die richterin lydia mischkulnig - © Foto: iStock w/ Joel Carillet (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Literatur

"Die Richterin" von Lydia Mischkulnig: Mitten ins Herz unserer Gegenwart

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Die Richterin“ hat Lydia Mischkulnig einen herausragenden Gesellschaftsroman und zugleich ein aktuelles politisches Statement vorgelegt.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Die Richterin“ hat Lydia Mischkulnig einen herausragenden Gesellschaftsroman und zugleich ein aktuelles politisches Statement vorgelegt.

Sicherheit und Recht – diese zwei Begriffe bilden die große Klammer, die den Roman „Die Richterin“ von Lydia Mischkulnig zusammenhalten. Dass sie keineswegs abstrakte Konstrukte sind, sondern vielmehr ganz ins Persönliche gehen und das Leben der einzelnen Menschen bestimmen, erzählt der soeben bei Haymon erschienene, ganz und gar in unserer Gegenwart angesiedelte Roman auf vielschichtige und überzeugende Weise.

Als Richterin in zweiter Instanz entscheidet die Protagonistin Gabrielle darüber, ob Menschen gemäß dem österreichischen Recht Asyl bekommen oder nicht. Dabei geht sie stets korrekt vor, ist demokratiebewusst und stolze Verteidigerin der Unabhängigkeit der Justiz. Im Privaten indes ist sie Konflikten ausgesetzt, bei denen die Regeln nicht so klar definiert sind. Die „Geschwisterkette“ verknüpft ihr Leben eng mit jenem von Bruder Karl, für den sie sich ihr Leben lang verantwortlich fühlt. Ihr Mann Joe bricht jeglichen Kontakt mit Karl ab, nachdem Gabrielle durch dessen Schuld eine Fehlgeburt erleidet, und möchte diesen am liebsten auch Gabrielle untersagen. Doch sie wirft einige ihrer Prinzipien über Bord, um den Bruder aufzuspüren.

„Geschwisterketten“

„Ambivalenz war eine klare Sache.“ So umschreibt die Protagonistin an einer Stelle im Roman selbstironisch ihre Beziehung zu Joe. Dieser führt als pensionierter Lehrer den Haushalt und fühlt sich seiner Frau gegenüber manchmal unterlegen; auch das ökonomische Gefälle ist Thema zwischen dem Paar, das nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens unhinterfragt die Freizeit miteinander verbringt, „weil es richtig war“ – wiewohl Gabrielle sich in Trennungsfantasien ergeht –, in einem Designerhaus lebt und großbürgerliche Privilegien genießt. Wenn sie Abstand braucht, zieht sich Gabrielle in die Stadtwohnung zurück, so wie eine weitere Abmachung zwischen den beiden besagt, dass sie nie vor 17 Uhr nach Hause kommt. Als sie eines Tages um eine Viertelstunde zu früh vor der Tür steht, macht sie beim Blick durch die Terrassenfenster eine Beobachtung, die ihre Einstellung zu Joe grundlegend erschüttern und ändern wird.

Sicherheit und Recht – diese zwei Begriffe bilden die große Klammer, die den Roman „Die Richterin“ von Lydia Mischkulnig zusammenhalten. Dass sie keineswegs abstrakte Konstrukte sind, sondern vielmehr ganz ins Persönliche gehen und das Leben der einzelnen Menschen bestimmen, erzählt der soeben bei Haymon erschienene, ganz und gar in unserer Gegenwart angesiedelte Roman auf vielschichtige und überzeugende Weise.

Als Richterin in zweiter Instanz entscheidet die Protagonistin Gabrielle darüber, ob Menschen gemäß dem österreichischen Recht Asyl bekommen oder nicht. Dabei geht sie stets korrekt vor, ist demokratiebewusst und stolze Verteidigerin der Unabhängigkeit der Justiz. Im Privaten indes ist sie Konflikten ausgesetzt, bei denen die Regeln nicht so klar definiert sind. Die „Geschwisterkette“ verknüpft ihr Leben eng mit jenem von Bruder Karl, für den sie sich ihr Leben lang verantwortlich fühlt. Ihr Mann Joe bricht jeglichen Kontakt mit Karl ab, nachdem Gabrielle durch dessen Schuld eine Fehlgeburt erleidet, und möchte diesen am liebsten auch Gabrielle untersagen. Doch sie wirft einige ihrer Prinzipien über Bord, um den Bruder aufzuspüren.

