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DIE SPRACHE TANZEN LASSEN

"Oder warum genügt nicht ein Text für immer, ein einziger Text für alles?"

Was für eine Frage, vor allem für eine Literaturredakteurin, die zwischen hunderten neu erschienenen Büchern einige für jene Beilage auszuwählen hat, die im Oktober, also dem Monat der Frankfurter Buchmesse, erscheint. Allein bei der Auswahl für den Buchmessenschwerpunkt Brasilien muss sie scheitern, denn immer wird etwas fehlen, jede Auswahl macht ein schiefes Bild.

"Oder warum genügt nicht ein Text für immer, ein einziger Text für alles?" Diese Frage macht Leserinnen und Leser nachdenklich, die wissen, dass die Literatur thematisch geradezu arm ist: Liebe und Hass, Leben, Gewalt und Tod. Das aber immerhin in allen möglichen Variationen. Michael Lentz' Frage war eine von vielen Sätzen, die mich innehalten ließen bei meiner Lektüre durch seine ebenso anspruchsvolle wie faszinierende Poetikvorlesung, die nun unter dem Titel "Atmen Ordnung Abgrund"(S. Fischer 2013) erschienen ist. In ihr buchstabiert sich der theorieversierte Schriftsteller der antiken Rhetorik entlang durch zeitgenössische Literatur und liest für seine Leserinnen und Leser unter anderem Samuel Beckett, Ror Wolf, Oskar Pastior und Franz Mon, zu dem er soeben auch ein Lesebuch herausgegeben hat ("Zuflucht bei Fliegen", S. Fischer 2013).

Die Kleider immer neu kombinieren

Warum genügt nicht ein Text für immer und für alles und was müsste das für ein Text sein? Michael Lentz liest zu dieser Frage Franz Kafkas Text "Vor dem Gesetz", dessen unzählige Interpretationen ja zeigen, was ein Text im besten Fall sein kann: von jeder Interpretation uneinholbar. Der Mann in Kafkas Prosa bückt sich, "um durch das Tor in das Innere zu sehn". So schreibt es Kafka. "Wer oder was hindert mich daran zu sagen: Das Gesetz ist die Sprache", fragt Lentz. "Oder das Gesetz ist die Interpretation bzw. der unendliche Prozess der Interpretation, auch der Selbstinterpretation ... Auch wir lagern immer nur vor der Sprache. Einlass erlangen wir vielleicht nicht einmal in den Tod. Wo sollte er sein? In uns. Der Türhüter ist auch in uns. ... Der Text ist das Gesetz. Das Gesetz ist, dass es nicht betreten werden kann. So verstanden, kann Vor dem Gesetz nicht interpretiert werden. Wie das Gesetz ist auch die Sprache kein Ort."

Und doch -der Sprachkünstler Michael Lentz liefert für seine These im Folgenden reichlich literarische Belege -ist auf die Sprache Verlass. Und "Sprache über kontextuelle Verwendungszusammenhänge tanzen zu lassen, ihre Kleider neu zu kombinieren, so wie dies Franz Mon unternimmt , zeugt von einem freien Geist."

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