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Ein Priesterleben

Ein Priesterleben, verstanden als Priesterwirken, ist schwer zu beschreiben. Denn sein Ort ist die heilige Verborgenheit. Und je eigentlicher es ist, desto verborgener ist es. Es kann ein Priesterleben randvoll von Taten und Siegen für das Reich sein, das wesentlich nicht von dieser Welt und darum auch verborgen vor dieser Welt ist, heimlichste Augenweide der Engel, offenbar erst, wenn die Schleier fallen am Tag „der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes“. (Rom. 2, 5.)

Wer überdies das Schaffen eines lebenden Priesters darzustellen, d. h. preiszugeben sich unterfängt, steht (selbst wenn er es genau kennte, was allein schon unmöglich ist) vor der Gefahr einer unentrinnbaren Antinomie: er schleift ein genuin und heute Verborgenes ans I.icht, ans profane Rampenlicht dieser Zeit — und entweiht es. Wo das geschieht, hätte man mit dem Befremden der Frommen zu rechnen, wenn ihr übernatürlicher Instinkt nicht schon abgebrüht wäre durch die Alltäglichkeit ähnlicher Profanationen, sicher aber hat er zu rechnen mit dem fast hörbaren Kichern der leichtbeschwänzten Teufelchen der Eitelkeit.

Dennoch: das V/irken der Kirche ist ein diaser Zeit zugewandtes. Sie hat ihre klar umschreibbare Geschichte. Und jeder, der in ihr wirkt, hat sie. Was also können wir nach obigen Vorbehalten diesseits des Unsagbaren sagen, wenn ein Priester, wie unser Jubilar, den unschuldigen Anlaß gibt, die Erwartung der Le.:er nicht zu enttäuschen? — „Eine Stadt, die au: dem Berge liegt, kann nicht verborgen bkiben.“ (Mt. 5, 14.) Dieses Wort des Herrn ist nicht in Sorge vor der Profanation g4-sp. jehen, es ist eine Aufforderung . an Seine Jünger, Stadt auf dem Berge, Licht über und nicht unter dem Scheffel zu sein, freilich: „Damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist.“ (Mt. 5, 16.)

Dieses Wort gibt uns den Mut, über die Werke eines Mannes zu berichten, und es fällt uns leichter, weil sie schon wie eine Stadt auf dem Berge vor unseren Augen stehen, jeder kann sie sehen und soll darum den Vater preisen, der im Himmel ist. Das gleiche wollen wir mit unserem Festbericht.

Karl Rudolf ist ein Wiener Kind. Die Unrast der Großstadt hat seine Wiege umtost und sie ist der Rhythmus seines Lebens geblieben. Was ihn, aufs erste gesehen, kennzeichnet, ist Rastlosigkeit bis zur und immer wieder zur physischen Erschöpfung; ist die fast verwirrende Vielgeleisigkeit seiner Interessen und seines Schaffens; ist die Witterung für das jeweils Notwendige, und das ist meist auch das Neue, und ist eine schonungslose Hingabe an dieses, so daß er alle Pläne, die über ihn oder ohne ihn gemacht wurden, überrennt; ja daß er die eigenen oft über neuen fallen läßt, weil das Notwendige dem Notwendigeren weichen muß. Dabei war es ihm jederzeit selbstverständlich, daß seine eigenen Interessen, selbst soweit sie ein Priester haben darf, rücksichtslos den sachlichen Notwendigkeiten geopfert werden müssen.

Sein Bischof und seine Lehrer hatten augenscheinlich ihre Pläne mit ihm. Er wäre sonst nicht schon nach einem Jahr in der Seelsorge (Kaplan in Bruck) in das Priesterseminar als Studienpräfekt geholt worden. Sein Lehrer Heinrich Swoboda bestimmte ihn zu seinem Nachfolger. Jahrelang lag ein Berg von alten Schmökern (über die Zeit vor dem Wirken des heiligen Clemens Maria Hofbauer) in einer Ecke seines Arbeitszimmers und wartete auf die Habilitationsschrift. Vergeblich. Er kam nicht dazu.

