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Drei Arbeitshypothesen über Lothar-Günter Buchheim

1945 1960 1980 2000 2020

Dank Herrn Szokoll blieben -die Furche hat in letzter Zeit mehrmals daran erinnert -Wien 1945 viel umfangreichere Zerstörungen erspart. Lothar-Günter Buchheim schrieb nach „Das Boot” nun „Die Festung”. Wir haben Carl Szokoll gebeten, dieses Buch zu lesen. Er würde dem Buch den Titel „Die Faszination des Krieges, ein deutsches Heldenepos” geben.

1945 1960 1980 2000 2020

Dank Herrn Szokoll blieben -die Furche hat in letzter Zeit mehrmals daran erinnert -Wien 1945 viel umfangreichere Zerstörungen erspart. Lothar-Günter Buchheim schrieb nach „Das Boot” nun „Die Festung”. Wir haben Carl Szokoll gebeten, dieses Buch zu lesen. Er würde dem Buch den Titel „Die Faszination des Krieges, ein deutsches Heldenepos” geben.

Nach den ersten 80 Seiten wollte ich dieses gewaltige, besser gewichtige Werk weglegen. Das überpreußische Idiom, vermischt mit „Landserausdrücken”, wird nicht bloß von mir, sondern von vielen Österreichern als unangenehm empfunden. Und plötzlich war es wieder da, noch dazu geschrieben, ohne daß ich mich anders dagegen hätte wehren können als das Buch wegzulegen. Dazu kam noch strafverschärfend, daß ich keine Art des Kriegführen so entsetzlich finde wie den U-Boot-krieg, sowohl für den Jäger als auch für den Gejagten, deren Bolle von Sekunde zu Sekunde wechseln kann ebenso wie das „Erfolgserlebnis”: der sichere Tod. Das mußten schon besondere „Kerle” gewesen sein, die sich so etwas aussuchten und dazu kam noch ein Autor beziehungsweise Hauptakteur der Kriegsberichterstatter war, was die negative Wirkung auf mich noch zum Quadrat „aufwuchtete” . Denn um auf so einem Posten Zuschauer zum Kriegsgeschehen zu werden, da müßten wohl - so dachte ich - mehr Qualitäten vorliegen als das Konterfei von Dönitz nach einer Photographie zu verfertigen. Da müsse wohl ein Nahverhältnis zum nationalsozialistischen Gedankengut vorliegen. Doch dann erinnerte ich mich an den aufregenden Film „Das Boot”, dem ein anderes Buch von Herrn Buchheim zugrundelag und ich las weiter.

Wie man sich täuschen kann! Das Kapitel über die Verhaftung von Herrn Suhrkamp, Buchheims Verleger, belehrte mich eines Besseren.

In dubio pro reo - um ebenfalls mit lateinischen Zitaten zu prahlen, die der Autor oft verwendete um seine Erlebnisse auch für Gebildete zu verdeutlichen.

So machte ich mir einen Spaß und stellte drei Thesen auf, die mich weiterlesen ließen.

Drei Thesen, die ich glaubte als Grundzüge des Werkes zu erkennen.

Erstens: Der Held des Romans ist gegen alle, die einen höheren Rang haben als er. Denn er weiß alles besser und wenn wir den Krieg verlieren, ist es die Schuld der „Scheiß”-Offiziere bis hinauf zum Gröfatz (Landser -chargon = der größte Feldherr aller Zeiten).

Zweitens: Er ist gegen die Nazi, denn die tun alles um durch ihre grausamen unmenschlichen Methoden nicht nur die eigenen Volksgenossen, sondern alle Völker Europas zum Widerstand gegen uns Deutsche aufstacheln.

Drittens: Er gehört einer Rasse an, die sich an sich schon dazu eignet, andere, minderwertige Rassen zu beherrschen, doch sollte sie sich dabei menschlicher Methoden bedienen, um den „Terroristen”, so nennt unser

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jene die für die Befreiung ihrer Heimat das Leben einsetzen, gar nicht erst zu ermutigen gegen uns Deutsche zur Waffe zu greifen, Terroristen weil sie gegen ein Regime, das Regime Pe-tain-Laval aufstehen, das ja völlig gesetzlich, nämlich von uns Deutschen eingesetzt sind. Oder - um meine dritte These weiter zu unterstützen: Wenn die Engländer oder die Amerikaner auf uns schießen, so erhalten sie unflätige Schimpfworte „diese Schweine et cetera”. Sind wir auch Schweine gewesen, wenn wir schössen? Oder haben wir das nur getan um unser geliebtes Reich und seinen geheiligten Heimatboden an der Kanalküste zu verteidigen. Gilt da vielleicht immer noch Hitlers Wort mit dem er den Krieg begonnen hat „Ab heute 5

Uhr 35 wird zurückgeschossen.” Kein einziges Mal hat der Leser das Gefühl, daß die „Festung Brest” ja eigentlich eine französische Stadt ist, die wir erobert haben, eine französische Stadt wie ein französisches Land in das wir eingebrochen sind, weil die Franzosen ihrer Bündnispflicht nachgekommen sind, einem von Hitler mitten im Frieden Überfallenen Land beizustehen.

