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Die Wirklichkeit als Agentenroman

Thursday Next ist "eine sogenannte ‚A1-Agentin‘ in den Diensten von SO-27, der Sektion LiteraturAgenten (LitAgs) des Special Operations Network mit Hauptsitz in London.“ Sie hat die Aufgabe, gegen Verbrecher zu kämpfen, etwa gegen Acheron Hades, der Figuren aus Charlotte Brontës Roman "Jane Eyre“ stehlen will. Im Literaturbetrieb wimmelt es überhaupt von Bösewichtern mit schlechten Absichten, und deshalb überwachen Jurisfiktion-Beamte den Schwarzmarkt, auf dem mit Motiven und Handlungselementen gehandelt wird und der seit dem Verschwinden der "Letzten orginellen Idee“ 1884 beständig wächst.

Sie ahnen es schon, liebe Leserinnen und Leser. Was ich hier erzähle, ist Stoff aus einem Roman. Die originellen Thursday Next-Romane von Jasper Fforde verlegen Handlungen, wie man sie aus James-Bond-Filmen kennt, klug und kenntnisreich in die Welt der Literatur. In diesen Romanen ist Literatur so wichtig, dass sich eine Spezialeinheit darum kümmert, sie vor Fälschungen zu schützen. Neben den obligaten Literaturbösewichtern tauchen gute und böse Agenten auf, genmanipulierte Bücherwürmer und so manch andere Skurrilität.

Unter strenger Geheimhaltung

Um solche Geschichten erzählen zu können, muss man nicht unbedingt Romane lesen. Die Wirklichkeit ist oft kreativer, aber vielleicht hat sie sich das von Romanen abgeschaut? Was im Vorfeld des Erscheinens von J. K. Rowlings Roman "Ein plötzlicher Tod“ an Geschichten erzählt wurde (von den Verlagen selbst, als Ersatz für die aus Sicherheitsgründen nicht vorhandenen Rezensionsexemplare), könnte den Romanen von Fforde entstiegen sein, nur Agentin Next fehlt. Bloß vier Wochen hätten die beiden Übersetzerinnen Zeit gehabt, und sie durften ausschließlich in den Räumen des Londoner Verlages arbeiten, unter Sicherheitsvorkehrungen, die an Geheimdienstthriller erinnern. Die Produktion des deutschen Buches erfolgte, wie es in der Presseaussendung heißt, "in einem abgesperrten Bereich der Druckerei, Mitarbeiter der Druckerei dürfen wegen der Gefahr von Fotografien keine Handys mit in diesen Bereich bringen ... Bei allen, die diesen Bereich betreten, werden anschließend Taschenkontrollen von eigens angestellten Wachmannschaften durchgeführt. Dann geht die Ware in verplombten Lkws zu unserer Auslieferung oder direkt zu den Kunden.“

Gegen den etwaigen Vorwurf der Paranoia erklärte man diese Maßnahmen (die vor allem wie ein riesengroßes PR-Kunststück anmuten) damit, dass sogar Rowlings Hausmüll schon durchwühlt wurde, auf der Suche - und hier könnte man wieder in Ffordes Romane wechseln - nach der originellen Bestselleridee.

Das nächste BOOKLET erscheint am 31. Oktober 2012 als Beilage in der FURCHE Nr. 44/12

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