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Die Welt wird amerikanisiert

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Der kulturelle Einfluß der USA auf den Rest der Welt nahm nach den Weltkriegen enorm zu. Ein Gespräch über Ausmaß und Folgen dieses Phänomens.

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Der kulturelle Einfluß der USA auf den Rest der Welt nahm nach den Weltkriegen enorm zu. Ein Gespräch über Ausmaß und Folgen dieses Phänomens.

DIEFURCHE: Sie haben über das Phänomen der Amerikanisierung der Kultur gearbeitet Was verstehen Sie darunter? Reinhold wagnleitner: Amerikanisierung ist eine Chiffre, die seit vielen Dekaden für alle Veränderungen, alle Modernisierungen, die auf uns zukommen, verwendet wird. Was die Kultur anbelangt, ziehe ich den Begriff sehr weit, verstehe darunter nicht nur populäre und Hochkultur, sondern beziehe auch Städtebau, Business-Methoden, das Nachrichtenwesen usw. ein. Amerikanisierung ist ein Begriff, der verschleiert, daß dieses Phänomen aus einer Entwicklung kommt, wo europäische Eroberer in die neue Welt gehen, diese verändern und dort ein Land entwickeln, das in Europa entweder als Paradies oder als Hölle gesehen wird. Ich möchte daher Amerikanisierung am liebsten unter Anführungszeichen verwenden.

DIEFURCHE: Können Sie das Phänomen in einigen Ausprägungen beschreiben? wagnleitner: Sehr deutlich ist es, wenn man in Osterreich Radio hört, am markantesten 03. Oder nehmen Sie die Filme her: Sie werden kaum etwas anderes als amerikanische Filme finden. Übrigens gilt das für ganz Europa, auch für den Osten. Selbst in Frankreich (Äem einzigen Land mit einer halbwegs eigenständigen Filmwirtschaft) liegt der US-Filmanteil um 70 Prozent (Deutschland 81, Großbritannien 97 Prozent). Ähnlich ist die Situation im Fernsehen. Oder schauen Sie sich die Presselandschaft an (ich meine nicht nur die pro-amerikani-sche Berichterstattung): Die Veränderungen (die Art der Berichterstattung, das Layout, die Namen der Titel, siehe „News”) folgen US-Vorbildern.

DIEFURCHE: Also vor allem ein Phänomen in den Medien? wagnleitner: Nein, nehmen Sie die Mode: Acht Millionen Österreicher kaufen pro Jahr etwa acht Millionen Jeans. In Frankreich werden jährlich zwischen 1,5 und zwei Millionen „ Zippo” -Feuerzeuge, pseudo-ameri-kanische Produkte, gekauft. Oder amerikanische Nahrungsmittel. Aber auch in der Stadteplanung gab es in Europa nach dem Krieg massive amerikanische Einflüsse. Durch den überhandnehmenden Autoverkehr, blickte man nach den USA nach Lösungsansätzen. In diesem Zusammenhang möchte ich eines festhalten: Viele der amerikanischen Vorlagen wurden in den dreißiger Jahren von Emigranten aus Europa entwickelt. Vieles, was wir als Amerikanisierung empfinden, hat in Europa seine Wurzeln und kommt nun aus Amerika nach Europa zurück.

DIEFURCHE: Können Sie das Phänomen noch an anderen Beispielen erläutern? wagnleitner: Nehmen Sie die Bestseller-Listen (übrigens auch eine amerikanische Einführung): In den dreißiger Jahren wurde in Europa kaum etwas Amerikanisches gelesen. Ab den sechziger Jahren ist die Zahl der Übersetzungen von amerikanischen Bestsellern immer zahlreicher geworden. Oder die Fernsehserien: Es gibt im deutschen Sprachraum kaum etwas anderes als amerikanische Serien. Und noch etwas: das Internet und das ganze Computer-Informationssystem. Nach Schätzungen sind zwischen 70 und 80 Prozent 11er global in Computern gespeicherten Informationen englisch.

DIEFURCHE: Das Englische tritt heute einen Siegeszug an ... wagnleitner: Ja, denken Sie an internationale Konferenzen, aber auch an die Werbesprache: überall englische Begriffe, Redewendungen ... Übrigens meine ich nicht, daß man dies aus nationalistischen Gründen abwehren muß. Mich interessiert die Erscheinung als kulturelles Phänomen. Ich will weder Hollywood, noch den Jazz verdammen, bin ich doch selbst lange Jazz-Musiker gewesen.