Die Spannung, ob diese drei Thesen richtig seien, hat bis zum Ausbruch aus der Festung Brest gehalten.

Beim Weiterlesen fand ich dann unvermutet den Schlüssel zum Verstehen eines Phänomens, das mich durch viele Jahre beschäftigte: Warum Kriegsteilnehmer unbeschadet der heute wohl eindeutigen Erkenntnis, daß ihre Ideale von Hitler mißbraucht wurden, warum sie heute noch immer in Kameradschaftsbünden und Vereinigungen von Veteranen von ihren Kriegserlebnissen schwärmen: Nicht deswegen, weil sie plötzlich dem Rausch erlegen sind töten zu dürfen ohne dafür bestraft zu werden, nicht deswegen, weil sie Häuser in Brand stecken und Wohnungen ausrauben durften - ja es auf Befehl sogar mußten, sondern weil sie inmitten von Mord und Totschlag Dinge erlebten, Taten von kühnem Mannesmut, Taten, zu denen sie im täglichen Leben ihres Friedensalltags nie die Kraft gehabt hätten, aber auch Ereignisse voll tiefster jungenhafter Romantik.

Buchheim versteht es mit seiner hervorragenden Erzählerkunst, die oft an Joseph Conrad erinnert, Höhepunkte des Kriegserleben zu schildern, die gar nichts mit Krieg zu tun haben und die vielleicht gerade deswegen besonders eindrucksvoll sind.

Ich bin als Folge meiner Kriegserlebnisse zum überzeugten Antimilita-rist geworden und trotzdem: ich erinnere mich an einen Sonnenuntergang in Polen an der Weichsel, an deren Ufer ich mit meinem Zug, den ande-

Gutshof Quartier genommen hatte. Da stand im verlassenen Salon ein Klavier. Einer meiner Leute, der Domorganist von Potsdam spielte Bach. Und während wir weit entfernt das dumpfe Grollen der Artillerie hörten, ging langsam die Sonne unter.

Ich werde dieses Erlebnis nie vergessen. So ähnlich muß es Herrn Buchheim gegangen sein, als er nackt bei San Michel in die Meeresfluten stieg. Solche Augenblicke, gerade angesichts des Todes rings herum, sind höchste Erfüllung eines Lebensgenusses, dem man sich nur im Krieg schrankenlos hingeben kann.

Hätte ich da nur aufgehört. Aber nein, jetzt erst recht mußte ich weiterlesen. Wie erstaunt war ich, erfahren zu müssen, daß es dem Autor plötzlich beliebte, das Interesse des Lesers von den Ergüssen seines Gehirns zu den viel weiter unten liegenden Ergüssen seines Kadavers zu lenken - zur großen Scheiße! Wie schön wäre es gewesen, ohne von der Scheißorgie abgelenkt zu werden, die grandios und spannend erzählte Fahrt im U-Boot nach La Pallice genießen zu können. Ich wünschte, Herr Buchheim hätte sein Buch mit dem Ausbruch aus Brest beendet, es hätten ja auch 500 Seiten Aufzeichnungen in Brest verbrannt worden sein können oder er hätte viele, viele Seiten überspringend, nur von seiner Suche nach Simone, der französischen Geliebten, erzählt. Aber nein, „Scheißen, Scheißen, Scheißen” schreibt er, ein Zitat von Büke abwandelnd „so wie jetzt hat es noch nie in meinem Gedärm rumort” und weiter „im Mastdarm sammeln sich die Fürze wie Sträflinge vor dem Ausbruch” um dann endlich zwei qualvolle Seiten weiter: „wie mit einer einzigen Detonation kracht mein Darminhalt aus mir heraus.” Ende des Zitats.

Da „wummerte” es bei mir so stark - wie die Preßluftstöße wummerten zu Beginn des Romans - und ich schloß auf Seite 1201 das Buch beim

Satz - erneutes Zitat „Da sitzt einer, den ich kaum kenne und spricht mit zwei Worten aus, was ich seit Jahr und Tag denke: Intelligenter gehandhabt!” Der Held und vielleicht auch Herr Buchheim meinte damit, daß man den Krieg, die Ars militaria intelligenter handgehabt hätte sollen. Intelligenter von den Scheißoffizieren, intelligenter von den Scheißnazi und - offensichtlich auch intelligenter von der gesamten eigenen Edelrasse.

Ist es ein Fehlschluß wenn ich damit meine zu Anfang aufgestellten drei Thesen als erwiesen betrachte?

Wie schön wäre es, würde ich in den restlichen 262 Seiten eines Besseren belehrt, schön, wenn der Roman wenigstens zum Ende etwas anderes wäre als eine vielleicht gar nicht gewollte Verherrlichung all der Scheußlichkeiten, die der Krieg mit sich bringt. Ich wünschte es, um dann Herrn Buchheim zu seinem Werk gratulieren zu können. Doch mir bleibt nur Kaiser Franz Joseph sinnwidrig zu zitieren: Ich fürchte, es bliebe mir auch dann nichts erspart.”

Dann aber habe ich noch einmal das Buch genommen: Man soll nichts unfertig aus der Hand geben.

