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Die Wurzeln freigelegt

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DER BOLSCHEWISMUS UND DIE CHRISTLICHE EXISTENZ. Von Fedor Stepun, Kösel-Verlag, München. 298 Seiten. Preis 15.50 DM

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DER BOLSCHEWISMUS UND DIE CHRISTLICHE EXISTENZ. Von Fedor Stepun, Kösel-Verlag, München. 298 Seiten. Preis 15.50 DM

Rankes stolzes Wort, die Professoren seien „ein gewaltiges Geschlecht“, stimmt heute hinten und vorn nicht mehr. Weiß der Kuckuck, warum. Es gibt zwar viele Hochschulbeamte, die brav Vorlesungen halten, aber unter ihnen so wenig Persönlichkeiten. Sic keuchen die Aufstiegsleiter im Dunstkreis eines Ordinarius empor und sind, oben angekommen, froh, Venia legendi und Pensionsberechtigung in der Lade zu haben. Aus solchem Holz werden keine „Göttinger Sieben“ mehr geschnitzt. Der vor einigen Monaten 75 Jahre alt gewordene Fedor Stepun ist noch so ein Exemplar eines echten Professors. Seit dem Tode Berdjajews ist er einer der letzten überlebenden Zeugen und aktiven Politiker der russischen Revolution. Sein turbulentes Leben kann man in seinen dreibändigen faszinierenden Lebenserinnerungen, „Vergangenes und Unvergängliches“, nachlesen. Geboren aus wohlhabendem Moskauer Hause, studierte er vor 1914 in Heidelberg, schwankte, sich für alles interessierend, zwischen Kunstakademie, Universität und Bühne, promovierte aber dann doch bei Windelband über den Religionsphilosophen Solowjow. In Moskau gehörte er zur literarischen Boheme, führte nächtelange Streitgespräche mit den Großen des vorrevolutionären Rußland. Im Krieg ist er Artillerieoffizier in Galizien, dann im Kriegsministerium Kerenskijs, arbeitet in der Redaktion der Zeitung „Wiedergeburt“, an der auch Ehrenburg mitarbeitete, gibt nach dem „Oktober“ noch mit Stanislawskij Schauspielunterricht, resigniert aber dann als Bauer auf seinem Gütchen und emigriert 1922. An der Dresdener Technischen Hochschule lehrt er Soziologie, bis ihm die Nazi 1937 Rede- und Schreibverbot auferlegen. Die dritte Heimat ist München, wo er sich als Lehrer für russische Geistesgeschichte einen großen Freundes- und Hörerkreis geschaffen hat. In seinen Vorlesungen bekommt man selten einen Sitzplatz.

Nicht nur nebenbei beschäftigt er sich in diesem Werk, dessen Entwurf auf das Jahr 1932 zurückgeht, mit der Geschichte des Bolschewismus, sondern hauptsächlich mit seinem Ideengehalt, wie er im Bewußtsein Lenins und einiger seiner wenig be kannten Vorgänger geboren und gewachsen ist. Stepun geht es also um die Freilegung der historischen Wurzeln des Leninismus. Und so zieht er zweierlei in Betracht: die Eigenart des marxistischen Saatguts und die Beschaffenheit des russischen Bodens, auf dem es ausgestreut wurde. Er fragt eingangs, ob er als Emigrant objektiv genug sei, darüber zu schreiben, und glaubt, dies bejahen zu können, weil er als Soziologe schreibt. Diese Gewissensprüfung ist fast rührend, angesichts der Unverfrorenheit, mit der viele, oft der Landessprache nicht mächtig, dicke Rußlandwälzer schreiben. Ein ganzes Kapitel ist dem Kampf der liberalen und totalitären Demokratie um den Begriff der Wahrheit gewidmet.