Ja, was tat er denn? Jedenfalls Dinge, die weniger nach Bücherläusen und Schweinsleder rochen. Auf dem Eucharistischen Kongreß 1912 hielt der Neugeweihte ein Referat über Studentenfürsorge; das Jahr darauf gründete er, angefeuert von Karl Sonnenschein, dessen Bild nicht ohne Grund bis heute auf seinem Schreibtisch steht, in Wien das „Sekretariat sozialer Studentenarbeit“, zuerst im Rahmen des Katholischen Volksbundes, und seine erste Zeitschrift „Der soziale Student“. Kaum hat er Zeit, seinen theologischen Doktor zu machen (1918). Er wird erster Seelsorger für die gesamte Akademikerschaft, sammelt die in Bünde aufgeteilten Hochschüler Wiens und gab ihnen das Organ „Unser Weg“ (seit 1919). Daneben sammelte' er die katholischen Mittelschüler in den Jahren, in denen alles auf dem Spiele stand (1918), im „Christlich-deutschen Studentenbund“ mit der Zeitung „Neue Jugend“. Er organisierte für diese eine über ganz Oesterreich reichende Ferienfürsorge. Als später der Bund seine Arbeit getan hatte und in seine schon vor ihm bestandenen Gruppen und die Nichtmehr-interessierten zerfiel, steht er mit an der Spitze der katholischen Jugendbewegung „Neuland“; er gibt die „Jahrbücher der Katholischen Hochschülerschaft“ heraus, hat mittelbar, aber fest, die Fäden der Hochschiilerpolitik in der Hand; ist Mitbegründer und führendes Vorstandsmitglied der „Pax Romana“ und Organisator der akademischen Studien- und Pilgerfahrten.

Von 1922 bis 1941 ist er Domkurat in St. Stephan, wenigstens mit linker Hand. Denn er blieb Studentenseelsorger. Der Radius seines Wirkens stieß weit über die Grenzen einer Pfarre und wäre sie auch die des Domes.

Im Jahre 1923 sammelte sich um die säkulare Seelsorgergestalt des damaligen Regens am Wiener Priesterseminar, Karl Handloß, eine „Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäße Seelsorge“. Damit steht er vor dem Arbeitsfeld, das sein eigentliches geblieben ist bis zum heutigen Tag. Schon 1924 leitet er die erste der berühmten „Wiener Seelsorgertagungen“, die dann von 1931 bis zur Gegenwart und nur unterbrochen durch die Jahre 1938 bis 1945 alljährlich nach Weihnachten mit rund 400 Priestern aus allen Diözesen Oesterreichs und> darüber hinaus gehalten wurden. Von allen liegen mit seinem Vorwort die wertvollen Tagungsberichte vor. In der „Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäße Seelsorge“ wurde beschlossen,, eine, neue Zeitschrift „Der Seelsorger“ herauszugeben:- Dr. Rudolf wurde zum Schriftleiter bestellt und ist es geblieben bis zur Stunde. 1931 gründet er im Namen sei-

nes Bischofs das „Wiener Seelsorgeinstitut“, das in Geist und Organisation Vorbild für ähnliche Gründungen in den meisten Diözesen Mitteleuropas wurde. Für die Zeitschriften, Kleinschriften und Tagungsberichte gründet er den ,,Seelsorgerverlag“ zuerst im Rahmen der Tyrolia, nach 1939 als Abteilung von Herder-Wien.

Damit die reichen Erfahrungen und pädagogischen Impulse der katholischen Jugendbewegung sich nicht zersplittern oder verpuffen und im Anblick des Versuches einer Gruppe von Neuländerinnen, die mit dem Einsatz'ihres Lebens und ihres Vermögens und unter Hintansetzung aller persönlichen Vorteile einer beamteten Lehrertätigkeit, in einer windigen Kriegsbaracke arme Kinder vom Kindergarten über die Volksschule in das Reifealter zu führen und zu bilden entschlossen waren, gründete Dr. Rudolf das „Hilfswerk für Schulsiedlungen“ und ließ diesen jungen Idealisten vom besten Baumeister ein Schulhaus bauen. Sie betreuen (mit der Unterbrechung der nationalsozialistischen Zeit) heute drei Schulsiedlungen mit fast 1000 Schülern.

Es soll nicht vergessen werden, daß er 1936 Mitbegründer der „Katholischen Akademie“ im Schottenstift ist, die heute noch das nach seinen Weisungen entworfene Symbol führt. Von 1936 bis 1939 erschien unter seiner und Otto Mauers Führung die Zeitschrift „Theologie der Zeit“. 1930 bis 1933 erschien die homiletische Zeitschrift „Predigt der Zeit“, 193 5 bis 1939 „Der Sakristan“, 1933 bis 1937 „Der Laie in der Kirche“ (später „In heiliger Sendung“). Der inzwischen entschlafene Wiener „Arbeitskreis für die katholische Universität in Salzburg“ und seine Initiation durch den repräsentativen Empfang der Bischöfe Oesterreichs 1937 hatte ihn zum Organisator. 1938 wurde von ihm unter der Not jener Stunde das „Wiener Seelsorgeamt“ geschaffen, das ebenfalls weit über die Grenzen Oesterreichs hinweg Nachahmung fand. Während der nationalsozialistischen Diktatur fand er immer Wege zu Vorträgen und Kursen im Seelsorgeamt und in Kirchen. In dieser Zeit wurde eine vier Semester dauernde theologische Ausbildung von Laien gegründet, „Das Laienjahr“ (und für Nichtakademiker eine, genannt „Glaubensschule“), durch die etwa tausend Laien gegangen sind. In dieser Zeit gründete er auch zur Ausbildung der hauptamtlichen Seelsorgehelferinnen das „Seminar für kirchliche Frauenberufe“.

