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Ein Binnen-I für Tiere

Das diesjährige 16. Philosophicum Lech fragte unter dem Thema "Tiere“ nach der "Natur des Menschen“ - und erwies sich dabei mehr als erwartet als beängstigend zeitdiagnostisch.

Ich bin ein Speziesist. Mit dieser Punzierung muss leben, wer an einer bleibenden Differenz zwischen Mensch und Tier festhält und demnach die Idee einer Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der beiden ablehnt. Der Speziesist ist also für die Tier-Mensch-Debatte das, was der "Macho“ oder "Sexist“ in der Gender- und der "Neoliberale“ in der Ökonomie-Kontroverse darstellt: der Repräsentant der politischen Unkorrektheit. Aufgebracht hat den Begriff des Speziesismus der britische Psychologe Richard Ryder 1970; einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er durch den umstrittenen australischen Ethiker Peter Singer: Speziesismus sei " ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Mitglieder der eigenen Spezies und gegen die Interessen der Mitglieder anderer Spezies“, schreibt Singer in "Animal Liberation“ ("Die Befreiung der Tiere“; 1996).

Beim diesjährigen Philosophicum Lech, das unter dem Thema "Tiere. Der Mensch und seine Natur“ stand, hatten die Speziesisten keinen leichten Stand. Kaum einer der Referenten, der expressis verbis von einer Grenze zwischen Tieren und Menschen sprach. Weitgehend schien Konsens darüber zu herrschen, dass der Anthropozentrismus - die philosophische Entsprechung zur biblischen Rede vom Menschen als "Krone der Schöpfung“ - überwunden und in eine Art "Posthumanismus“ oder "inklusiven Humanismus“ (© Thomas Macho; siehe Seite 23) übergeführt werden müsse. Demnach bräuchte es wohl so etwas wie ein animal mainstreaming und Tiere wären künftig, symbolisch gesprochen, mit Binnen-I zu schreiben (dem großen I inmitten eines Wortes, das anzeigen soll, dass auch weibliche Wesen mitgemeint sind; z. B. "SchülerInnen“) …

Erdbeeren und Hunde

Einzig der Marburger Philosoph und Kant-Spezialist Reinhard Brandt (siehe Interview Seite 22/23) hielt in seinem Vortrag "Können Tiere denken?“ klar dagegen: "Eine Ausgrenzung der Tiere aus dem Kreis der denkenden Wesen schmerzt oder empört heutzutage jeden korrekt fühlenden Menschen und Ethologen; aber wer behauptet, Tiere könnten sich ihrerseits über unsere Fähigkeiten verständigen, würde nach einigem Zögern doch ausgelacht werden - selbst auf der documenta 2012 ist nicht nachgewiesen worden, dass Erdbeeren und Hunde über uns nachdenken und dass sie das Wahlrecht für Menschen wirklich beschlossen haben.“ Brandt war freilich so etwas wie ein Exot auf dem Symposium.

Zumindest implizit hielt auch Konrad Paul Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicums, in seinem Einleitungsreferat an einer Tier-Mensch-Differenz fest, wenn er resümierte: "Der Aufruf, dem Tier endlich angemessen zu begegnen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kann nur von einem Tier kommen, das zumindest tendenziell aufgehört hat, ein Tier zu sein und deshalb sein Verhältnis zur Tierwelt nach anderen Gesichtspunkten gestalten kann als nach denen seiner Natur.“

Dem Tier "angemessen zu begegnen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“: Das war wohl die unausgesprochene Prämisse der gesamten Tagung - und wer wollte dieses Anliegen nicht unterschreiben? Wobei wie immer, wenn es um "Gerechtigkeit“ geht, mit dem Begriff die Diskussionen, was denn darunter zu verstehen sei, erst so richtig beginnen. So sprachen etwa auch bei der Auftaktveranstaltung "Impulsforum“ (siehe Seite 22) der Fleischproduzent Clemens Tönnies und der Tierschutzaktivist Martin Balluch gleichermaßen von Nachhaltigkeit und artgerechter Haltung. Aber dass in Fragen des Umgangs mit Tieren (Stichworte Massentierhaltung, Tiertransporte, Ausrottung von Arten) vieles im Argen liegt, ist unbestritten.

Der Mensch und sein Garten

Dass es aber bei weitem nicht nur um das - berechtigte - Anliegen von Tierschutz und Artgerechtigkeit geht, wurde gleich im Eröffnungsvortrag von Eugen Drewermann klar. Der dissidente Theologe räumte mit dem europäischen Erbe gründlich auf. Fortschritt, Wissenschaft, Intellekt - alles, was Europa ideengeschichtlich ausmachen mag, gilt ihm tendenziell als im besten Falle fragwürdig, wenn nicht gleich verwerflich oder "tödlich“. Auch jener Tradition, aus der sich "Europa“ ganz wesentlich speist, der jüdisch-christlichen, kann Drewermann kaum etwas abgewinnen, was den Weg für die von ihm geforderte "neue Ethik“ wiese. Einzig zwei Stellen will der Bibelkenner gelten lassen: Den zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2), wo es - im Unterschied zu Gen 1 mit dem inkriminierten Über-die-Erde-Herrschen - heißt: "Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte“ (2,15). Wobei laut Drewermann die korrekte Übersetzung nicht "bebauen“ sondern, noch mehr in seinem Sinn, "bedienen“ lautet. Und: das vierte Kapitel des Buches Jona, wo sich Gott auch des Viehs in der Stadt Ninive erbarmt. - Sonst nichts.

Antikapitalismus und -rationalismus

Drewermanns "neue Ethik“, für die er in seiner bekannt sanft-eindringlichen Art warb, ist demgegenüber ein pantheistisch oder genauer: panentheistisch grundiertes, fortschritts-, wissenschafts- und technikfeindliches, antikapitalistisches und -rationalistisches Konglomerat. Bemerkenswerter noch als dieser Entwurf an sich war freilich die Tatsache, dass nicht nur Drewermann selbst sondern offenkundig auch das Auditorium von seinen Ausführungen bewegt und gerührt war und mit standing ovations dankte. "Hurra, wir kapitulieren!“ mochte man sich da mit Henryk M. Broder denken - nicht auf den Islam bezogen, sondern im Sinne einer schleichenden Selbstaufgabe im kultur- und ideengeschichtlichen Sinn. Wenn wir glauben, dass Drewermann recht hat, dann brauchen wir über Euro-Rettung, EU-Erweiterung und-Vertiefung etc. gar nicht mehr nachdenken - dann sperren wir den Laden am besten zu und begreifen uns als das, was die Geografie ohnedies nahelegt: einen westlichen Ausläufer Asiens.

So erwies sich dieses Philosophicum vielleicht mehr als so manches der letzten Jahre in besonderer Weise als zeitdiagnostisch - und dies just bei einem Thema, das prima vista von vielen eher als exotisch und nicht sonderlich unter den Nägeln brennend empfunden worden sein mag. Was wir vom Menschen und seiner Natur - im doppelten Sinn - halten, dürfte indes eine zentrale Frage künftiger Auseinandersetzungen werden. Wie wir darauf in Theorie und Praxis antworten, wird weiter reichende Folgen haben, als wir vielleicht im Moment noch abzuschätzen vermögen.

17. Philosophicum Lech 2013

25. bis 29. September

Thema: "Ich. Der Einzelne in seinen Netzen.“

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