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Ein Abend mit Albert Schweitzer

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Vor einem Jahr, zum 81. Geburtstag Dr. Albert Schweitzers, schrieb der Autor des nachfolgenden Berichts in der amerikanischen Zeitung „The Evening Star” einen Artikel über den berühmten Arzt, Künstler und Gelehrten, de,- dessen besondere Zustimmung (and. Daraufhin wurde im Jänner dieses Jahres Herr Helmut Goldschmidt von Dr. Schweitzer zu einem Besuch nach Lambarene eingeladen. Vor kurzem kehrte der Autor nach Wien zurück und stellte uns diesen Bericht über seine Erlebnisse zur Verfügung.

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Vor einem Jahr, zum 81. Geburtstag Dr. Albert Schweitzers, schrieb der Autor des nachfolgenden Berichts in der amerikanischen Zeitung „The Evening Star” einen Artikel über den berühmten Arzt, Künstler und Gelehrten, de,- dessen besondere Zustimmung (and. Daraufhin wurde im Jänner dieses Jahres Herr Helmut Goldschmidt von Dr. Schweitzer zu einem Besuch nach Lambarene eingeladen. Vor kurzem kehrte der Autor nach Wien zurück und stellte uns diesen Bericht über seine Erlebnisse zur Verfügung.

Die Redaktion der „Furche”

DER AIRPORT VON LAMBARENE ist etwas klein geraten, den hier herrschenden Verkehrsverhältnissen angepaßt. Als ich gemeinsam mit den wenigen Passagieren (meist Holzhändlern) aus dem Miniaturflugzeug der Air France klettere, steht die erste Ueberraschung bereits bereit: Eine freundlich lächelnde Dame in Weiß als Empfangsbotin des Urwalddoktors. „Herzlich willkommen in Lambarene! Bin Frau Obermann und soll Sie zu Dr. Schweitzer bringen.” Und ehe ich auch noch etwas erwidern kann, halte ich auch schon ein Nylonsäckchen samt Inhalt in den Händen. „Dr. Schweitzer meinte, Sie würden sicher hungrig sein, so schickt er Ihnen eine kleine Wegzehrung.”

Das „Urwaldtaxi”, ein ausgedienter Lkw., rast ratternd durch den Busch. Der Lenker, ein spitzbübisch lächelnder Afrikaner, hat sich eine eigenartige Fahrtechnik zurechtgelegt — vor jeder Wegecke bremst er scharf ab und nimmt dann in einer seltsamen Mischung von Tollkühnheit und Ruhe die Kurve. In einigen Minuten erreichen wir den Landeplatz am Ogowe. Dort wartet bereits ein von Dr. Schweitzer selbst konstruiertes Boot, das uns zum Spital hinüber bringen soll.

DEM ÜBERRASCHTEN AUGE bietet sich ein herrlicher Anblick dar: das mitreißend schöne Schauspiel einer zentralafrikanischen Flußlandschaft. Für mich frisch importierten Mitteleuropäer ein verwirrende? Erlebnis der Sinne. Greller Sonnenschein glitzert auf den trägen Wassermassen des Ogowe. Die beiden Ufer sind gut zu erkennen. Dort wachsen fremdartige Bäume, dann ragen wieder Lianen und Palmen empor, Papyrusstauden und weiteres mir unbekanntes Gesträuch.

Fast hätte ich, versunken in die reizvolle Magie Afrikas, meine unmittelbare Umgebung, njeine Begleiter, Vergesse ; Di blfcke ieh ‘aüf einen der schwärzen Ruderer — und für einen Augenblick scheint mein Atem stillzustehen. Wie verdächtig glitzert doch Arm und Haut im Lichte der Sonneneinwirkung! Madame Obermann scheint meine Gedanken erraten zu haben, denn mit einem kurzen, fast hingeworfenen Satz gibt sie die nötige Erklärung: „Das sind Leprose”, dabei weist sie mit einer lässigen Handbewegung, auf die drei schwarzen Bootsleute, „aber haben Sie keine Angst, sie sind schon längst geheilt.”

SCHON BEI MEINEM ERSTEN ORIENTIERENDEN RUNDGANG durch das Gelände des Urwaldspitals („Hopital du Docteur Schweitzer”), das sich über ein hügeliges Terrain weithin erstreckt, erlebe ich die fremdartige Wirklichkeit dieser kleinen, in sich abgeschlossenen Welt. Sofort auffallend das friedliche Nebeneinander von Mensch und Tier. Lieblich das Bild: Ein kecker Schimpanse klettert das Wasserleitungsrohr, das sich mehrere Meter über dem Erdboden von Gebäude zu Gebäude spannt, entlang. Ein kleines Mädchen mit einem hübschen schwarzen Gesichterl sitzt auf dem staubigen Boden und ist von dieser Vorstellung hellauf begeistert. Es schüttelt sich vor Lachen. Den Turner scheint das nicht zu irritieren, jedenfalls schwingt er sich mit einer blitzschnellen Bewegung auf den nächsten Baum.