Lim Einfluß auf die Gestaltung und Verbreitung guter Filme zu gewinnen, schuf er 1947 die „Katholische Filmkommission“ und ein Jahr darnach die „Katholische Filmgilde“. 1949 wurde die erste Internationale Festwoche des religiösen Films gefeiert, die nun jedes zweite Jahr stattfindet. Seit 195 3 ist er Leiter der Hauptarbeitsstelle der „Pax-Christi“-Bewegung.

Seine Predigten, Vorträge, Bibelreden, Rundfunkansprachen und sein personales Seelsorgerwirken sollen nicht unerwähnt bleiben.

Es ist seine Art, zu arbeiten bis zum physischen Zusammenbruch. Schon als Gymnasiast mußte er, erinnere ich mich, einmal aussetzen. In den Jahren 1945 bis 1947 und wieder 1954 mußten wir um ihn “bangen. Aber die vielen, die für ihn beteten, wurden erhört.

Zu eigenen kleinen Werken kam der Rastlose nur wenig. Das größte ist sein Bericht über die Seelsorge zwischen 1938 und 1945, „Aufbau im Widerstand“. Verdienstvoll sind seine Ueber-setzungen französischer Aszeten (Courtois vor ajlem) über Priesterbildung. Michonneaus „Der Pfarrer“ steht vor seinem Erscheinen.'

„Wer da bauet in den Gassen, muß die Leute reden lassen“, sagt das Sprichwort. Erst einer, der an allen Gassen baut. So ein rasanter Roboter Gottes ist, versteht sich, für viele, oft sogar für seine nächsten Freunde, ein unbehaglicher Zeitgenosse. Es ist schwer. Schritt zu halten mit ihm. Er ist ein Gründer und Antreiber. Die Durchführung mußte er oft seinen Mitarbeitern überlassen. Wer die Ueberfülle seiner Anregungen auch nur in dem hier aufgezeigten Auszug kennt, wird das verstehen. Es kann ja nicht anders sein. Neues ist immer bei einem — durchaus notwendigen — Typus verdächtig. Neues ist immer Risiko und Wagnis. Dr. Rudolf hat wie der heilige Klemens Maria Hofbauer zeitlebens seiner „katholischen Nase“ vertraut und gewagt. Es gibt, sachlich gesehen, für den irdischen Gang des Reiches Gottes keine fatalere Gefahr, als die Stunde nicht zu erkennen. Es muß gewagt werden, soll das Reich Gottes wachsen. Nichts ist leichter, als den Wagenden vorprellen zu lassen, zu mißdeuten; nichts schlimmer, als ihn anzuklagen als Unruhestifter und Wirbelmacher. An den Früchten erst wird man erkennen, wer recht hatte. „In jener Zeit“ heißt es immer wieder vom Meister. „In jener Zeit“ und keiner anderen liegt die jeweilige Anforderung zur Arbeit im Reich Gottes. Es gibt solche, die aus Vorsicht nichts tun und aus Vorsicht nichts schreiben. Denn beides ist riskant und unterliegt der gefährlichen Kritik. Die Antreiber brauchen die Bedenker, manchmal auch die Warner. Auch sie haben ihre Funktion. Wenn sie sich aber auf sie bescheiden, ist das der Bescheidenheit zuviel.

Auf die im „Seelsorger“ (XVI. 12) veröffentlichte Festrede über Professor Heinrich Swoboda, gehalten als am 29. Juni 1956 sein Denkmal in den Arkaden der Wiener Universität enthüllt wurde, erhielt ich von einem Bischof ein Schreiben: Swoboda sei „ein Mann der Vorsehung“ gewesen, aber er mußte scheitern, weil er seiner Zeit um ein Menschenalter voraus war. — Ich glaube gar nicht, daß Heinrich Swobodas Ideen sachlich gescheitert sind. Gerade seine Nachwirkung hat die Fakultät veranlaßt, das Ehrenmal für ihn zu beantragen.

Sein Lieblingsschüler Karl Rudolf kann nur vom Standort sachlicher Arbeit beurteilt werden. Er wurde nie dadurch irre, weil e r voraus war, schon weil er nicht voraus sein wollte. Er wollte nur eines: gläubig und fromm der Notwendigkeit dienen, in der die jezeitige Anforderung Gottes spricht. Eine Not ist zu wenden. Das ist alles.

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