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Die Spaltung: eine Wunde für die Welt

dieFurche: Ende Juni WfindetinGraz die „Zweite Europäische Ökumenische Versammlung" statt Das Hauptthema lautet „Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebern." Für ihr Kardinalswappen haben Sie die Worte aus dem Johannes-Evangelium gewählt „Ut omnes unum sint" - „alle sollen eins sein". Warum haben Sie sichfiir dieses Zitat entschieden?

Kardinal Jan Chryzostom Korkc: Ftwa 30 Jahre lang, seit 1951, hatte ich kein bischöfliches Wappen und keinen Leitspruch Erst später, als ich zu diesem l'hema immer öfters befragt wurde, habe ich darüber nachgedacht und festgestellt: Mein Bemühen war immer auf die Einheit gerichtet. Auf jene Einheit, an die der Herr beim letzten Abendmahl gedacht hatte - damit wir eins sind, wie Er im Vater und der Vater in Ihm. Schon in meiner Studienzeit hat mich die Idee der christlichen Einheit im Inneren bewegt. Diese Betroffenheit wuchs dann mit der Zeit. In der Slowakei haben im 19. Jahrhundert zahlreiche Lehrer, Priester, Schriftsteller, Dichter und verschiedene Bünde diese Idee intensiv verbrei: tet. Die Trennung der Christen ist eine große Wunde für Europa, ja für die ganze Welt. Die Spaltung führte manchmal bis zum Haß. Und das steht nun wirklich im Widerspruch zum FVangelium. Um die Einheit, die für uns Christen wie ein Gebot ist, habe ich mich nicht nur im Gebet bemüht, sondern auch mit persönlichem Einsatz. In der Zeit des Kommunismus haben wir für die Einheit unter den katholischen und evangelischen Geistlichen einen Weg gebahnt. Besonders stark habe ich dieses Streben nach Einheit im Gefängnis erlebt. Heute mache ich hier weiter, indem ich die praktische Zusammenarbeit suche, und zwar in Liebe.

dieFurche: Wie sehen Sie den Aspekt der Versöhnung zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen heute, kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends?

Korec: Mit stiller Freude habe ich die Bemühungen beobachtet - besonders in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil -, die historischen Hindernisse zur Versöhnung zwischen den Christen zu beseitigen. Katholiken und Orthodoxe, Katholiken und Protestanten haben durch ökumenische Treffen und andere Aktivitäten gemeinsame Schritte gesetzt. Die Spaltung ist aber tiefgreifend und sie hat in der Geschichte viel Bitterkeit hinterlassen. Es scheint manchmal so, als ginge es über die menschlichen Kräfte hinaus, alle Hindernisse zu beseitigen, um den lebendigen Glauben an den Herrn zu erneuern und sich von der Liebe führen zu lassen. Die Spaltung der Christen dauerte immerhin einerseits tausend, andererseits fünfhundert Jahre...

Jetzt, vor dem großen Jubiläum des Jahres 2000? Wie sollten wir jubeln ohne Einheit in Hoffnung und Liebe? Und wer wäre denn Christus für uns, wenn nicht unser Weg zur Einheit? Gerade in dieser Zeit sollten wir unsere Hoffnung begründen. Sie muß in uns selbst leben, wie es der Apostel Petrus in seinem Brief von uns verlangt (1 Petr 3,15). Die Jahrhunderte lehren uns, wie schwer das ist. Es liegt über den menschlichen Möglichkeiten. Die historische Verbitterung ist eine Last, die wir nur schwer überwinden. Wie sollen wir uns gegenseitig vergeben? Wie uns versöhnen? Wie wieder ein Leben als Zeugnis wirklichen Glaubens beginnen, wie sich Christus hingeben und seiner reinen Liebe?

Hier geht es nicht nur um menschliches Streben.. Die Versöhnung der Christen kann nur eine Frucht des Geistes sein. Die Veranstalter der Grazer Versammlung haben das begriffen. Das Hauptthema lautet: „Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle des neuen Lebens." Im „Vater unser" erbitten wir täglich Vereinigung, Versöhnung, Vergebung. Eine solche Versöhnung ist Gabe Gottes, isjt Gnade, ist der Geist, der zum neuen Leben ruft und versöhnend wirkt. Aus dieser Sicht sollte die Grazer Versammlung vor allem ein Gebet sein. Und mit den Wellen des Gebets sollte sie ganz Europa umspülen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Der Geist Gottes sollte über uns schweben. Und wir alle sollten uns ihm öffnen. Alle.

dieFurche: Vom globalen Standpunkt aus kann man nicht nur über Vzrsöh-nung zwischen Christen sprechen, sondern es geht auch um soziale, kulturelle sowie auch politische Aspekte. Besonders in der heutigen Slowakei ist es notwendig, daß das innergesellschafiliche Klima gesundet Wo liegt ihrer Meinung nach der Gordische Knoten, den es zu durchschlagen gilt, damit in diesen Fragen etwas in Bewegung kommt -nicht nur in der Slowakei, sondern auch in ganz Europa?

Korec: Die Spaltung zeigt sich in verschiedenen Formen. Wenn die Uneinigkeit der Christen so viel Bitterkeit verursacht hat, dann kann im Gegenzug die Vereinigungsbewegung viele gesunde Früchte durch Zusammenarbeit in allen Bereichen hervorbringen. Diese Zusammenarbeit soll nicht nur im Rahmen der Nationen geschehen, sondern auch zwischen den Völkern. Der Glaube ist Stärke. Auch die Liebe ist Stärke. Ich glaube, daß es nicht nur in der Slowakei aktuell ist, das Lebensklima gesünder zu machen. Wir in der Slowakei haben eine zehnjährige geistige Erneuerung begonnen und befinden uns im ersten Jahr der Vorbereitung für das Kirchen-Jubiläum im Jahr 2000.

Der Gordische Knoten des Problems liegt in jedem von uns - wir sollten ihn vielleicht nicht durchhauen, sondern eher auflösen. In der gegenseitigen Beziehung, zu den Rechten der anderen gerecht und wohlwollend sein! Unsere Kinder in der Slowakei haben während der letzten Weihnachtszeit über zwei Millionen Kronen für die Kinder in Nairobi gesammelt. Das ist auch eine Art der Auflösung des Knotens, meiner Meinung nach eine der wirksamsten. Solche Beziehungen der Hilfe und des Wohlwollens blühen in ganz Europa und wir sollten sie unterstützen!

dieFurche: Welche Botschaft möchten Sie den Teilnehmern an der Grazer Vzrsammlung übermitteln?

Korec: Welche Botschaft? Ja im Gegenteil: Viele erwarten eine Botschaft aus Graz... Die Versammlung in Graz sollte eine Versammlung der Christusliebe sein. Im Gebet sollen wir alle dort anwesend sein. Und der Geist dieser Versammlung, der Geist des Herrn sollte sich von dort aus in die ganze Welt verbreiten.

Das Gespräch führte

Tibor Macäk.

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