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Die Seele des Arbeiterkindes

Die folgenden Zeilen sind ein offenherziger Bericht über Gespräche und Erfahrungen mit Kindern einer Schule, die am Rande Wiens liegt. Es handelt sich um Volksschüler der letzten Schuljahre, also im Alter von 12 bis 14 Jahren. Die intelligenteren Kinder sind schon vor Jahren für die Mittel- und Hauptschule abgezogen worden. Die übriggebliebenen Kinder — vierzehn Knaben und zwölf Mädchen —, also im ganzen sechsundzwanzig Kinder, zeichnen sich nicht durch hervorragende Intelligenz aus, aber es ist auch keines dabei, das man als ausgesprochen geistig zurückgeblieben bezeichnen könnte. Ihr Wissen und Können hat große Lücken, diese Jahrgänge haben im Krieg am meisten gelitten. Keines von ihnen ist imstande, nur einen einzigen Satz ohne orthographischen Fehler zu schreiben. Die meisten kommen aus armen Verhältnissen. Ihre Väter sind gelernte und ungelernte Arbeiter. Ihr körperliches Aussehen ist befriedigend. Die Väter einiger Kinder verdienen um die tausend Schilling im Monat. Nur zwei kommen aus einer katholischen Familie. Keines wurde von den Eltern von der Religionsstunde abgemeldet. Alle Eltern zahlen Kirchensteuer. In die Kirche gehen durchschnittlich zwei Kinder, eben die obengenannten aus den katholischen Familien. Der Großteil der Kinder kommt das ganze Jahr nicht in die Kirche, wobei sie der Umstand nicht ganz entschuldigt, daß sie einen weiten Weg zur Kirche haben. Wenn die Schulbeichte angesetzt ist, so kommen sie ganz brav. Am folgenden Sonntag aber bei der Kommunion fehlen schon viele. Etwa ein Viertel der Kinder — darunter mehr Mädchen als Knaben — beten regelmäßig allein.

Die Knaben wie die Mädchen verkörpern einen ziemlich eindeutigen Typus. Sie sind leichter zu lenken als andere vor ihnen. Die disziplinären Schwierigkeiten sind gering. Die Kinder haben ein ausgesprochenes Gruppenbewußtsein. In der Pause kann man es deutlich bemerken. Die Mädchen setzen sich auf einen Haufen zusammen und plaudern und singen, die Knaben spielen mit Geld auf der Bank, Fußball oder stehen in einer Ecke beisammen und haben ihre harmlosen Gespräche. In keinem Jahrgang vor ihnen habe ich noch so deutlich das Gefühl gehabt wie bei diesen: hier sind schon die vollendeten Herdenmenschen, die Kollektivmenschen der Zukunft vorgebildet. Wenn man sich fragt, was diese Kinder, die an der Schwelle zum Jugendalter stehen, geistig erfüllt, so ist die Antwort leicht und einfach. Es gibt keinen einzigen, der herausfällt. Ihre geistige Welt, in der sie leben, ist das Kino. Alle Kinder mit einer einzigen Ausnahme — der Vater, ein Außenseiter, verbietet es dem Kind — gehen Sonntag für Sonntag ins Kino. Auf meine Frage, wer öfter als einmal in der Woche ins Kino geht, flogen wieder alle Hände in die Höhe, und ich erfuhr zu meiner Überraschung, daß weitaus der größte Teil der Kinder dreimal in der Woche das Kino besucht. Für noch öfteren Besuch ist keine Veranlassung, da im Kino dreimal ein Programmwechsel stattfindet. Es ist aussichtslos und sinnlos, die Kinder mit Gewalt in die Kirche zu treiben.

„Am Sonntag ist der einzige Tag in der Woche, wo wir uns ausschlafen können”, sagt der Vater. „Da können wir nicht in die Kirche kommen.” So reden sie sich aus.

Ich habe schon versucht, am Sonntagabend eine Messe zu halten, aber diejenigen, denen sie vermeint war, kamen nicht. Der Lockruf des Kinos war tausendmal stärker. Wir dürfen nicht übersehen, daß der Kol- lektivmensch nicht von Vernunft und Wille geleitet, sondern von großen und geheimnisvollen Massengefühlen mythischer Art getrieben wird.

„Wer hat schon einen Film mit Jugendverbot gesehen?”

Die meisten meldeten sich. Zwei hatten sogar das „Schleichende Gift” gesehen, wie sie freimütig bekannten. Sie wurden von den andern darum beneidet.

„Wirft euch niemand hinaus?”

„Manchesmal der Polizist.”

Auf meine Frage, welche Art von Filmen sie am liebsten sehen, schrien alle, am lautesten die Buben:

„Kriminal- und Verbrecherfilme!”

Und sie schilderten mir genau, wie so ein idealer Gangsterfilm aussehen müsse. Sie verrieten dabei eine außerordentliche Lebhaftigkeit und ein Interesse, das erstaunlich war. Die größeren Mädchen gestanden, daß sie Liebesfilme auch gerne sehen. Ein Großteil der Knaben hat auch Interesse für Kriegsfilme. Ihre Freude am Kino ist so groß, daß sie zum Unterschied vom Kirchengang stundenlang laufen würden, um zu diesem Genuß zu kommen.