Stepuns Werk ist frei von der leidvollen Bitterkeit des fanatischen Emigranten, nicht getrübt von der Sehnsucht nach der alten Heimat, die, wie er sagt, mit den Jahren immer größer wird. Er erweist sich mit der „geschulten Rücksichtslosigkeit des Blicks“, mit der Ratio in seinen Analysen als würdiger Nachfahre Max Webers. Die Haltung gegenüber der Revolution ist eindeutig negativ, aber ohne sentimentale Ressentiments. Die russische Kultur wird als im spezifischen Sinn religiös gekennzeichnet. Ihre wesentliche Prägung hat sie durch die Tatsache erfahren, daß Rußland sein Christentum nicht von Rom, sondern von Byzanz und nicht in lateinischer Sprache, sondern im mazedonisch-bulgarischen Dialekt erhalten hat. Dieser Tatsache kommt grundlegende Bedeutung zu. Der Westen erhielt mit dem Latein einen „goldenen Schlüssel“ (eine auf Fedotow zurückgehende Formulierung), der die „Türen der Bibliotheken und der Kirchen aufschloß“, wodurch sich „von Anfang ein lebendiger Dialog zwischen der antiken Philosophie und dem christlichen Glauben ergab“. Anders im Osten. Von der antiken Welt sprachlich getrennt und darum von ihr nicht angegriffen, brauchte das russische Christentum sich nicht zu verteidigen. Es erwuchs ihm darum keine begriffliche Formung des Glaubens, keine Lehre, kein Apologie. Es legte „stets wenig Gewicht auf die Lehre, darum auch auf die Fragen der sozialen und politischen Staatsführung“. Es ergab sich eine eigenartige Hinneigung zur Liturgie. Beim Zusammenstoß von Staat und Kirche mußte sie leidend schweigen, weil sie wegen der fehlenden Lehre wenig Vorstellung vom Leben, vom Eigentum hatte.

Stepun analysiert die Revolution soziologisch, nicht ideologisch, und stellt fest, daß sie „kein Aufstand proletarischer Massen gegen die Bourgeoisie“ gewesen sei. Beide habe es im soziologisch-präzisen Sinn gar nicht gegeben. Es gab über 80 Prozent Bauern im Rußland des ersten Weltkrieges und nur etwa 5 Prozent Proletariat. Die Bourgeoisie entstand in der Französischen Revolution, ihre philosophische Grundlage war die Aufklärung, die wirtschaftliche der Kapitalismus, die politische Form der Parlamentarismus. Wo sei in Rußland hierfür eine Voraussetzung gewesen, fragt er, da es keine Renaissance, keine Reformation, keine parlamentarische Demokratie gegeben habe. Wenn der Bourgeois fehle, so fehle auch der Antipode Proletarier. In der Literatur finde sich keiner. Auch Gorki sei kein Sänger des Proletariats gewesen. Der beschrieb „Landstreicher, die über das weite Land wanderten und nachts an brennenden Feuern philosophierten".

Subjekt der Revolution war die russische Intelligenz. Sie ist schwer begrifflich zu bändigen. Sie war weder Stand noch Klasse, sondern Bund, kein Bildungsbegriff, sondern Gesinnungsbegriff, der „Sauerteig der Revolution“. Ihr gehörten Gardeoffiziere an, Beamtensöhne, Seminaristen. Diese regierungsfeindliche Kraft mündete schließlich in der Revolution. Die Prinzipien, auf die Lenin sich stützte, seien vorher in bestimmten Formationen der russischen Intelligenz vorhanden gewesen. Es war diesen jungen Menschen (bekanntlich gehörte Lenins Bruder dazu), wie Fürst Kropotkin schrieb, unfaßbar, wie es die Väter fertigbrachten, Voltaire und Diderot zu lesen und dabeizusein, wie ihre Leibeigenen in den Pferdeställen ausgepeitscht wurden. So wird es verständlich, wenn Stepun Weidles Satz zustimmt, daß in der Revolutionszeit „eine unbegreifliche tragische Begeisterung in der Luft lag, die die Herzen höher schlagen ließ und dejn Leben einen neuen Reiz verlieh".

Der Bolschewismus sei eine mit negativen Vorzeichen versehene Renaissance des russischen 17. Jahrhunderts, also eine religiös strukturierte Regierungsform zur Bekämpfung aller Religion, postuliert der Autor. Er hat Stepun vom Relativismus zur Absolutheit des christlichen Glaubens geführt Er ist gewiß, daß nur dieses Absolute der dämonischen „Wahrheit" der Sowjets gewachsen ist. Auf seinen 298 Seiten bietet dieses Buch eine reiche, gediegene Tatsachen- und Gedankenfracht, die die feinsten Differenzierungen aufzuzeigen weiß. Sein Wert liegt vor allem in der Fülle des konkreten historischen Materials, in seiner „Entzauberung". Nur die Kenntnis dieser Fakten ermöglicht dem Westeuropäer, das Wesen des Bolschewismus zu erfassen.

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