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Ein alter Thriller wurde zur brandaktuellen Satire

Ende der fünfziger Jahre erschien in der Grazer „Neuen Zeit" der Fortsetzungsroman „Abenteuer im Nahen Osten", der dann 1963 unter dem Titel „Die Abenteuer des Herrn Rafaeljan" unter dem Pseudonym Alexander Dormann als Taschenbuch herauskam: Es war der fünfte und letzte gemeinsam geschriebene Roman der Freunde Milo Dor (ursprünglich: Milotin Doroslo-vac) und Reinhard Federmann (1923-1976). Nun wurde die Geschichte unter dem neuen, ironisch-polemisch treffenden Titel „Und wenn sie nicht gestorben sind ..." neu ediert. Gemeint sind die märchenhaft balkanischen Politgauner aller Art in dem von den zwei Autoren erfundenen Staat Dazien, wo modern-mörderische Ruchlosigkeit zynisch-selbstverständlich herrscht, bei zwieträchtig einträchtiger Niedertracht mit dem Nachbarland Illyrien - das in der Antike, wie man vielleicht von der Schule her weiß, von den Venetern bewohnt wurde, also von den Vorgängern der Kroaten und Serben.

Die utopische Verfremdung wollte zur Zeit der Niederschrift die Widrigkeiten des Kalten Krieges saftig verspotten und stimmt nun mit tragischer Genauigkeit auf die scheinheilige Situation unheilvoll geheiligter Nationalismen in den vielspältigen südslawischen Regionen. Unter dem Buchtitel steht als vorsichtig lakonischer Hinweis auf den Inhalt: „Politthril-ler". Die beiden gleich alten (genauer: jahrgangsmäßig damals gleich jungen) Schriftsteller machten sich ausgelassen lustig über die unlustig bösen

Zeitläufte und konnten noch nicht ahnen, wie stichhaltig dieser groteske Thriller ein Menschenalter später zur Satire auf unmenschliche Schlachten (nämlich: sadistisches Abschlachten) zwischen verfeindet zerstrittenen Brudervölkern ausarten werde.

Trotz finanzieller Misere waren Milo Dor und Reinhard Federmann beim Schreiben immer gtft aufgelegt. Sie reisten auf Verlagssuche durch die Bundesrepublik, in München waren sie Stammgäste der 'Tagesbar, die „von einem geflüchteten Armenier namens Erwant Rafaeljan betrieben wurde", einem „liebenswürdigen Mann" (kein Held), und funktionierten ihn zum Romanhelden um (so Milo Dor im „Nachwort"). Er sei, schwadronierten sie vergnügt drauflos, in Dazien aufgewachsener Illyrer, der es in Paris zum angesehenen Journalisten gebrachte habe. Im Herkunftsland freilich wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Er hatte kein Crimen begangen, war bloß verdächtigt worden, und das genügte in dieser bei Indizienbeweisen genügsamen Gegend, um lebenslang diskriminiert zu bleiben.

Eher naiv als tollkühn bietet sich Rafaeljan Herrn Derouge, dem Chef der „Atriumpresse", für eine Reporterreise nach Dazien an. Der ist Feuer und Flamme - dort geht es doch drunter und drüber, und selbst falls Rafaeljan umkommen sollte - umso schlechter für ihn, aber umso besser für den Knüller, der dann zur Weltsensation würde.

Die schlauen Romanciers, weit schlauer als ihr Romanheld, lassen ihn im Pariser Konsulat des Staates Dazien ordnungsgemäß sein Visum beantragen, welches ihm mit

schlechtweg rührender Freundlichkeit gewährt wird. Kein Wunder, es passiert ja nicht alle Tage, daß jemand hochoffiziell um Einreiseerlaubnis in ein Land ansucht, wo ein Todesurteil auf ihn wartet. „Alles vergessen!", versichert sicherheitshalber das Konsulat (man überreicht dem Antragsteller sogar als Begrüßungspräsent eine Packung echter Dazien-Zigar-ren), doch bleibt selbst bei dem optimistischen Rafaeljan eine gewisse Unsicherheit.

Mit Recht. Schon im Coupe des Zuges in die Hauptstadt setzt sich eine smarte Griechin zu ihm, bald nehmen gegenüber zwei auffallend harmlos tuende - somit auffallend verdächtige - Mannsbilder Platz. Von der Dame unterscheiden sie sich dadurch, daß sie zu miteinander verfeindeten Geheimdiensten gehören. Es wäre indiskret, weitere Einzelheiten zu verraten. Nur soviel: Die hübsche Agentin und ihre bösen Widersacher sind nicht die einzigen, die eines gewaltsamen Todes sterben werden. Denn das bodenständige politische System besteht aus zwei Fraktionen: die eine so gut wie faschistisch, die andere kommunistisch. Die Spitzenfunktionäre rotten einander gern von Zeit zu Zeit aus, es fürchtet aber jede der beiden Seiten, daß Rafaeljan entweder zur anderen hält oder gar für „den Westen" spioniert. Trotzdem kommt er lebend nach Paris zurück.

Wäre diese drastische Parodie auf das politische Weltgeschehen nicht schon vor 35 Jahren erschienen, man könnte das Ganze für einen perfiden Schlüsselroman halten, geschrieben gegen heutige - teils angeklagte, teils schamlos akzeptierte - Kriegsverbrecher „illyrischer" Zonen.

BUND WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND-... Roman von Milo Dor und Reinhard Federmann Picus Verlag, Wien 1996. 303 Seiten, geb., öS248,-

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