Die Einstellung zu den religiösen Dingen sei mit nachstehendem gekennzeichnet: Wenn man ihnen die Geschichten der Bibel und die Katechismuswahrheiten vorträgt, finden sie sich für eine Weile leicht in diese religiöse Atmosphäre hinein, aber sie verharren nicht lange darin. Die Umgebung,

in der sie leben, ist eine durchaus unreligiöse. Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß viele Männer, deren Frauen die Kirchensteuer zahlen, immer noch starke Vorurteile gegen die Religion haben. Die Summe des Glaubens in so einem großen Proletarierhaus ist erschreckend klein. Wir haben immer zu sehr das Moment der persönlichen Freiheit und Entscheidung betont, aber die Macht der Umgebung ist für diese Menschen, die immer mehr ihre Eigenpersönlichkeit auf Kosten der unbewußten und geheimnisvollen Massenseele aufgeben, beinahe alles. Die Fähigkeit zu einer freien Entscheidung sinkt mehr und mehr auf eine rein theoretische Möglichkeit herab.

Wenn man mit den Kindern im Ton des Lehrers spricht, nehmen sie für den Augenblick alles ruhig hin, aoer gleich nachher spüren sie, wie das für sie eine fremde Welt ist, in der zu leben sie nicht gewohnt sind. Ich hatte ihnen von der Auferstehung von den Toten und der Verklärung im Himmel erzählt. Nachher hatten sie bei ihrer Lehrerin, einer tüchtigen Pädagogin, Naturgeschichte. Sie sprachen von der Funktion des menschlichen Herzens und vom Tode. Da erinnerte sich eines der Kinder, was ich eben über die Auferstehung gesagt hatte und brachte es als Frage zur Sprache. Die Lehrerin erzählte mir entsetzt, die ganze Klasse hätte auf einmal unter dem bloßen Eindruck der nüchternen Tatsachen der Natur alles als Märchen erklärt, was ich ihnen vorher erzählt hatte. Sie gebrauchten dafür den vieldeutigen Ausdruck „Schmäh”. Er bedeutet Märchen. Propaganda, Gefasel, Unwahrheit, Lüge, mit einem verächtlichen Beiklang. Auch ein Film, der ihnen nicht paßt, kann „Schmäh” sein. Ich habe mich mehrmals überzeugt, wie sie von ihren Vätern beeindruckt, alles Wunderbare in der Religion mißtrauisch betrachten. In der nächsten Religionsstunde versuchte ich ihnen neuerdings das Geheimnis der Auferstehung und Verklärung nahezubringen. Ich glaube, es gelang mir nicht. Die Glaubensmysterien bedürfen einer gewissen seelischen Gestimmtheit, die diesen Kindern bereits völlig abgeht. Einige von den Wundern Jesu ließen sie als möglich gelten, aber die andern Berichte der Heiligen Schrift sind ihnen fremd und unwirklich. Dabei ist es sehr wichtig zu beachten, daß diese ihre Schwierigkeiten nicht rational begründet sind, sondern offensichtlich aus der mythischen Haltung des modernen Kollektivmenschen erwachsen. Nicht übersehen darf werden, wie stark diese neuen mythischen Kräfte im Film wirksam sind und die Menschen ansprechen. Anders wäre diese Kinomanie, diese Filmsüchtigkeit, nicht zu erklären.

Man kann sagen, dieses Beispiel und die Konsequenzen daraus seien überzeichnet. Ich gestehe, daß ich ein Beispiel gewählt habe, an dem das Ganze deutlicher zum Ausdruck kommt. Es ließe sich auch viel Tröstliches sagen, aber darum geht es hier nicht. Wir müssen die Entwicklungstendenzen klar sehen, um ihnen soweit als möglich, entgegen wirken zu können.

Die Aussichten auf Beeinflussung der Massen als solcher sind gering, wenn wir es in aller Offenheit sagen wollen. Das andere wäre Selbsttäuschung. Andererseits ist die Seele eines jeden Menschen, auch des Kindes und Jugendlichen, so einer heidnischen Zeit wie der unseren, auf Gott bezogen, und es muß alles getan werden, um sie zu Christus hinzuführen. Wir können nicht die Massenseele als solche verdirist- lichen, sondern unsere Aufgabe wird es sein, wie Kierkegaard sagt, die Masse in einzelne aufzusplittern und den einzelnen vor die religiöse Entscheidung zu stellen. Die zwei Kinder, die aus dieser Klasse am Sonntag in die Kirche gehen, obwohl sie am Nachmittag mit den andern ins Kino laufen, müssen gehütet und zu religiöser Selbständigkeit geführt werden. Bei einigen anderen, die eine gewisse Verbundenheit mit der Kirche haben, muß der Versuch gemacht werden, sie mit dem Religiösen stärker in Verbindung zu bringen. In die Herzen der anderen aber kann man nur möglichst viele und starke religiöse Eindrücke versenken und hoffen, daß bei dem einen oder andern, wenn er durch große Erlebnisse auf sich selbst zurüdtgeworfen wird, diese Saat aufgehen wird.

Als ich neulich wieder vor dieser Klasse stand und die Augen der Kinder auf mich gerichtet sah, fühlte ich erschauernd, wie mächtig in ihnen bereits die Zukunft ist, und wie wehrlos sie ihr preisgegeben sind. Ich erinnerte mich an das Lied von Brentano, das vielleicht diesen Kindern mehr gilt, als je einer andern Generation vor ihnen: Wer ist ärmer als ein Kind! An dem Scheideweg geboren, heut geblendet, mtirgen blind, ohne Führer %ehtN iret- loren. Wer dies je einmal empfunden, sieht sich als katholischer Erzieher tief vor diesen Kindern verpflichtet.

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