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Ehrfurcht vor des Mannes Wünschen

Die Hälfte der Menschheit Frauen - die Hälfte des Himmels für uns” lautete der Slogan der Frauenbewegung Anfang der achtzi-giger Jahre in Österreich. Zum Tausend-Jahr-Jubiläum Österreichs in diesem Jahr hat die 1 listorikerin Sabine Weiss eine spannende Sammlung historischer Zeugnisse über die Österreicherin zusammengestellt, die zu den Ursprüngen dieses modernen Frauenslogans führt und beweist, wie langwierig und hindernisreich, wenn auch letztendlich doch erfolgreich der Kampf von Frauen um Gleichberechtigung in der Gesellschaft ist. Und wie wenig erfolgreich die andere Hälfte der Menschheit in Österreich gearbeitet, regiert, geforscht und gelebt hätte, wären da nicht die vielen namenlosen und namhaften Frauen gewesen.

Ihr Buch ist zwar schwergewichtig und seriös, aber keineswegs nur für Fachleute bestimmt und alles andere als trocken und langweilig. Der Autorin und dem Verlag Styria ist vielmehr zu einem Sachbuch zu gratulieren, wie man es sich wünscht.

Die Autorin hat mit akribischer Genauigkeit nicht nur bekannte Frauenschicksale wie jenes von Kaiserin Sisi oder Bosa Jochmann in ihre Sammlung aufgenommen, sondern, weit darüber hinausgehend, das Leben der kleinen Leute sowie unbekannte Details aus den Biographien bekannter Frauen zusammengestellt.

Als roter Faden zieht sich die Abhängigkeit der Frauen vom Mann durch die Jahrhunderte, die auch Maria Theresia ihren Töchtern einschärfte: „Der Mann ist das Gesetz der Frau. Sie ist von ihm vollkommen abhängig, ihm ist sie Gehorsam schuldig, sie hat sich seinen Wünschen gegenüber ehrfürchtig, gehorsam und willig zu zeigen und sich ihm in allem und jedem bis zur Grenze der Schitklich-keit anzupassen.”

Für die geringe Wertschätzung der Frauen lassen sich viele Zeugnisse finden: Als eine Tochter von Eeopold I. und seiner Frau Margarete kurz nach der Geburt starb, schrieb der Kaiser in sein Tagebuch: „War es ein Sohn ge-west, was war dies vor ein Leid jezo, aber ein Madl kann man leichter verschmerzen.” Buprecht von Eggenburg ließ ein Mausoleum für seine Familie bauen, in dem ausdrücklich keine „Weibspersonen” begraben werden durften.

Was blieb den Frauen also, als unter dem Diktat der Ehemänner und dem Joch des jährlichen „Kindertragens” in die Arme der Kirche zu flüchten - mit ihren strengen und vielfach ebenfalls diskriminierenden Verhaltensregeln. Der Eintritt in ein Kloster ermöglichte allerdings in früheren Jahrhunderten das den Mädchen sonst verbotene Studium und ein Leben in einer von Männern unbehelligten Frauengemeinschaft. Unter dem Deckmantel der Frömmigkeit konnten Frauen auch künstlerische und gesellschaftliche Anliegen verwirklichen oder Liebhabereien frönen, wie eine Klostergründerin des 16. Jahrhunderts beweist, die bis ins hohe Alter von 90 Jahren eine leidenschaftliche Jägerin' blieb.

Der Kampf um politische Gleichstellung war mühsam und opferreich: Obwohl schon im Mittelalter häufiger

Frauen als Männer lesen und schreiben lernten und viele Töchter des höheren Adels gebildet waren, landete die Französin, die als erste eine „Erklärung der Bechte der Frauen und Bürgerinnen” yeröffentlichte, auf dem Schafott. Und noch 1848 wurde der Wiener demokratische Frauenverein nach zwei Monaten verboten, da „Frauenspersonen” in politischen Vereinen ausgeschlossen waren.

Der Zugang zur Bildung gestaltete sich ebenfalls schwierig: Immer wieder gab es Initiativen, auch Mädchen zu unterrichten. Im 16. Jahrhundert tauchte allerdings das schier unlösbare Problem auf, daß Knaben und Mädchen zwar miteinander unterrichtet, aber getrennt gezüchtigt werden mußten. Später wetterte selbst Wolf Helmhanl von Hohenberg, der sein gesamtes Wissen seiner höchst gebildeten Mutter verdankte, gegen die Frauenbildung: Hauswirtschaftliches Wissen sei für Frauen wichtiger, als daß sie „100 Madrigal, Canzoni oder Sonnet” übersetzen oder gar selbst dichten können.