Ich kann nur jedem raten - lies stets

Schnell mußte ich Kaiser Franz Josephs Worte ändern in: Danke schön, es hat mich sehr gefreut.

Vorerst allerdings Langweile. Eigentlich nur Tagebuchauszüge über die Pfadfinderreise per Auto von La Pallice Richtung Loire. Vorne, hinten, rechts, links, unten, oben die Amis. Wieso das? Selbst ich, der ich glaube über die Rückeroberung Frankreichs kenntnisreich eu sein, war oft verwirrt. Warum muß der Kriegsberichterstatter unbedingt seine Aufzeichnungen nach Paris bringen? Das ist doch alles, um im Land-serchargon zu bleiben, „alter Schnee”. Und wenn es in die Hände der Feinde fiele - mit Pornofotos von Simone? Er hat doch sicher bloß dem deutschen Oberkommando genehme Szenen fotografiert einschließlich des schönen Körpers der Simone. Vielleicht wäre hier dem unbefangenen Leser eine Auflärung über den militärischen Auftrag zweckmäßig. Das schwer verständliche Herumirren von der Invasionsfront nach Brest, bis Pallice und dann bis Paris, lediglich in seiner Suche nach Freundin Simone und ihrer möglichen Befreiung allein, kann es wohl nicht sein. Doch mit der Ankunft in Paris ändert sich alles. Da wird das Buch „zum großen deutschen Boman über die absurde Wirklichkeit des Krieges”, wie es im Umschlag heißt.

Fast scheint es mir, als hätte Herr Buchheim seine Tagebuch blätter weggeworfen. Er wird zum kreativen Autor mit starkem dramatischem Akzent, auch wenn man den Wunsch des Kriegsberichterstatters, das Arschloch von Bismarck erschießen zu wollen, jener Mann der Simone auf dem Gewissen hat, nicht auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen sollte. Fast habe ich den Wunsch, den Autor zu beglückwünschen, so großartig sind die Szenen, insbesondere der Ausbruch der Häftlinge aus dem Zug, der sie in die Gaskammern nach Deutschland bringen soll mit der Vision der kahlgeschorenen Simone. Da kommt plötzlich so ein Satz wie „General von Stülpnagel soll versucht haben, sich nach dem 20. Juli zu erschießen, sich aber dabei blind geschossen”!! Dahin ist alle Stimmung. Botzig, kalt, gefühllos ist so ein Satz von einem der gegen die Nazi ist. (Nur in Berlin, Wien und Paris war der Umsturzversuch am 20. Juli 1944 weitgehend gediehen.)

Nichtdestotrotz, ich bereue nicht, weitergelesen zu haben, auch wenn

wahre Geschehen am 20. Juli entdeckte, daß Stauffenberg Fromm nicht erschießen konnte, da ihm im entscheidenden Moment der Gebrauch der Hand versagte und Fromm - wie Bismarck - deswegen davonkommen konnte, wenigstens für den Augenblick.

Trotzdem bleiben meine drei Thesen über die Grundzüge des Romans aufrecht.

Mehr noch als vorher, daß Herr Buchheim Gegner der Nationalsozialisten war und ist, kann ich nach Lektüre des gesamten Buches bezeugen; die Schlußszene, daß die deutsche Führung von Zabern im Elsaß „mit Funkstelle und allem Tschißleweng den Seekrieg führen will”, ist ein amüsanter Beweis für die zweite These, daß alle Vorgesetzten Arschlöcher sind. Was die dritte betrifft, da tue ich mir mit der Beweisführung etwas schwer. Doch hatten nicht auch Stauffenberg und seine Kreisauer Freunde die Stirn, von den Alliierten zu verlangen, daß sie Deutschland in alter Größe mit Elsaß-Lothringen und Österreich wiederauferstehen lassen sollten, wie wenn nichts gewesen wäre, wie wenn der Tod von Millionen Menschen der von Hitler und seiner Wehrmacht verursacht, einfach wegzuwischen wäre, wie wenn nichts gewesen wäre? Wenn ich Herrn Buchheim auf eine fast gleiche Stufe stelle mit den Märtyrern des 20. Juli, so ist dies wohl ein Beweis meiner persönlichen Wertschätzung.

Und damit komme ich zum Kern meiner Kritik:

Herrn Buchheims Werk ist sicher eine (fast) authentische Darstellung der Ereignisse zwischen Frühjahr und August 1944 über seine Kriegserlebnisse in Frankreich. Daß er kein Nazi war, ist mehr als erwiesen. Doch darum geht es nicht. Der Nationalsozialismus ist tot. Die geheimen subkutanen Wurzeln, aus denen er entstanden ist, die jedoch wuchern heute genau so wie damals. Und meines Erachtens gibt die Deutung, die Herr Buchheim seinen Erlebnissen gibt - auch wenn er es gar nicht beabsichtigt - neue Nahrung, daß diese Wurzeln wachsen, wachsen und weiter wachsen. Und deshalb sollte man den Roman nicht jungen Menschen in die Hand geben, die man zu Demokratie und Menschenachtung erziehen will.

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