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Die reuigen Tränen der Buhlerin

1945 1960 1980 2000 2020

Die Orthodoxe Kirche bewertet die Ehe sehr hoch, ermöglicht aber zur Buße bereiten Gescheiterten einen Neubeginn.

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Die Orthodoxe Kirche bewertet die Ehe sehr hoch, ermöglicht aber zur Buße bereiten Gescheiterten einen Neubeginn.

In der Orthodoxen Kirche nimmt die Ehe einen wichtigen Platz im sakramentalen Leben der Gläubigen ein, sie ist ein Sakrament, das heißt in der Sprache der orthodoxen Theologie: ein Mysterion, in der ganzheitlichen Sicht des sakramen talen Lebens. Die Ehe ist eine Ge meinschaft von zwei freien Perso nen, von Mann und Frau, die ver bunden sind mit dem Band der Lie be, die zum gegenseitigen Schenken und Grundvertrauen der Ehepartner, auch zu einer bestmöglichen innigsten Einheit, bis zu „einem Fleisch“ (Mt 19,5) führt. Gestärkt und vollendet wird die Ehe durch die göttliche Gnade in der Feier des Sakraments innerhalb der Kirche und unter der Mitwirkung des Priesters oder des Bischofs.

Die Liebe in dieser Gemeinschaft ist die Voraussetzung für die harmonische Existenzweise, die gegenseitige Achtung, Solidarität, Hilfe und Hingabe der zwei Eheleute, die bis zur Selbsteinschränkung und -aufop- ferung führen kann, auch des Mannes für die Frau, wie von Jesus Christus für seine Kirche (Eph 5,25), betont der heilige Johannes Chrysostomos. Daher kann diese Gemeinschaft nicht als Provisorium eingegangen werden, sondern sie ist grundsätzlich unauflöslich. Deshalb, und weil die Ehe einen so hohen Stellenwert hat, wird sie von den Kirchenvätern und von vielen orthodoxen Theologen und Bischöfen bis heute als „Mysterium der Liebe“ und als ein Abbild der harmonischen Gemeinschaft' der drei göttlichen Personen in der Trinität bezeichnet.

Dies ist sehr wichtig, denn die Kirche hat in der Trinität die Gemeinschaft als gegenseitige Durchdringung (Perichorese) der gleichwertigen göttlichen Personen hervorgehoben und jede Subordination, das heißt jede Unterordnung als häretisch ausdrücklich verurteilt.

Die liebende Gemeinschaft der Ehepartner steht im Vordergrund. Die Liebe ist nicht deshalb gut, weil sie Leben schenkt, sondern weil sie gut ist, schenkt sie Leben: das neue Leben der Kinder, indem die Ehepartner zu Mitschöpfern Gottes werden, und das immer neu und stärker werdende Leben der Ehepartner, als Lebenskraft und Lebensquelle ihrer Gemeinschaft.

Auch die zwei Lebensformen der Menschen in der Ehe oder Ehelosigkeit, als Mönche und Nonnen, werden bis heute in der Orthodoxen Kirche nicht als Gegensätze ausgespielt, obwohl oft die mönchische Spiritualität als eine Maximalforderung betrachtet wird. So spricht zum Bei spiel Origenes von zwei verschiedenen Charismen innerhalb der Kirche. Bis heute gilt in der Orthodoxen Kirche die Grundposition einer Synode in Gangra aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, die die Gleichwertigkeit von Ehe und Mönchsideal hervorhebt. Kanon 10 schärft zum Beispiel ein, wenn jemand von den Mönchen hochmütig gegen die Verheirateten sich brüstet, muß er exkommuniziert werden.

WENN EHEN SCHEITERN

Leider wird der hohe Stellenwert der Ehe in der Praxis nicht selten durch verschiedene Ideologien, negative Verallgemeinerungen, tendenziöse Interpretationen und egoistische Handlungen sehr stark relativiert. Die Freude, das Schöne und das Gute in den partnerschaftlichen Beziehungen der Eheleute werden oft mißdeutet oder unterschlagen. Auch die negative gesellschaftliche Einstellung und die einseitige, politische, gesetzgeberische Benachteiligung der Ehepartner und der Familie überhaupt tragen zusätzlich zur Herabsetzung des Wertes, der Sinn- haftigkeit und der großen Bedeutung der Ehe und der Familie bei.

