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Ein Wort von rechts

Sehr geehrter Herr Dozent!

Es ist schon einige Wochen her, seit ich in der „Furche“ Ihren „Brief an einen nationalen Freund“ gelesen habe. Obwohl Ihr Brief, sofern er nicht überhaupt lediglich fiktiven Charakter trägt, sicher nicht mich betrifft, hat mich dieser doch sehr bewegt und vieles Erörternswerte in mir aufklingen lassen.

Sie haben da ein politisch-weltanschauliches Lebensbild unserer Generation aufgezeigt, das ich in manchem Punkt gerne bestätigen möchte. In anderen Hinsichten ist Ihre Optik anders als die meine. Oder soll ich gleich „Ihre — unsre“ sagen? Denn Sie meinen doch sicher mehr als den einzelnen ins Auge gefaßten nationalen Freund, wie auch ich glaube, wenn auch im Verhältnis des Privatmannes zum weltanschaulichpolitischen Denker von Format, für gleich-gesinnte Freunde zu antworten.

Worin wir am meisten übereinstimmen, das ist die Bewertung der Mitte: ich meine die Zeit unmittelbar nach dem Kriege. Da gab es noch eine weitaufgetane „Furche“, ein echtes, frucht-bares und durchaus nicht furchtbares Gespräch der Feinde. Ja, ich kenne sie, diese Zeit nach der Gefangenschaft, und denke ihrer in Dankbarkeit wegen ihrer menschlichen Erlebnisse!

Die Gegner von einst hätten nicht wieder zu Widersachern werden müssen. Leider ist es nicht verhindert worden, wenn der Grad der Gegnerschaft heute Gott sei Dank auch ein anderer ist. Es ist auch heute noch nicht zu spät, doch es ist schwerer, als es kurz nach 1945 an offenen Gräben und Gräbern war, versöhnlich zu sein und beisammen zu bleiben.

Worin ich mich mit Ihnen einig glaube und was ich für sehr viele, die mir näher stehen als Ihnen, in Anspruch nehmen möchte, ist einerseits unsere nichtmarxistische Grundeinstellung, auf der anderen Seite unser auch in den Jahren nach dem März 1938 nicht erschütterter Katholizismus, der kein Votivtafel- und Kerzerlkatholizismus ist, sondern ein Ringen um kirchlichreligiöse Lebensformen, wie sie die „Furche“ meist in sehr edler Weise vertritt.

Manche junge Menschen, ich denke da an meinen Maturajahrgang 1935, gehörten nicht zu uns Nationalen, obwohl ihn Väter dazugehört haben, weil sie rassisch dazu bestimmt wurden, mit offenen Augen die Zukunft realistisch zu erfassen, wo uns unser Idealismus die Augen getrübt hat. Bei Ihnen und manchen anderen waren es politisch-weltanschauliche Gründe, die wir zu achten haben und um so mehr schon damals bestaunt haben, weil Sie arithmetisch eine Minderheit darstellten. Da Sie nicht nur politischer, sondern auch historischer Denker sind, werden Sie da vermutlich Zugeständnisse machen.

Um so mehr lockt es mich, obwohl ich Details in dieser Aussprache nicht suche, Ihnen in zwei Punkten zu widersprechen, die auf die Zeit um 193% Bezug haben:

Im zweiten Absatz Ihres Briefes verwenden Sie das Wort „Verrat“, das in meinen Augen eine moralische Klassifizierung bedeutet. Sicher würden Sie die Taten des 20. Juli 1944 nicht als „Verrat“ buchen, weil hier andere Kräfte im Spiel sind. (Obwohl ich vor und nach dem 20. Juli 1944 als Infanterieoffizier meine eidlich beschworene Pflicht getan habe bis zum bitteren Ende in Kurland, möchte ich in Parejofce einfließen lassen, daß ich ein Gelingen des 20. Juli als Kriegsbeendigung durchaus gewünscht hätte.) Zurückkehrend zu Ihrem Verratvorwurf möchte ich aber sagen, daß ich diese Qualifizierung des Beamteneidbruches der Generation unserer Väter nicht so abstempeln möchte. Eine kurze Begründung: Die ganze Zeit nach 1918 (Politiker, Eltern, Lehrer, und dadurch auch die Jungen) dachten wir in großdeutschen Kategorien und hielten unser Land nicht für lebensfähig. Die sonst zum Teil sehr ehrenwerten Männer der vaterländischen Ära haben selbst (wenn auch bonafide, weil sie mehr vom Dritten Reich wußten als wir) den von ihnen auf die Verfassung geleisteten Eid nicht gehalten und eine eigene Verfassung dem niemals befragten Volke aufoktroyiert und dadurch in tragischer Weise das berüchtigte „Schwör' ma halt a bisserl!“ provoziert. Es ist für viele, die heute Widerständler sein wollen, mit dieser Devise nach 1938 lustig weitergegangen. Da Österreich seit 1930 nicht mehr gewählt hat, besitzt die vaterländische Zeit unserer Geschichte, wenigstens in meinen Augen, höchstens eine moralische, niemals aber eine demokratische Legitimation. Und darum, glaube ich, ist Ihr Verratvorwurf nicht zutreffend.

