roman "Die erste Stufe der Demut“, 2000 in der Literaturedition Niederösterreich erschienen, erzählt über das Waldviertel des 18. Jahrhunderts mehr als jede Landeschronik, steht Schulter an Schulter mit dem "Name der Rose“. Sie hob Steine der Erinnerung auf und entdeckte darunter das wimmelnde Leben.

Überraschend kamen wieder Gedichte zum Vorschein, 2001 erschien bei Grasl das streng-schöne Lyrikbändchen "Damals der Sommer am Fluss“, 2007 in der längst verstummten Edition Milo der Erzählungsband "Die Enthüllung der Paradiese“, von dem Matthias Mander sagte: "Sie bringt die inneren Vorgänge ihrer Personen unmittelbar faktisch-poetisch zur Sprache. So erinnert sie uns allzu Gefestigte, Verhärtete an jene Dimension des Daseins, die wir wahrlich nicht missachten dürfen, wenn wir redlich sein, gerecht leben wollen.“

Und jetzt dieser Roman. Jetzt FRANZ SPRICHT. Die Geschichte einer Verflechtungen von Liebenden und Hassenden, von österreichischer Familie und dem Zusammentreffen von Außenseitern, die sich allmählich ins Zentrum schieben. Ein Alterswerk voller Kraft, die so manchem hochgejubelten Debüt mangelt. Der Roman einer in Herz und Hirn jung gebliebenen Dichterin, der noch anderes erwarten ließ.

Memento mori

wenn man es singt

anstatt

es zu sprechen

wenn man es singt

nach einer schlichten

vertrauten Melodie

klingt es

halb so schlimm

Doch, doch. Es ist schlimm, es ist schade, es ist traurig. Denn am 23. Jänner, wenige Tage vor Erscheinen ihres letzten Romanes, ist Elisabeth Hauer gegangen, hat die Tür, die vom Leben ins Licht führt, durchschritten. Die deutsche Sprache ist um eine ihrer Meisterinnen ärmer. Es ist ein Stückchen kälter in dieser Welt.

Franz spricht

Roman von Elisabeth Hauer

Styria Premium 2012

272 Seiten, gebunden, € 24,99

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