„BON JOUR, DOCTEUR”, die Schwarzen, die den großen Platz des Spitals mit buntem Treiben erfüllen, grüßen freundlich den neu- ankommenden Gast. Die Neugierde ist deutlich von ihren Gesichtern abzulesen. Eine weiße Krankenschwester eilt geschäftig in eines der solid gebauten Wellblechhäuser. Ein offensichtlich geisteskranker Patient schneidet groteske Grimassen, doch er geht unbeachtet seinen Weg.

Aus einem der Gebäude dringt Wimmern und Stöhnen. Es dürften darin die Schwerkranken untergebracht sein. Aus einem anderen Haus dagegen klingt das ohrenbetäubende Gekrächze einer Grammophonplatte in deutscher Sprache „O du fröhliche…”

Eben will ich den Rundgang beenden, da kommt ein junger Bildhauer aus Deutschland, der schon seit geraumer Zeit seine Zelte in Lambarene aufgeschlagen hat, atemlos angerannt: „Der Herr Doktor erwartet Sie.”

ALS’’ICH DEM EINFACHEN BLOCKHAUS Dr. Schweitzers entgegeneile, spüre ich auf ein mal eine starke innere Erregung in mir aufsteigen. Da — noch halte ich es für ein Märchen — steht er, Dr. Albert Schweitzer, plötzlich vor mir. Eine wahrhaft imposante Erscheinung von hoher Gestalt, dazu das plastisch geschnittene alemannische Gesicht, dem nicht nur der buschige Schnurrbart, sondern noch mehr die Form der überwölbten Stirn eine gewisse Aehnlichkeit mit der Physiognomie Nietzsches verleiht. Der klare, freundliche Blick nimmt sofort gefangen. Nach einem festen Händedruck sagt Schweitzer mit einem leisen Lächeln: „Da sind Sie ja. Ich werde Ihnen gleich- Ihr Zimmer zeigen.” Spricht’s, und schon eilt er- wie ein Junger den Abhang hinab. Wer soll ihm da seine 82 Jahre ansehen, die er dieser Tage vollendet?. Vor einer Zimmertür des Gästehauses bleibt der Urwalddoktor stehen: „Hoffentlich wird es Ihren Ansprüchen genügen, das Zimmer ist gerade rechtzeitig für Sie fertig geworden. Und hier haben Sie einige Bananen. Um 7 Uhr haben wir dann gemeinsames Abendessen.” Wir verlassen wieder den Raum und stehen eine Weile vor der Holztreppe. Unten — im Abendglanz — liegen die Gebäude des Urwaldspitals. Dr. Schweitzers Lebenswerk. Es begann vor mehr als 43 Jahren einige Kilometer von der heutigen Station entfernt — unter unglaublich primitiven Verhältnissen, seine ersten Operationen führte dieser Afrikapionier in einem kleinen Hühnerstall durch. Heute stehen fast fünfzig Gebäude für mehrere hundert Kranke zur Verfügung. Da unterbricht Schweitzer mit einem einfachen Satz das Schweigen: „Der ganze Bezirk hier gehörte einmal zum Herrschaftsgebiet der Könige des Galoa-Stammes. Als wir im Jahre 1924 hierherkamen, war alles noch Urwald, doch in drei harten Jahren hatten wir den Wald gerodet — ich sage Ihnen, das war Hartholz — und den Boden der Station freigclegt. Ist es hier nicht herrlich? Ich hätte keinen schöneren Platz auf Erden finden können.”

ABENDBROT IM SPEISESAAL. Alles sitzt um den langen Tisch. Eine gemischte Gesellschaft: Aerzte, Schwestern und Helfer (das I.ambarene-Team), dann Dr. Schweitzer und seine Frau, die es trotz ihrer 78 Jahre wieder nach Afrika an die Seite ihres Mannes gezogen hat, und — last not least — die stets willkomme- nen Gäste (u. a. der deutsche Bildhauer Fidelis Bentele, der ein Porträt vom Urwalddoktor anzufertigen hat, und Marion Preminger, die Gattin des Hollywoodregisseurs).

