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Die Kunst der guten FÜHRUNG

1945 1960 1980 2000 2020

Statt Verantwortung abzugeben, sollten Eltern für ihre Kinder wieder "Leitwölfe" sein, schreibt Jesper Juul in seinem neuen Buch. Eine Annäherung in Theorie und Praxis.

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Statt Verantwortung abzugeben, sollten Eltern für ihre Kinder wieder "Leitwölfe" sein, schreibt Jesper Juul in seinem neuen Buch. Eine Annäherung in Theorie und Praxis.

Der morgendliche Terror beim Zähneputzen, das Trödeln beim Anziehen, das Gesudere beim Mittagessen und natürlich der ewige Streik beim Schlafengehen: Reibereien wie diese gehören für viele Familien zum Alltag. Wie kann das sein? Warum haben immer mehr Mütter und Väter Eltern schon mit solchen Kleinigkeiten zu kämpfen?

Die Antwort, die der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul darauf gibt, klingt vorerst wenig überraschend: Solche Szenen seien "ein klares Zeichen für zu wenig Führung", schreibt er in seinem neuen Buch "Leitwolf sein". Kinder bräuchten Eltern, die klare Signale aussenden, um sich im Dickicht des Lebens zurechtzufinden. Heute sehe er jedoch viele Familien, in denen eher die Kinde die Richtung vorgeben. "Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald."

Familiäres Erziehungs-Vakuum

Klagen wie diese hört man freilich seit Jahren. Ob Bernhard Bueb, der nach seinem umstrittenen "Lob der Disziplin" auch "Von der Pflicht zu führen" sprach, oder Michael Winterhoff, der zu wissen glaubte, "Warum unsere Kinder Tyrannen werden": Schon oft wurde kritisiert, dass nach dem Ende des repressiven Erziehungsparadigmas bei vielen Eltern erzieherisches Vakuum herrsche.

Dass nun auch Jesper Juul verstärkt elterliche Führung einmahnt, wird von manchen als leise Abkehr von jenen Thesen gedeutet, die er 1996 im Klassiker "Dein kompetentes Kind" formulierte. Doch schon damals betonte Juul auch die Grenzen kindlicher Verantwortung. "In Familien, in denen die Kinder 'bestimmen', weil die Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, hat dies stets negative Folgen", schrieb der Therapeut. Die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie würden weiterhin "allein die Eltern" tragen. Aber vielleicht hat man ihn auch nur missverstanden. Wie der Däne jüngst im Interview mit dem Spiegel erklärte, müsse er "immer wieder feststellen, dass Leser ihre eigenen romantischen Ideen in meine Ratschläge projizieren".

Doch was macht gute Führung wirklich aus? Ihre Grundpfeiler sind nach Juul Authentizität (also auch Verletzlichkeit), Empathie, gegenseitiges Lernen, das Übernehmen persönlicher Verantwortung - und vor allem persönliche Autorität. Anders als die traditionelle, auf Rollen basierende Autorität gründe sie auf Selbstwertgefühl, Selbstachtung und auf der Fähigkeit, die eigenen Werte und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dieses Beachten von Limits nennt Juul "Integrität" - und guten Leitwölfen müsse es darum gehen, "sowohl die persönliche Integrität derer, die sie führen, als auch die eigene nicht zu verletzen."

Dass das in der Praxis nicht so einfach ist, weiß nicht nur Jesper Juul, sondern auch Christine Bischof. Ein Mal pro Monat bietet die Wiener Familienberaterin, Mediatorin und Supervisorin einen "familylab"-Workshop an - jene Form der Familienwerkstatt, die 2004 von Juul initiiert wurde und die es seit 2008 auch in Österreich gibt. Auch Bischof erlebt in ihren Workshops "viel Unsicherheit darüber, wie man führen kann, ohne Machtmissbrauch zu betreiben." Umso mehr rät sie den Eltern, für sich zu klären und auch den Kindern gegenüber klar zu machen, was sie wollen, was ihre Werte sind - und was ihre Grenzen überschreitet. Übertragen auf das morgendliche Trödeln hieße das etwa, sich nicht jeden Tag aufs Neue in demütigenden Vorwürfen zu ergehen, sondern das Problem in einer ruhigen Stunde zu thematisieren. "Man könnte etwa sagen: Mir ist wichtig, dass wir in der Früh rechtzeitig fertig und pünktlich sind. Was brauchst du, um hier mitmachen zu können?", erklärt die Beraterin. "Das bedeutet nicht, dass das Kind hier bestimmt, sondern es zeigt vielmehr, dass ich meine Verantwortung wahrnehme, die Situation zu ändern - denn das ist meine alleinige Verantwortung. Die Kinder können nur kooperieren - aber das wollen sie ohnehin, sobald sie auf die Welt kommen, weil sie geliebt werden wollen."