„Geschwisterketten“

„Ambivalenz war eine klare Sache.“ So umschreibt die Protagonistin an einer Stelle im Roman selbstironisch ihre Beziehung zu Joe. Dieser führt als pensionierter Lehrer den Haushalt und fühlt sich seiner Frau gegenüber manchmal unterlegen; auch das ökonomische Gefälle ist Thema zwischen dem Paar, das nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens unhinterfragt die Freizeit miteinander verbringt, „weil es richtig war“ – wiewohl Gabrielle sich in Trennungsfantasien ergeht –, in einem Designerhaus lebt und großbürgerliche Privilegien genießt. Wenn sie Abstand braucht, zieht sich Gabrielle in die Stadtwohnung zurück, so wie eine weitere Abmachung zwischen den beiden besagt, dass sie nie vor 17 Uhr nach Hause kommt. Als sie eines Tages um eine Viertelstunde zu früh vor der Tür steht, macht sie beim Blick durch die Terrassenfenster eine Beobachtung, die ihre Einstellung zu Joe grundlegend erschüttern und ändern wird.

So ist unsere unmittelbar gelebte Zeit in jedem Satz präsent, sind individuelle und Zeitgeschichte Satz für Satz ineinander verwoben.

„Geschwisterkette“ – dieses Wort kann aber auch deutlich umfassender in einem allgemein menschlichen Sinn gedacht werden und sich auf die Bindung zwischen einem Fremdenpolizisten, der für Abschiebungen zuständig ist, und einem Abzuschiebenden, der das letzte Glied der „menschlichen Geschwisterkette“ ist, beziehen. Und in dem weiten Feld, das sich hier auftut, bewegt sich der Roman, wenn die Richterin mit den unterschiedlichen Fluchtgeschichten und Lebensläufen der Asylwerber konfrontiert ist.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus Afghanistan geflohen sind, dem Land, das Österreich als sicheres Herkunftsland führt: die Universitätsprofessorin, die allein aufgrund des Gefühls der Bedrohung an der Universität Kabul kein Anrecht auf Asyl hat, der „Sohn eines Schneiders“, dem nach dem österreichischen Recht Asyl zugesprochen wird, weil er als Minderjähriger vom Vater zur Flucht „gezwungen“ wurde, der Vergewaltiger, bei dem Anrecht auf Asyl besteht, da er einer Familie von Widerstandskämpfern entstammt, die Jesidin, die vom eigenen Familienclan verfolgt wird, der Analphabet, der ein „deutscher Dichter“ werden möchte, obwohl er die Sprache erst in einer Flüchtlingsunterkunft im hintersten Tirol kennengelernt hat – ihnen allen begegnet Gabrielle mit demselben am Recht orientierten Blick. Bis ihr jemand eine Entscheidung übel nimmt und sie vom Verfassungsschutz Personenschutz erhält.

„Es drohte ihr keine Gefahr außer die allgemeine, die freilich auch eine persönliche, aber keine juristisch anwendbare war.“ So heißt es in Bezug auf die Universitätsprofessorin, und genau in der Ambivalenz des Spannungsverhältnisses zwischen allgemein, persönlich und juristisch bewegt sich der Roman. Gabrielle und Joe sind ein intellektuelles Paar, es wird viel und heftig diskutiert in dem Roman, sei es über die Theateraufführung von „Hotel Strindberg“, identitäre Mütter in Waldorfschulen, über Kabul, vor allem aber über Grundsätzliches. „Asylrecht zu judizieren hieß, den Rechtsstaat an seine Grenze zu bringen und für sich persönlich eine zu ziehen, wo Glaubwürdigkeit begann und Glaubhaftigkeit endete.“ Und es wird Haltung gezeigt und Stellung bezogen.