Eben spricht Dr. Schweitzer mit lauter, kräftiger Stimme das Tischgebet: „Danket dem Herrn, denn Er ist freundlich und Seine Güte währet ewiglich. Amen.” Schon reichen schwarze Hände die Speisen aus. Es ist ein kräftiges, gut zubeieitetes Mahl, das da serviert wird — die notwendige Stärkung nach einem erschöpfenden

Arbeitstag. Der Gastgeber scheint keine Spur von Müdigkeit zu verspüren, im Gegenteil, seine friedvolle Heiterkeit wirkt erfrischend.

Er beginnt eine Anekdote zu erzählen. Wie er einmal mit einem Dr. Schweitzer seine liebe Not hatte. Er befand sich damals in Karlsbad auf Kur und ein anderer Dr. Schweitzer (ihm völlig” unbekannt) befand sich ebenfalls in der Stadt Nichts ahnend öffnete er, Dr. Albert Schweitzer, eines Tages einen Brief, der mit der Anschrift Dr. Schweitzer (ohne Vornamen), Karlsbad, versehen war. Dies hätte er nicht tun sollen. Am nächsten Tag war das Malheur auch schön passiert: sein ihm unbekannter Namensvetter schlug auf dem Postamt einen gehörigen Krach, weil ihm einer seiner Briefe „unterschlagen” worden sei. Mit diesem Druckmittel setzte er schließlich sein Begehren durch, daß alle an Dr. Schweitzer adressierten Briefe zuerst an ihn zur Einsichtnahme ergehen müßten. ..So hat mir dan., dieser Kerl meine Briefe fast zwei Wochen .unterschlagen’”, erzählte Dr. Schweitzer mit Humor…

Nach dem Essen teilt Trudi, eine junge Krankenschwester aus der Schweiz, m… im Lepradorf tätig, flink die Gesangbücher aus. Dr. Schweitzer schlägt mit seinen arbeitgewohnten Händen das alte, ihm wohlvertraute Büchlein auf und wählt ein Lied. Dann erhebt sich die mächtige Gestalt des’Doktors von seinem Platz, er geht mit langen Schritten um den Tisch , herumzymJ lavje an.;der gegemiberliegen- de?|,. Seitf, des Ra n?ies a fgeą(ęllt ist,:,Eįn.£ andächtige Sammlung liegt über der Runde. Schon gleiten die Hände des Bach-Virtuosen über die Tasten des alten Klaviers. Wir stimmen alle ein und singen das einfache Lied der Anbetung und des Glaubens. Als der Gesang verklingt, erhebt sich der Doktor vom Klavier und geht wieder an seinen Stammplatz an der Tafel zurück. Dort setzt er sich nieder, schlägt die Bibel auf und liest dann mit deutlicher Stimme einige Verse aus der Bergpredigt vor. Jesu Worte sind von tiefer Lebendigkeit. Nach der Bibellesung fahrt Schweitzer, wie einst als evangelischer Paster in Straßburg, die Hände, er beugt sein Haupt und schließt die Andacht mit einem ..LInser Vater” ab.

ANSCHLIESSEND BEGLEITE ICH NOCH Dr. Schweitzer auf seinem Krankenbesuch ins Spital. Es ist bereits’ sehr dunkel und im Schein der Petroleumlampe schreiten wir den hügeligen Weg hinab. Schon sind wir am Ziel angelangt. Der Urwalddoktor steigt die Holztreppe empor und leuchtet mit der Lampe in den dunklen Raum. „Wie geht es dir?” spricht er dann in französischer Sprache das Häuflein Elend an, das sich hier auf der Bettstatt vor Schmerzen windet.’ Dann wünscht er dem Schwarzen noch eine gute Nacht und kommt wieder heraus. Er sagt bloß:

,,Das ist eines meiner Sorgenkinder.”

Es ist schon spät, die Lichter in den Spitalsgebäuden schon längst verlöscht, nur aus’ dem Blockhaus des „großen Doktors”, wie ihn die Schwarzen nennen, dringt noch immer Lampenschein. Was mag er zu so später Stunde noch Vorhaben? Vielleicht weilen seine Gedanken gerade bei einem lieben Freund in weiter Feme, den er mit einem Gruß erfreuen möchte, oder aber gleitet seine Feder über das Papier, um einen Gedanken festzuhalten…

Noch einen kurzen Blick zum sternengeschmückten Himmel, dann gehe ich zur Ruhe. Das Bewußtsein, in unmittelbarer Nähe mit einem der begnadetsten Menschen unserer Zeit zu sein, schafft ein Gefühl der Beglückung und dej Friedens.

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