Das Gebot und die Aufforderung Jesu zur dauerhaften, unauflöslichen Bindung zwischen den gleichwertigen Personen von Mann und Frau stellt einen idealen und gewünschten Zustand dar, kann aber, genauso wie jedes andere Gebot, unter anderem auf Grund der Unvollkommenheit des Menschen, die Übertretung und die Sünde und das Scheitern nicht ausschließen. Wir wissen auch, daß die Menschen nicht immer willentlich und bewußt vom geraden Weg abweichen. Das Scheitern seiner glücklich begonnenen Ehe und die Zerstörung seiner Familie will niemand. Niemand kann aber auch die Augen verschließen und das tatsächliche gänzliche Scheitern einer Ehe ignorieren. Und wenn eine Kirche der Ehe und der Familie einen so hohen und sakramentalen Stellenwert zuerkennt, wie vorher beschrieben, dann spürt sie umso tiefer den Schmerz ihres Scheiterns!

Das Neue Testament kennt die Gründe einer möglichen physischen oder psychischen Beendigung der Ehe, das heißt bei Tod und Ehebruch (1 Kor 7,59; Mt 5, 32; 19,9). In beiden Fällen haben wir aber nicht zwingend die tatsächliche Auflösung der Ehe unter dem doppelten soeben erwähnten Aspekt. Der physische Tod bereitet zwar der Ehe ein natürliches, vielleicht juridisches Ende, er vermag aber nicht auch das innere, psychische, also reale Band der tiefen Liebe der Ehepartner zu zerstören. Eine Unzahl von Ehepartnern bleiben aus ihren unauslöschlichen Empfindungen mit ihren verstorbenen Partnern innigst verbunden.

Auch der Ehebruch muß nicht unbedingt und zwingend zur Auflösung, das heißt zum moralischen Tod der Ehe führen. Dabei handelt es sich um eine schwere Sünde, die die Grundlage der Ehe zerstört. Aber auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Ehebruch, Sünde, Beharren, Ehezerstörung, Ehescheidung. Und 2. Ehebruch, Sünde, Reue, Vergebung, Versöhnung, Dies gilt natürlich für beide Ehepartner. Die Früh- kirche und die Kirchenväter kennen auch diese Möglichkeiten.

Im 4. Gebot des Hirten Hermas aus dem 2. Jahrhundert wird betont, daß der Ehebruch eine schwere Sünde ist und „wenn einer diese böse Tat tut, so bringt er den Tod über sich“. Und weiter: „Was soll der Mann tun, wenn die Frau bei ihrer Leidenschaft beharrt? Er soll sie ent lassen ... Denn (sonst) wird er ihrer Sünde teilhaftig und Genosse ihres Ehebruchs.“ Aus der gleichen Zeit berichtet Justinus der Märtyrer, daß eine Frau ihren Mann entlassen hat, weil er durch sein lasterhaftes Leben und durch Beharren in diesem Leben die Ehe zerstört hat und weil sie durch das Verbleiben in der Ehe mit ihm auch an seinen Sünden teilhaftig wäre. Ähnlich äußern sich noch viele andere Kirchenväter wie Theophilus von Antiochien, Klemens von Alexandrien, Origenes, Basilius der Große, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomos und so weiter.

Grundsätzlich kann gesagt werden, daß eine Ehescheidungsmöglichkeit „aus allen jenen Ereignissen und Handlungen abgeleitet (wird), welche in ihren Wirkungen auf das eheliche Leben dem natürlichen Tode oder dem Ehebruch gleich gehalten werden“ (J. Zhischmann), oder erkennbar dazu führen können. Zum Beispiel wenn die Ehepartner so zerstritten sind, daß ein Partner dem anderen körperliche Verletzungen zufügt und tatsächlich Lebensgefahr droht, oder der eine den anderen aus verschiedenen Gründen zum Ehebruch verleitet oder dazu sogar zwingt.