DIEFURCHE: Heißt Amerikanisierung Prägung des Konsumverhaltens? wagnleitner: Seit mehr als 100 Jahren ist Amerika vor allem für die 'ät-1' meren Schichten das gelobte Land. Das hat mit Konsumverhalten zu tun, mit der Idee, daß es hier eine Utopie gibt, die allen Menschen über die wichtigsten Bedürfnisse hinaus Zeit zum Geldausgeben gibt. Im Zweiten Weltkrieg gehen die ideologisch geprägten Imperien unter und es tritt Amerika, das Imperium „of the fun”, auf die Bühne. Aber es ist mehr: Der Topos Amerika wird selbst zum Zentrum der Unterhaltung ...

DIEFURCHE: Was meinen Sie damit? wagnleitner: Man erträumt sich einen Wilden Westen. Das Land selbst wird zur Faszination. Übrigens: Ich war mit meiner Tochter im Prater. In allen Vergnügungsstätten dort amerikanische Bilder, überall englische Slogans, englischsprachige Musik. Um für junge leute attraktiv zu sein, muß der Wiener Prater heute ein Phantasie-Amerika sein. Das meine ich, wenn ich sage, Amerika werde der Topos Unterhaltung. Oder nehmen Sie Pornographie, Kriminalromane, „Science fiction”; Bis in die zwanziger Jahre handeln sie in Paris, London, Berlin ... Von da an wird es New York, Chicago, auch wenn Deutsche schreiben.

DIEFURCHE: Importiert also Europa seine Sehnsüchte aus Übersee oder wirft nur die US-Wirtschaft ihre Produkte auf Europas Markt? wagnleitner: Es ist ein Zusammenspiel von beidem. Zweifellos spielt der Sieg der USA in den Weltkriegen und ihre sich daraus ergebende Vormachtstellung eine wichtige Rolle. Schon in den zwanziger Jahren wird die Amerikanisierung spürbar. Die erste Demonstration gegen das Überhandnehmen amerikanischer Filme gab es 1926 in der Wiener Kärtnerstraße.

DIEFURCHE: Welche Werte transportiert die Amerikanisierung? Wagnleitner: Am wichtigsten sind wohl Freiheit, Reichtum, Jugend, Spaß („fun”), Fitness, Sexyness (auch wenn es kaum ein prüderes Land als die USA gibt), Weite der Landschaft, keineswegs aber Gleichheit. Ja, Spaß ist besonders wichtig, siehe Modesportarten: „Beach-Volleyball” ist jetzt in. In Wien sind 700.000 Inline-Skaters verkauft worden. Oder neuerdings der Siegeszug von Basketball...

DIEFURCHE: Freizeitspaß als Botschaft? wagnleitner: Keineswegs. Businnes ist ganz wichtig: Globalisierung, Shareholder-Values. Erfolg wird sehr stark thematisiert. Alle Business-Begriffe sind Importe. Man nehme die Wirtschaftsseiten der Zeitungen und vergleiche mit den Berichten vor 20 Jahren. Das Vokabular ist überwiegend (zürn Teil verrheintlich) US-amerikanisch. Man nehme die Werbung: Österreichische Milch wurde als „Energy-Drink” vermarktet.

DIEFURCHE: Verführt die Amerikanisierung nicht zur Oberfiächlichkeü? wagnleitner: Da bin ich mir nicht ganz im klaren. Wenn man optimistisch ist, kann man davon ausgehen, daß viele Menschen die Entwicklung positiv nutzen und das Schädliche weglassen. Pessimistisch betrachtet scheint die Tendenz vorzuherrschen, daß wir auf Grund der Lautstärke und Geschwindigkeit, mit der wir betäubt werden, kaum mehr die Ruhe finden, in uns zu gehen. Ich sehe das ambivalent.

DIEFURCHE: Kann man etwas gegen die sich abzeichnende internationale Uniformierung unternehmen3 Wagnleitner: Eigentlich nein. Selbst die Franzosen, die sich zu wehren versuchen, publizieren heute in den Naturwissenschaften zu 50 Prozent in englischer Sprache. Auch bei uns sind viele Bewerbungen für wissenschaftliche Projekte auf Englisch abzugeben. Ich glaube nicht, daß wir dieser Entwicklung lange noch widerstehen können. Aber ist es nicht auch positiv, wenn wir alle zweisprachig werden?

DIEFURCHE: Weltweit sehen alle dieselben Serien, bekommen dieselben Leitbilder vorgesetzt Bedenklich, oder? Wagnleitner: Nehmen wir „Dallas”. Studiert man die Reaktionen darauf, so erkennt man, daß etwa das arme Süditalien negativ auf den in der Serie dargestellten Reichtum reagierte. Richtig aber ist, daß die Vorgabe bestimmter Verhaltensweisen und die Selektion der Themen bedenklich ist. Bedenklich ist, daß ziemlich einheitlich vorgegeben wird, worüber die Welt spricht. Diese Vereinheitlichung sehe ich keineswegs positiv.

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