Masse - © iStock / Orbon Alija
Literatur

Dummheit ist kein Kavaliersdelikt

1945 1960 1980 2000 2020

Mojca Kumerdej kleidet in „Chronos erntet“ eine Analyse der Mechanismen der Macht in ein historisches Gewand.

1945 1960 1980 2000 2020

Mojca Kumerdej kleidet in „Chronos erntet“ eine Analyse der Mechanismen der Macht in ein historisches Gewand.

Wer das Volk kritisiert, hat momentan keine guten Karten. Es ist der Souverän, ist im Besitz blutig erkämpfter Rechte, abgerungen autoritären politischen Systemen. Kein Politiker würde ein kritisches Wort verlieren über das Volk, wenn es Entscheidungen trifft, die mühsam erworbene Fortschritte wieder zurückdrängen. Umso mehr ist von Demut die Rede, wenn nach geschlagenen Wahlen die Spitzen der Macht ihren Dank an das Volk abstatten. Von der Politik wird das Volk umworben, die Literatur aber hofiert es nicht. Die Slowenin Mojca Kumerdej spricht ihre Vorbehalte nicht direkt aus, sondern verkleidet sie in einen Roman, der rund um das Jahr 1600 angesiedelt ist, als das heutige Slowenien von den Habsburgern verwaltet wurde. Auch den Herrschenden traut diese Autorin nicht über den Weg, was die Lage prekär macht. Es gibt niemanden, an den man sich halten könnte. Das ist schwer zu widerlegen, zumal sich Kumerdej den Mechanismen der Macht zuwendet.

Der Einzelne spielt in diesem System von Anpassung und Unterdrückung keine Rolle. Als miserable Charaktere erweisen sich alle, die, denen daran gelegen ist, als Profiteure der Macht das Eigenwohl zu steigern, und jene, die mitspielen, um nicht als unbotmäßige Bürger aufzufallen, die von der Obrigkeit drangsaliert und eliminiert werden dürfen. Dazu bedarf es keiner auffallend rebellischen Haltung: „Und wenn einer Lindengötter schnitzte, war das zum Ende des 16. Jahrhunderts ein ausreichender Grund für ihren Schnitzer oder Verehrer, auf einem Scheiterhaufen in Flammen aufzugehen.“ Alle Macht geht von der katholischen Kirche aus, und die ist reichlich damit beschäftigt, Abtrünnige vom Schlage der Protestanten und andere Widerständige zur Räson zu bringen. Es lebt sich gefährlich in solchen Zeiten, weil jeder Einzelne unter Beobachtung steht. Wer sich verdächtig verhält, hat schon verloren. Das befördert die hohe Zeit des Denunziantentums. Um sich selbst zu retten, muss der andere dran glauben, der dem falschen Glauben, wenn nicht gar dem Hexenwesen anhängt.

Masse und Macht

Bei Mojca Kumerdej darf mit Nachsicht niemand rechnen. Sie hat eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe es ihr gelingt nachzuweisen, wie Volk und Obrigkeit zusammenspielen, um solch ein Klima der Gewalt zu schaffen, in dem niemand sicher ist. Alle wissen, dass das System krank ist, und keiner denkt an Veränderung. Um ins Innere der Gesellschaft einzudringen, bedarf es der unterschiedlichen Stimmen, die zusammen das Puzzle einer Unterdrückungsmaschine ergeben. Moralische Kategorien greifen in diesem Buch nicht, in dem nur die Mischungsverhältnisse von Gut und Böse Individualität ausmachen. Ansonsten besteht die Dorfgemeinschaft aus reichlich dumpfen Seelen.

Wie wird aus dem Volk eine Masse, wie entsteht daraus eine Meute? Diese zwingende Frage steht im Herzen des Romans. Volk ist ein neutraler Begriff für eine Gemeinschaft, die von einem politischen System zusammengehalten wird. Zur Masse wird es erst, wenn sich Leute zusammenfinden zu einem gemeinsamen Ziel, das nach Elias Canetti auf Entladung aus ist. Individualität verschwindet, alle zusammen ergeben ein großes Ganzes. Die Meute ist vom Jagdinstinkt auf alles Fremde getrieben und nimmt mörderischen Charakter an.