Und wieder waren es geistliche Frauen, die sich - oft heftig angefeindet - der Mädchenbildung annahmen. Die „EnglischenTYäulein” siedelten sich im 17. Jahrhundert in Wien an und verbanden die hauswirtschaftlichen Fächer mit Unterweisungen in Lesen und Schreiben, Tanz und Gesang und der Herstellung von Medikamenten aus Heilpflanzen. Erst nach 1870, nachdem einmal mehr die Gründung von Mädchengymnasien untersagt worden war, umging man diese Begelung mit der Gründung von „Höheren Töchterschulen” und Lyzeen. Schließlich wurde Ende des 19. Jahrhunderts auch der Zugang zur Universität für Frauen möglich, die Me-diziner und Juristen wehrten sich am längsten gegen die Zulassung von Frauen. Schließlich gab es eine Initiative eines Innsbrucker Professorenkomitees, „arme Frauen, die nicht verheiratet werden konnten”, zum Bechts- und Staatswissenschaftsstudium zuzulassen. Noch Jahre später sorgten sich Professoren, ob damit „der Stellung und Ausgestaltung des weiblichen Geschlechts” ein guter Dienst erwiesen worden ist”.

Kreative Frauen waren immer doppelt benachteiligt: Neben dem Makel, „Frau” zu sein, hatten sie noch dazu mit dem anrüchtigen Image der Außenseiterin zu kämpfen. Dichterinnen lebten deshalb oft in Klöstern, in denen ihre Schriften bis heute erhalten blieben. Ava von Melk, die sich als „zweier Kinder Mutter” und selbstbewußt als Dichterin bezeichnete, lebte im 12. Jahrhundert als In-klusin, als eingeschlossene Ordensfrau bei Melk und verfaßte eine Heilsgeschichte auf deutsch. Auch später fanden Frauen nur selten außerhalb der Klostermauern die nötige Bildungsmöglichkeit und Muße, um als Gelehrte ein Zeugnis zu hinterlassen.

Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin den „verborgenen Frauen” in Österreich, die hinter Klostermauern viele soziale, karitative und religiöse Aufgaben erfüllten und trotzdem von der allgegenwärtigen Frauendiskriminierung nicht verschont blieben. Das Klosterleben wurde von Männern mit strengen Regeln bedacht und von Männern kontrolliert. Fleischspeisen waren verboten, gewässerter Wein erlaubt, ein warmes Bad mußte von der Oberin genehmigt werden, der monatliche Aderlaß war üblich.

Als in den Ordensgemeinschaften der Waldenser und Katharer, die als Sekten im katholischen Österreich verfolgt wurden, die Frauen gleichberechtigt Wandlung und Predigt vornahmen, begann ihre systematische Verfolgung. Priester durften dabei „Häterikerinnen züchtigen”, viele Jahrzehnte der Vertreibung und Zwangsbekehrung von nichtkatholischen Gläubigen folgten. Willkürlich wurden Frauenorden aufgelöst, später wieder ihre Gründung zugelassen.

Mit bekannten, aber immer wieder schockierenden Details der Hexen-Verfolgung komplettiert die Autorin ihr Buch. Hanna Scheiber, die den Pfarrer als schlechten Prediger bezeichnete und während der Predigt die Kirche verließ, wurde als Hexe denunziert, viele Pfarrersköchinnen landeten auf dem Seheiterhaufen, manchmal genügte es schon, „ein ser gscheites Weib” zu sein, um der Inquisition ausgeliefert zu werden.

Das Werk der engagierten Historikerin Sabine Weiss sollte eigentlich unter den Christbäumen zu finden sein. Für Mütter, Großmütter, Schwestern, Töchter oder Freundinnen ist es an anregendes, nachdenklich machendes Geschenk. Viele heute unterschwellig vorhandene Vorurteile werden verständlicher, aber nicht tolerierbar, die drastischen Veränderungen der Lebens weit der Frauen werden greifbar.

Die Illustrationen und historischen Zeugnisse machen darüber hinaus Lust auf Österreich. Sie machen Lust darauf, in der eigenen Heimat in Museen, Kirchen und Bibliotheken auf Spurensuche zu gehen und um Vorbilder für den eigenen, noch immer nicht leichten Lebensweg als Frau in Österreich zu finden.

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