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Ein frischer Wind am Malecón

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Kuba braucht einen politischen und ökonomischen Strukturwandel, sagen Experten in Havanna. Das Volk begrüßt die Annäherung an die Vereinigten Staaten, die Jugend hofft auf mehr Freiheit.

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Kuba braucht einen politischen und ökonomischen Strukturwandel, sagen Experten in Havanna. Das Volk begrüßt die Annäherung an die Vereinigten Staaten, die Jugend hofft auf mehr Freiheit.

Obama mag ich nicht. Aber seine Verhandlungen mit Kuba sind gut." Der Exil-Kubaner Juan kennt beide Seiten. In den USA als Kind kubanischer Exilanten geboren, ist der 50-Jährige zu Familienbesuch auf der Insel. Auf der Strandpromenade von Havanna schildert er die gemischten Gefühle der Kuba-Community "drüben". Die Menschen "herüben", die nie einen Fuß auf das amerikanische Festland gesetzt haben, hoffen auf eine bessere Zukunft. "Die Annäherung ist eine sehr gute Sache. Viele von uns haben Verwandte in den USA. Endlich kommen wir zusammen", freut sich ein junger Musiker und bringt seine Gitarre auf dem Malecón zum Klingen. Seine Kumpel pflichten ihm verbal und musikalisch bei.

"In der alten Generation sind viele Hardliner, die alles verloren haben", meint Juan. Die jüngeren Kubaner in den USA "denken viel liberaler". Als er 1999 nach Kuba kam, durfte er seine kleine Nichte nicht ins Restaurant mitnehmen. Zu Ausländerhotels hatten Kubaner damals keinen Zutritt. In der Gastronomie kam es seither zur Liberalisierung. Die Gastro-Meilen der Altstadt sind voller "Paladares", gemütlichen privaten Lokalen. Einheimische und Auslandstouristen bilden eine bunte Gästeschar. Doch Diskriminierung gibt es immer noch. Beim Eissalon "Coppelia" stellen sich Kubaner stundenlang um eine Tüte an, Ausländer kommen an einem eigenen Schalter sofort dran. Schuld ist das doppelte Peso-System: Die einen zahlen mit inländischen CUP, die anderen mit konvertiblen CUC.

Auch ausländische Kleinunternehmer sehen der Öffnung hoffnungsfroh entgegen. Der spanische Chef der "Cocina de Esteban" spricht von "großen Veränderungen und mehr Freiheiten in den letzten Jahren". Kuba "hat Charme" und sei der sicherste Platz in der ganzen Region, verglichen mit der Kriminalität in Mexiko oder der Dominikanischen Republik. Als Gastronom schätzt Esteban, der mit einer Kubanerin verheiratet ist, dass er das Personal für sein vor drei Jahren eröffnetes Restaurant frei wählen kann. Ein Mexikaner, der Drogeriewaren verkauft, glaubt, erst mit der Aufhebung der US-Blockade werde sich das Leben bessern. "Bisher ist alles nur Diplomatie und Politik."

Menschliche Freiheiten, wirtschaftliche und politische Liberalisierung. Das soll auch die Annäherung zwischen "David und Goliath" bringen. Kontakte laufen laut Experten seit Jahren, nicht erst seit dem spektakulären Telefonat der Präsidenten Raúl Castro und Barack Obama. Der Ökonom Omar Everleny attestiert Castro, die Notwendigkeit eines Strukturwandels erkannt zu haben. Seit 2010 wurden Privatisierungsschritte gesetzt, in Landwirtschaft und Gewerbe. Die Zahl der Selbständigen erhöhte sich von 140.000 auf eine halbe Million.

Die Insel der unbegrenzten Möglichkeiten

Die unabhängige Experten-Plattform "Cuba Posible" plädiert für schrittweise politische und wirtschaftliche Reformen. Keinesfalls dürfe es zu einer "sozialen Explosion" kommen, betont Roberto Veiga. Kürzlich organisierten "Cuba Posible" und eine US-Initiative in Washington eine Konferenz, an der auch Mitarbeiter der Obama-Regierung teilnahmen. Der Annäherungsprozess "darf nicht scheitern", waren sich laut Veiga alle einig.

Seit Jahresbeginn fanden drei offizielle Verhandlungsrunden statt. Gekappte Telefonverbindungen wurden wiederhergestellt. Noch vor dem Amerika-Gipfel am 10./11. April sollen Botschaften eröffnet werden. Kubanische Experten erwarten in Panama ein Treffen Obama-Castro. Denn die Staaten Lateinamerikas luden das bis dahin geächtete Kuba einstimmig zu dem Gipfel ein. Auch die Europäer sind aufgewacht. Noch Ende März reist EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini nach Kuba. In Havanna wünscht man sich eine Normalisierung mit den Europäern und kritisiert deren Unterordnung unter die US-Politik. Europa sollte sich auch "der kubanischen Zivilgesellschaft" nähern, fordert Veiga.

Die Amerikaner bereiten sich indessen auf neue Geschäfte vor. 90 US-Agrarkonzerne hielten Anfang März eine Konferenz in Havanna ab, um das Terrain zu sondieren. Europäische Firmen diverser Branchen wollen ebenfalls Geschäfte machen. Seit Dezember wurden 100 europäische Projekte vorgelegt, so Everleny. Für die Kubaner selbst wird der Wandel aber an der Reisefreiheit zu messen sein. Ein Instrumentenbauer, dessen Tochter im Ausland lebt, klagt: "Fünf Jahre durfte sie nicht heimkommen, erst jetzt, wo sie einen Italiener geheiratet und einen italienischen Pass hat, dürfte sie wieder einreisen."

Doch vor einem Ansturm aus den USA haben die wenigsten Kubaner Angst. Einer, der das Ausland kennt und immer wieder gerne heimkehrt, ist der Musiker Rolando Salgado Palacio. "Die Kubaner haben gelernt, mit wenig zu leben", so der Epigone des Buena Vista Social Club, der sich "El Niño" nennt. "Auch in den USA leben nicht alle Menschen gut."

Für Kubas Jugend wünscht er sich, "dass sie reisen und andere Kulturen kennen lernen kann." Gelassen blickt auch Veiga von "Cuba Posible" in die Zukunft: "Wenn die Amerikaner kommen, passiert gar nichts. Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht subversiv, sondern eine Bereicherung durch gemeinsame Erfahrung."

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