Die Kirche hat dazu das Recht und die pastorale Verpflichtung, solche gravierende Probleme in einer gewissen Flexibilität und unter Berücksichtigung der persönlichen Situation des einzelnen zu lösen, damit den Gläubigen zu ihrem Heil geholfen wird. Und wenn die Bemühungen des Pfarrers oder des Bischofs unfruchtbar bleiben, dann kann die Kirche das tatsächliche Scheitern einer Ehe zur Kenntnis nehmen und eine Ehescheidung als eine letzte Pastoralnotlösung akzeptieren.

Weil es also in der Ehe und in der Familie Probleme, Leid und auch große Sorgen gibt, die sogar zum Scheitern der Ehe führen können, brauchen die Eheleute Verständrfis und besondere Unterstützung, um aus den verschiedenen Sackgassen herauszufinden, und eine Chance zum Neubeginn. Diese pastorale fürsorgliche Praxis der Orthodoxen Kirche ist bei den Kirchenvätern beziehungsweise auch aus der Tradition der Frühkirche bekannt.

Nach der Zerstörung der Ehegemeinschaft und der Ehescheidung, wird eine zweite und eine dritte Eheschließung, niemals eine vierte, kirchlich und sakramental aus den erwähnten Pastoralüberlegungen zugelassen, obwohl die Einehe als Ideal nicht angestastet wird. Wenn zwei geschiedene Ehepartner sich versöhnen und in die Ehegemeinschaft zurückkehren wollen, wird die Feier des Ehesakraments nicht wiederholt.

Bei der zweiten oder dritten Eheschließung gibt es bei der Feier des Ehesakraments einen eigenen Ritus, der sehr stark die Liebe, die Barmherzigkeit und die Vergebung Gottes für die Ehepartner erfleht. Der Bußcharakter dieser „Feier“ ist ebenfalls deutlich.

Der Beichtvater kann je nach der persönlichen Situation der Eheleute auch eine Buße für eine kürzere oder längere Zeit auferlegen, bis die neu Verheirateten wieder voll in die kirchliche und sakramentale Gemeinschaft aufgenommen werden. Nach Möglichkeit sollen auch der Glanz und die Feierlichkeit reduziert werden. Zum Beispiel kann die Krönung ausbleiben oder der Priester nicht an der Hochzeitstafel teilnehmen. Diejenigen, die eine zweite beziehungsweise dritte Ehe eingehen, können auch nicht als Vorbilder für die Gläubigen aufgestellt werden, das heißt, sie dürfen nicht Kleriker werden, wie es Synoden aus dem ersten Jahrtausend der Kirche regelten.

FÜR DAS HEIL DES MENSCHEN

Das Prinzip, worauf die Orthodoxe Kirche sich dabei stützt, ist die „Ökonomie“, abgeleitet von der unendlichen Liebe und Barmherzigkeit Gottes. In manchen Fällen des Lebens der Menschen in dieser Welt mit ihren ganz' konkreten Problemen führt das genaue Einhalten der Kanones der Kirche (Akribie) nicht zu ihrem Ziel, nämlich dem Heil der Menschen. In diesen Fällen reagiert die Kirche - ohne ihre Kanones aufzugeben oder sie zu verfälschen - im Geist der Nachsicht und Milde. Die Ökonomie als ein außerordentliches Heilsmittel überschreitet die starren kirchenrechtlichen Grenzen der Akribie im sakramentalen Leben der Kirche. Die Ökonomie hebt aber nicht die Akribie auf.

Aus dem Trauungsritus für eine Zweitehe: „ ... denn wenn Du auf die Übertretungen achten willst, o Herr. Herr, wer wird bestehen, und welches Fleisch wird gerecht vor Dir? Denn Du allein bist gerecht, sündlos, heilig, voll Barmherzigkeit, voll Mitleid im Herzen, den da reuet der Menschen Missetat. Du nun Gebieter, der Du Deine Knechte N. N. und N. N. Dir zu eigen gemacht hast, verbinde sie einander durch die Liebe; schenke ihnen des Zöllners Bekehrung, die Tränen der Buhlerin, das Bekenntnis des Schächers; damit sie in Buße von ganzem Herzen in Eintracht und Frieden Deines himmlischen Reiches dereinst würdig befunden werden.“

Der Autor ist

Professor an der Universität Graz.

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