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Die Tabus der frühen sechziger Jahre asdasd

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Herbst Zands Roman "Erben des Feuers" ist wieder zu haben: Der Krieg und die NS-Zeit waren damals länger her als heute.

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Herbst Zands Roman "Erben des Feuers" ist wieder zu haben: Der Krieg und die NS-Zeit waren damals länger her als heute.

Eine höchst erstaunliche Wiederentdeckung bietet der Otto Müller Verlag. Liest man den Roman "Erben des Feuers" des 1970 verstorbenen österreichischen Dichters Herbert Zand heute, gewinnt man den Eindruck, dass der Krieg und die NS-Zeit für die österreichische Nachkriegsgesellschaft ferner, zurückliegender, gründlicher vergangen waren als für uns heute. Der Roman ist eines der wichtigsten Werke Zands, ein Psychogramm der Nachkriegsgesellschaft, einer Gesellschaft, die die Chance eines echten Neuanfangs versäumt habe, lesen wir im Klappentext.

Wahrlich ein seltsames Werk, das uns gerade durch seine Zeitnähe zum Krieg heute antiquiert erscheint. Denn das Stimmungsbild um den Journalisten Dr. Sascha Mallowan im noblen Villenvorort spielt in einer scheinbar zeitlosen Welt. Ist der gerade zu Ende gegangene Krieg eigentlich der Erste oder der Zweite Weltkrieg? Die Zeit scheint stillzustehen: "Untrennbar gehörten sie alle zusammen in das Bild der Jahrhundertwende, Aristokraten, Kleriker, Militärs, Großbürger und Wissenschaftler, die Vertreter der Macht und die Vertreter der Opposition."

Dr. Mallowan, der auch an einer soziologischen Studie der Gesellschaft schreibt, lebt in einem Haus mit 20 Zimmern, das einer Frau Schöller gehört, ein Nachbar ist der Oberst Kulka, der nach seinen letzten Schlachten zu Pferde die Welt bereiste und sich nur noch von Tabak und Kaffee ernährt, da wären die Mayer-Sternbergs, die schon bessere Zeiten erlebt haben und nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen. Da wäre Elke, deren Sohn das Ergebnis einer Vergewaltigung durch Besatzungssoldaten ist. Vor wenigen Jahren ist nicht nur der Krieg zu Ende gegangen, sondern auch ein industriell betriebener Massenmord, doch das alles muss sich - wenn überhaupt - in weiter Ferne abgespielt haben, im Dunst, in dem hier in den Villenvororten auch die Großstadt verschwimmt. Offenbar hat gar nichts stattgefunden. Das ist nicht nur die Perspektive der Villenbewohner um den Sebaldusplatz samt Kirche, es scheint auch die Perspektive des Autors zu sein.

Oder ist es nur ein geschickter Trick? Mit dem heutigen Wissen, in Kenntnis des allgemeinen großen Schweigens der frühen sechziger Jahre, dürfen wir dies bezweifeln. Aus heutiger Sicht, Sicht einer Zeit, in der die Bezüge zu Krieg und NS-Verbrechen geradezu erwartet werden, wirkt dieser Schwebezustand schon wieder interessant. Doch dies ist eine andere Geschichte, eben jene des Wiederentdeckens. Auf Seite 15 ist das erste Mal von einem Krieg die Rede, einem "Bombenkrieg", der sieben alte Kirchen verschont habe. Damit wird der Blick aus den Fenstern der Presseagentur Transcontinental beschrieben. Dass es den Nationalsozialismus gegeben hat, erwähnt der Leiter der Agentur, Herr Rosenthal, fast 30 Seiten später, doch nur im Zusammenhang mit der Bedeutung, die der Geschichte für die nationalsozialistische Bewegung zugekommen sei. Gefährlicher erscheinen ihm alte Monarchisten. Das war's dann auch schon. Dass von dieser "nationalsozialistischen Bewegung" auch Menschen betroffen waren, Menschen mitgemacht haben, davon ist nie die Rede. Nur am Rande wird diese Zeit gestreift, wenn die Rede auf den geheimnisvollen Fürst Matabe kommt, der sein Schloss verloren hat - zuerst durch die Nazis und später durch die russischen Besatzer. Er taucht immer wieder kurz auf, spielt in den verfallenen Räumen Klavier und hat ein Herz für die Ausgestoßenen: "Alles blieb so in der Schwebe, in einem Zustand der Spannung". Dieser Satz beschreibt am besten die Stimmung dieses Romans.

Dass aus dem Schwebezustand mehr wird, dafür sind nächtliche Schüsse und Überfälle eines Unbekannten in der Villengegend verantwortlich. Dr. Mallowan ist selbst davon betroffen. Als "der Unbekannte" wird der Sohn der Fabrikantenfamilie Garland jedoch nie entlarvt.

Die Firma der Familie steht seit Jahren knapp vor dem Konkurs und der Sohn hält dem Druck nicht mehr stand. Aufgedeckt wird nichts: "Die ganze Stadt ist ein Skandal. Aber wenn man ein Stückchen diese Skandals aufdecken möchte, stößt man überall auf ehrenwerte Damen und Herren".

Mit dem Schicksal von Manfred Garland, der nach dem psychischen Zusammenbruch die Geschäfte der Firma wieder in die Hand nimmt, wiederholt sich das Leben nach dem Tod, das im Roman bereits vorexerziert wurde. Der talentierte Maler Nico hat diesen Weg ebenfalls beschrieben und wurde zu einem erfolgreichen Werbegraphiker, "das ist die einzige Form des Selbstmordes, für die man Honorar bekommt".

Indem dieses Weiterleben mit der Lüge für den Künstler und den Unternehmer und somit exemplarisch vorgeführt wird, handelt es sich tatsächlich um eine programmatische Abrechnung mit der Zukunft. "Und sie bauten nicht auf Sand, denn das Unheil und die Lüge erwiesen sich einmal mehr nicht als Sand, sondern als ein Gebirge, hart wie Granit." Doch angesichts der großen Lügen der Nachkriegszeit können die Lügen der Familie Garland höchstens Kleinkindern den Schlaf rauben.

Liest man den Roman als österreichischen Versuch, eine Art von phantastischem Realismus einzuführen, weil die großen Lügen noch nicht dingfest gemacht werden durften, ist er wahrlich ein Dokument der Nachkriegsgesellschaft: Versuch eines Autors und exemplarische Skizze damaliger Möglichkeiten. Markiert es die Grenze, die einem Autor wie Herbert Zand, der selbst Soldat der Deutschen Wehrmacht gewesen war und im Roman "Die letzte Ausfahrt" eines der bemerkenswertesten Bücher jener Zeit geschrieben hatte, nicht überschreiten konnte? Oder wollte? Oder durfte? Der Genozid wird auch bei ihm nicht zum Thema. Einen "Reflex des in der unmittelbaren Nachkriegszeit tabuisierten Themas" sah darin der Germanist Karl Müller in einer Arbeit über die österreichische Nachkriegsliteratur.

Doch der Dichter zieht seine Grenzen selbst. Er schreibt, was er will, nicht, was er darf. In Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" lesen wir alles, was man damals angeblich nicht schreiben durfte. Der Preis war freilich, totgeschwiegen zu werden.

Die Erben des Feuers Herbert Zand Otto Müller Verlag, Salzburg 2000 320 Seiten, geb., öS 298,-/e 21,66

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