Wer das Volk kritisiert, hat momentan keine guten Karten. Es ist der Souverän, ist im Besitz blutig erkämpfter Rechte, abgerungen autoritären politischen Systemen. Kein Politiker würde ein kritisches Wort verlieren über das Volk, wenn es Entscheidungen trifft, die mühsam erworbene Fortschritte wieder zurückdrängen. Umso mehr ist von Demut die Rede, wenn nach geschlagenen Wahlen die Spitzen der Macht ihren Dank an das Volk abstatten. Von der Politik wird das Volk umworben, die Literatur aber hofiert es nicht. Die Slowenin Mojca Kumerdej spricht ihre Vorbehalte nicht direkt aus, sondern verkleidet sie in einen Roman, der rund um das Jahr 1600 angesiedelt ist, als das heutige Slowenien von den Habsburgern verwaltet wurde. Auch den Herrschenden traut diese Autorin nicht über den Weg, was die Lage prekär macht. Es gibt niemanden, an den man sich halten könnte. Das ist schwer zu widerlegen, zumal sich Kumerdej den Mechanismen der Macht zuwendet.

Der Einzelne spielt in diesem System von Anpassung und Unterdrückung keine Rolle. Als miserable Charaktere erweisen sich alle, die, denen daran gelegen ist, als Profiteure der Macht das Eigenwohl zu steigern, und jene, die mitspielen, um nicht als unbotmäßige Bürger aufzufallen, die von der Obrigkeit drangsaliert und eliminiert werden dürfen. Dazu bedarf es keiner auffallend rebellischen Haltung: „Und wenn einer Lindengötter schnitzte, war das zum Ende des 16. Jahrhunderts ein ausreichender Grund für ihren Schnitzer oder Verehrer, auf einem Scheiterhaufen in Flammen aufzugehen.“ Alle Macht geht von der katholischen Kirche aus, und die ist reichlich damit beschäftigt, Abtrünnige vom Schlage der Protestanten und andere Widerständige zur Räson zu bringen. Es lebt sich gefährlich in solchen Zeiten, weil jeder Einzelne unter Beobachtung steht. Wer sich verdächtig verhält, hat schon verloren. Das befördert die hohe Zeit des Denunziantentums. Um sich selbst zu retten, muss der andere dran glauben, der dem falschen Glauben, wenn nicht gar dem Hexenwesen anhängt.

Masse und Macht

Bei Mojca Kumerdej darf mit Nachsicht niemand rechnen. Sie hat eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe es ihr gelingt nachzuweisen, wie Volk und Obrigkeit zusammenspielen, um solch ein Klima der Gewalt zu schaffen, in dem niemand sicher ist. Alle wissen, dass das System krank ist, und keiner denkt an Veränderung. Um ins Innere der Gesellschaft einzudringen, bedarf es der unterschiedlichen Stimmen, die zusammen das Puzzle einer Unterdrückungsmaschine ergeben. Moralische Kategorien greifen in diesem Buch nicht, in dem nur die Mischungsverhältnisse von Gut und Böse Individualität ausmachen. Ansonsten besteht die Dorfgemeinschaft aus reichlich dumpfen Seelen.

Wie wird aus dem Volk eine Masse, wie entsteht daraus eine Meute? Diese zwingende Frage steht im Herzen des Romans. Volk ist ein neutraler Begriff für eine Gemeinschaft, die von einem politischen System zusammengehalten wird. Zur Masse wird es erst, wenn sich Leute zusammenfinden zu einem gemeinsamen Ziel, das nach Elias Canetti auf Entladung aus ist. Individualität verschwindet, alle zusammen ergeben ein großes Ganzes. Die Meute ist vom Jagdinstinkt auf alles Fremde getrieben und nimmt mörderischen Charakter an.

