Digital In Arbeit
Literatur

"Die Realität ist es, die übertreibt"

1945 1960 1980 2000 2020

Das Leben ist deftig und aus Hass entsteht keine Kunst: Kerstin Hensel, Romanautorin, Lyrikerin und Professorin für Deutsche Verssprache und Diktion, über Literatur, Machtstrukturen und Komik.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Leben ist deftig und aus Hass entsteht keine Kunst: Kerstin Hensel, Romanautorin, Lyrikerin und Professorin für Deutsche Verssprache und Diktion, über Literatur, Machtstrukturen und Komik.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geboren. Die ausgebildete chirurgische Schwester studierte ab 1983 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Seit 1988 unterrichtet sie Verssprache und Versgeschichte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, seit 2001 hat sie dort eine Professur. Sie schreibt Erzählungen, Romane, Essays, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher. Lesen Sie im Folgenden eine leicht redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs im Rahmen der Reihe WERK.GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur.

DIE FURCHE: Ihr Weg zur Literatur begann am Literaturinstitut in Leipzig. Was haben Sie dort gelernt?
Kerstin Hensel: Mein Weg zur Literatur begann mit dem Lesen in der Kindheit. Um sich fürs Literaturinstitut bewerben zu können, musste man schon Literarisches geschrieben haben. Das Bedürfnis zu schreiben kam bei mir durchs Lesen, durch die Lust am Fantasieren und durch die Begegnung mit dem Theater. Das war mein Weg. Viele denken, am Literaturinstitut bekommt man beigebracht, wie man schreibt. Das ist nicht so gewesen und das ist, glaube ich, auch heute nicht so. Ich habe das Leipziger Literaturinstitut immer als Bildungsstätte und nicht so sehr als Ausbildungsstätte gesehen. Man musste, um dort zu studieren, bereits einen Beruf gelernt und darin gearbeitet haben. Die meisten Absolventen gingen zurück in ihre Berufe, nur wenige wurden Schriftsteller. Es war gar nicht darauf ausgelegt, viele freischaffende Schriftsteller auszubilden, sondern eher um Schreibende zu bilden: mit einer großen Bibliothek, mit Vorlesungen und Seminaren zu Literatur, Kriminalistik, Psychologie, bildender Kunst, Musik. Ein beträchtlicher Bildungsschirm wurde aufgespannt. Ich habe es jedenfalls so empfunden und fand es wunderbar, dass ich so etwas wahrnehmen durfte. Nicht zuletzt, weil ich kein Abitur hatte und ein anderes Studium mir daher versagt blieb. Ich habe am Literaturinstitut gewisse Handwerksdinge gelernt, doch im Grunde musste jeder mit sich selber ausmachen, was er von den Angeboten für sein Schreiben für nutzbar hielt.

DIE FURCHE: Aber für den zukünftigen Beruf war es doch ein entscheidender Weg?
Hensel: Ja, ich wollte nicht mehr im Krankenhaus arbeiten. So viele Gelegenheiten gab es für mich nicht, vom vorgegebenen Weg abzukommen. Jeder arbeitsfähige Mensch in der DDR hatte die Pflicht, einen Beruf auszuüben. In gewissen Berufen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, durfte man wegen Personalmangels nicht einfach kündigen. Deswegen habe ich die Gelegenheit, am Literaturinstitut studieren zu dürfen, beim Schopf gepackt.

DIE FURCHE: Ihren ersten Gedichtband veröffentlichten Sie 1988, "Hallimasch" erschien 1989. Inwiefern ist diese Zeit des enormen Umbruchs in Ihre Bücher eingeflossen?
Hensel: Bei jedem Menschen fließt ein, wo er herkommt und wo er aufgewachsen ist. Das ist unabhängig von der Gesellschaftsform. Kindheit und Jugend spielen stets eine prägende Rolle. Das ist bei mir auch so. Ich bin 1961 geboren, habe fast 30 Jahre DDR erlebt. Aber ich habe nicht in einem politischen System gelebt, um in einem politischen System zu leben -für oder gegen es, das Leben war mehr als ein politisches Konstrukt. Es war das Dasein mit allen Dingen und Geschehnissen, wie sie überall auf der Welt stattfinden, und ein Punkt davon war das politische System. Letzteres spielt natürlich eine Rolle, weil ich mich, wie andere auch, dagegen stellen, anderes sagen, machen, schreiben wollte als das, was offiziell gewünscht war. In welchem System auch immer, Literatur ist etwas, das gegensteuert. Bei mir war es eben zufällig diese DDR. Natürlich verankert es sich, doch ich habe versucht, es nicht vordergründig oder plakativ zu halten. Ich kann nur hoffen, dass mir das gelungen ist.

DIE FURCHE: Sie haben einmal von "erfahrener Erfindung" gesprochen.
Hensel: Es gibt Autoren, die schreiben fast ausschließlich an ihrem Leben entlang. Ich behaupte, das mache ich nicht. Es geht mir nicht um private Dinge, die ich "authentisch", wie es heute so schön heißt, abbilde, sondern das große Vergnügen am Schreiben war das Erfinden, die Fantasie. Nun hat aber Fantasie zu tun mit realem Leben. Es gibt keine Fantasie ohne reales Leben, aber es gibt reales Leben ohne Fantasie. Ohne die Fantasie, ohne die Lust Figuren zu bilden und sie miteinander handeln zu lassen, kann ich mir Schreiben nicht vorstellen. Erfahrene Erfindung gilt bis auf Weiteres!

DIE FURCHE: In "Hallimasch" finden sich unterschiedliche Texte, nicht nur Prosa. Der Band scheint mir fast wie eine Ouvertüre zu den Werken, die danach erschienen sind.
Hensel: Ja, das sind teilweise noch stilistische Fingerübungen, doch es kommen Motive vor, die ich, bewusst oder unbewusst, in ein späteres Buch wieder einfließen lasse. Im Roman "Lärchenau" habe ich es bewusst getan, manchmal unterläuft mir das: ein Motiv, eine Figur, eine Frage, eine bestimmte Weltsicht, die in einem anderen Buch abermals auftaucht.

DIE FURCHE: Hallimasch ist ein Baumpilz, ein Schädling. Wo er wächst, zieht er Kraft ab, bedeutet Tod. Ist das Buch gefährlich?
Hensel: (lacht) Hallimasch war für mich ein treffliches Symbol. Pilze tragen ein Geheimnis in sich. Nicht nur das Geheimnis des Giftes. Sondern auch ihre Existenz als merkwürdige Zwischenform zwischen Pflanze und Tier, die eine eigene biologische Gattung darstellt. Übersetzt heißt Hallimasch "Heil im Arsch", weil er, wenn er roh oder ungenügend gekocht gegessen wird, Durchfall auslösen kann. Das ist ein alter Begriff, der zur Metapher wird, die eine gesellschaftliche sein kann. So etwas macht mir Spaß. Wenn ich ein Bild finde, auch mit einem klingenden Begriff, kann ich damit viel gestalten, etwas fabulieren über Gesellschaft, Zusammenleben, Machtverhältnisse, Gefährlichkeiten, Schönheiten.