Die Richterin Lydia Mischkulnig - © Foto: Haymon
© Foto: Haymon
Buch

Die Richterin

Roman von Lydia Mischkulnig
Haymon 2020
296 S., geb., € 22,90

Lydia Mischkulnig umkreist in ihren Texten seit jeher die großen Fragen von Gegenwart und Vergangenheit und hinterfragt, was als richtig und falsch gehandelt, als Gut und Böse gewertet wird. Die österreichische Vergangenheit ist in „Die Richterin“ in der Figur des Vaters präsent, der nach undurchsichtigen Tätigkeiten im Zusammenhang mit dem „größten Waffenskandal“ der österreichischen Nachkriegsgeschichte von Gabrielle tot in seinem Haus aufgefunden wird, die Pistole in der Hand. Mord oder Selbstmord – diese unbeantwortete Frage klafft als offene Wunde im Leben der Geschwister.

„Ungute Atmosphären der Erinnerung“ lassen Gabrielle von der „Kellerschwelle“ in die Hölle der eigenen Familiengeschichte blicken. So unvoreingenommen und kühl sie ihre Arbeit versieht, so getrieben erscheint sie in ihrem intimen Umfeld, aufgerieben zwischen Loyalitäten und Blindheiten (so ist es denn auch eine ihrer Ängste, wie ihre Mutter zu erblinden, und das nicht nur metaphorisch).

Vertraute Großstadt

Mit „Die Richterin“ ist Lydia Mischkulnig zum einen das außergewöhnliche literarische Porträt einer Frau gelungen, die aus einer machtvollen Position heraus Entscheidungen trifft, ohne diese Macht zu missbrauchen – in vielerlei Hinsicht ein politisches Statement in Zeiten wie diesen. Zum anderen ist „Die Richterin“ ein herausragender Gesellschaftsroman, der die Ergebnisse der detail- und sachgenauen Recherche großartig in Erzählung gießt, dabei mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt und den Anspruch, auch formal auf Augenhöhe mit der Zeit zu sein, vollkommen einlöst. So ist unsere unmittelbar gelebte Zeit in jedem Satz präsent (Andeutungen von Masken inklusive), sind individuelle und Zeitgeschichte Satz für Satz ineinander verwoben, was die Erzählung von Gleichzeitigem in der Ungleichzeitigkeit ermöglicht, das Austarieren von Ungleichgewichtigem, sowohl auf persönlichen als auch auf gesellschaftlichen Ebenen.

Der Roman kann auch in der Tradition der Großstadt- und Intellektuellenromane der 1920er Jahre gelesen werden und setzt dadurch einen wichtigen Kontrapunkt zum Revival des Dorf- und Heimatromans und der literarischen Wiederentdeckung der – wenn auch kritisch betrachteten – ländlichen Tradition in der österreichischen Gegenwartsliteratur. Es ist der Erzählkunst von Mischkulnig zu verdanken, dass Kabul zur vertrauten Großstadt wird, die geografisch nahe liegende Landschaft hingegen fremd.

Meisterin der Ent-Idyllisierung

Dass die Geschlechterperspektive dabei selbstverständlich in die Erzählung miteingeschrieben ist, wie überhaupt das Denken in Strukturen, dass Travestie als „Flucht vor der Aggression der Norm“ ins Spiel kommt so wie die Materialität allen Seins, vom Käse über den Talar bis zum Menschen, beschert den Lesenden, neben der Einladung mitzudenken, eine durch und durch feinsinnige Lektüre und verspricht Spannung buchstäblich bis zum letzten Satz. Die Eleganz der Sprache, die kunstvoll die verschiedenen Zeitebenen miteinander verknüpft, trägt das ihre dazu bei.

Was formal-ästhetisch die Zeitgenossenschaft des Romans am stärksten unterstreicht, ist allerdings eine poetische Verfahrensweise, die Mischkulnig bis zur Meisterschaft beherrscht, nämlich die Ent-Idyllisierung durch Verfremdung: Wirklichkeitsverschönerung ist Mischkulnigs Sache nicht, ist es nie gewesen. „Jeder Mensch ist eine Welt.“ So lässt sie die Richterin über Joe und die Mitmenschen im Allgemeinen sinnieren, um sie dann zum Schluss kommen zu lassen: „Der Typ war in Pension und ihr anvertraut.“ Ja, Ambivalenz ist wirklich eine ganz klare Sache – und in „Die Richterin“ grandios zur Anschauung gebracht.

Die Autorin leitet das Literaturhaus am Inn in Innsbruck.