Wenn Kinder nicht kooperieren, dann haben sie dafür meist gute Gründe, weiß Bischof. Etwa Mütter oder Väter, die unklar bleiben oder sogar Doppelbotschaften aussenden. Ein Beispiel wäre, dass Eltern zwar mit dem Mund "nein" zu einem zweiten oder dritten Eis sagen, aber mit ihrem ganzen Körper zum Ausdruck bringen: Naja, wenn du gar so unglücklich bist, dann kaufe ich dir halt noch eines. "Kinder dürfen alle Wünsche haben", betont Bischof, "aber wir Eltern müssen wissen, was für sie förderlich oder zerstörerisch ist."

Auf den Spielplätzen und in den Kinderzimmern offenbart sich jedoch oft ein anderes Bild. Nicht selten zeigen sich jene fünf "Fallgruben für Leitwölfe", die Jesper Juul in seinem Buch beschreibt: etwa vor lauter Harmoniesucht keine Konflikte auszutragen; oder als "Curling-Eltern" seiner Prinzessin stets die Bahn freizumachen; oder seinen Prinzen als "Helikopter-Mutter" nonstop zu überwachen. All das, und insbesondere "Überwachung total", habe mit guter Führung nichts zu tun, weiß auch Christine Bischof. "Die Botschaft an das Kind lautet hier: Ich traue dir nichts zu - und die Kinder reagieren, indem sie sich selbst nichts zutrauen." Wer das Selbstwertgefühl seiner Kinder stärken möchte, soll ihnen vielmehr vertrauen, mit den festgelegten Grenzen so gut umzugehen, wie sie eben können - und ihnen nebenbei so oft wie möglich einen "milden Blick" schenken und sich an ihnen freuen, frei von allen Bewertungen und Taxierungen, die sie in der Wettbewerbsgesellschaft von heute oft genug begleiten.

Eltern als "Sparringpartner"

Spätestens in der Pubertät bleibt ohnehin nichts anders übrig als Vertrauen, schreibt Jesper Juul. In dieser Ablösungsphase, in der Kinder die Werte ihrer Eltern für sich selbst prüfen, gelingt nur noch "Führung light". Die konstruktivste Rolle, die Mütter und Väter dabei einnehmen können, ist die eines "Sparringpartners", der (wie beim Profiboxen) maximalen Widerstand leistet und minimalen Schaden anrichtet.

Was das konkret bedeuten könnte, hat Christine Bischof in ihrem März-Workshop im zweiten Wiener Bezirk thematisiert. Etwa, dass Eltern klar sagen sollen, wenn sie gegen Piercings sind - aber nicht die Beziehung zum Kind in Frage stellen, wenn es sich doch dafür entscheidet; oder dass sie darauf bestehen sollen, von der Tochter ein SMS zu erhalten, wenn sie nach dem Disco-Besuch bei einer Freundin übernachtet - aber ihr zugleich vertrauen müssen, dass sie sich nicht selbst schädigt. "In der Pubertät zeigt sich, ob es gelungen ist, eine gute Beziehung aufzubauen. Sie ist nach Jesper Juul die Pay-back-Zeit," erklärt Christine Bischof. "Ich kann dem Kind also vertrauen -oder es 35 Jahre lang an der Hand nehmen. Andere Möglichkeiten habe ich nicht."

Infos und Termine: www.familylab.at

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