Das Volk, entnehmen wir diesem außergewöhnlichen Roman, ändert sich nicht, nur die Voraussetzungen, unter denen es lebt, haben sich gewandelt.

Ein kollektives Wir spricht immer wieder in diesem Roman, ein Wir als ausgesprochen wankelmütiges Gebilde. „Das Volk liebt einfache Dinge und ist argwöhnisch gegenüber allem, was ihm kompliziert erscheint.“ Der gesunde Menschenverstand, der Inbegriff des Engstirnigen, genügt ihm. Er denkt nicht, er nimmt etwas für gegeben und allgemeingültig, und das sind die von der Obrigkeit implantierten Wahrheiten. Dieses Volk ist indoktriniert und von Angst gepeinigt. Ein Menschenleben zählt nicht viel, deshalb ist umso größer der Hass auf alles, was fremd wirkt. „Später“, sagt das Volk bei Kumerdej, „werden wir uns organisieren und zuschlagen. Nicht schon unbedingt in ein paar Wochen oder Monaten, vielleicht erst in einem Jahr, vielleicht nach Jahren oder Jahrhunderten. Alle werden wir umbringen – Zauberer, Juden, schlechte Weiber, Fremde, Zigeuner, Türken ...“ Gut dreihundert Jahre später ist das tatsächlich der Fall. Mojca Kumerdej schreibt keinen historischen Roman, sie erzählt von der Vergangenheit und meint unsere Gegenwart immer mit.

Das Volk, entnehmen wir diesem außergewöhnlichen Roman, ändert sich nicht, nur die Voraussetzungen, unter denen es lebt, haben sich gewandelt. Die Menschen sind steuerbar. Injiziert man ihnen das Gift der Angst, liefern sie, um von sich abzulenken, Verdächtige ans Messer. An denen wird ein Exempel statuiert, was die Angst nur noch verstärkt. Der Kollektivwille als Verstärker des Herrscherwillens macht das System zu einer Bastion der vorsätzlichen Ungerechtigkeit. Dass die Opfer beliebig gewählt sind, weiß das Volk so gut wie die Instanzen der Macht.

Das geht aus Gesprächen des Fürstbischofs mit einem protestantischen Grafen hervor. Er lenkt das Volk, als wollte er Canetti mit Material aus seinem Schatz an Erfahrungen beliefern. „Die Leute sollen spüren, dass sie Teil eines Ganzen sind, und dass das Ganze aus ihnen besteht, unbedeutenden Teilchen, die miteinander verbunden einen Organismus ergeben.“ Deshalb die öffentlichen Hinrichtungen als Spektakel zur Untermauerung des rechten Weges. Im Stimmenkollektiv fällt ein Schreiber aus dem Rahmen, der all seine Zweifel zu Papier bringt, als er mit den drastischen Methoden der Macht nicht fertig wird und in eine tiefe psychische Krise stürzt. Ein junges Bauernmädchen ragt heraus, ein rhetorisches Naturwunder, das vergewaltigt wurde, ein Kind erwartet und damit eigentlich zu den Geächteten gehört. Ihm gelingt es, durch farbig ausgemalte Bilder einer Hexenversammlung, sich selbst als Opfer darzustellen, seinen Peiniger aber auf den Scheiterhaufen zu bringen. Es nützt die Intelligenz, deren das Volk ansonsten freiwillig entsagt. Die Protestanten bringen ihm das Lesen bei, was die Leute als tumbe Untertanen als Teufelszeug diffamieren. Dummheit ist kein Kavaliersdelikt!

Chronos erntet - © Wallstein
© Wallstein
Literatur

Chronos erntet

Roman von Mojca Kumerdej

Aus dem Slowen. von Erwin Köstler

Wallstein 2019

472 S., geb., € 28,80