Zum zweiten Einwand: Natürlich erinnere auch ich mich an Ihren, von Ihnen in anderer Hinsicht ironisierten Sieg zwischen Aula und

Liebeubergdenkmal, dem ich ganz zufällig beigewohnt habe. Doch auch dies nur nebenbei!

Ich schäme mich als Nationaler für vieles, was die Folgezeit gebracht hat (Bürckel-lnnitzer-Sache, Kristallnacht), aber trotzdem lehne ich jene geschichtliche „Wahrheit“ ab, die uns weismachen will, daß die improvisierte Schusch-nigg-Abstimmung unter freien Verhältnissen ein Nein zum Anschluß gebracht hätte.

Sehr geehrter Herr Dozent! Als ich zu Weihnachten 1947 aus der Sowjetunion zurückkam und ich, obwohl ich schon aus Gründen des Studienabschlusses und Wehrdienstes niemals eine politische Uniform getragen hatte, meinen erlernten akademischen Beruf nicht ausüben konnte, da hatte ich einige Monate viel Zeit. So bitter sie deshalb war: ich nützte sie unter anderem dazu, die für mich aufgehobenen Jahrgänge der „Furche“ gründlich durchzulesen. Ich war begeistert von ihrer versöhnlichen, weit- und volksoffenen Haltung. Freilich, die Praxis draußen im öffentlichen Leben war ganz anders. Die Tür zu meinem, zu unseren Herzen, die „Die Furche“ aufgetan hat, wurde in den Ämtern immer wieder zugeschlagen. Auch da gab es die zweierlei Sprachen, auf die Ihr Offener Brief anspielt, zur Genüge. Billige, schöne Worte waren noch das Beste davon!

Man muß hier der „Furche“ der Folgejahrgänge freilich das Zeugnis ausstellen, daß sie hinfort nur eine Sprache in diesem Belang geführt hat: Sie hat nichts getan, die ihr nahestehenden „Ehemaligen“ dort zu halten, wo sie 1945 bis 1948 standen: in Sympathie mit allen Anliegen der „Furche“.

Sehr geehrter Herr Dozent! So wie Sie die Ereignisse vor der Universität 1938 anders sehen, als ich sie in Erinnerung habe, so ist es wohl auch mit der Schiller-Feier 1959, die Sie so wie ich nur am Rande erlebt haben. Zugegeben, daß mir persönlich eine solche Feier im Saale lieber gewesen wäre als im Freien, so muß ich doch sagen: Die Gespenster, die Sie dort gesehen haben, sind mir nicht begegnet. Auch mir haben die wenigen uniformierten Jugendlichen, um die es angeblich gegangen ist, nicht gefallen, aber im ganzen besehen, wurde hier ein Versammlungsrecht mit genau jenem Terror niedergejohlt und auch niedergetreten, den Ihr „Nie wieder Wollersdorf“ zu verscheint.

Sehen wir alle miteinander keine Gespenster!

Kein „Schwarzer“ braucht mehr eine Bewaffnung des Schutzbundes und kein „Roter“ einen 12. Februar 1934 zu befürchten. Es gibt auch keine „braune Gefahr“ mehr. Ein Neonazismus könnte nur aus gröblichem Versagen der beiden Regierungsparteien und großer Arbeitslosigkeit und aus Terror erwachsen. Der Nationalsozialismus ist in Österreich tot wie anderswo. Der Ausgang eines Weltkrieges und das Bekanntwerden vieler Ungeheuerlichkeiten hat ihn auch in den Augen derer gerichtet, die ihn einst emporgetragen haben. Niemand hegt An$chluß-gedanken. Es wird auch kaum jemand Einwand erheben, wenn politische Uniformen und Embleme verboten bleiben, die in diese Richtung schlagen. Niemand kann mehr an der Abwehr radikaler Unbelehrbarer interessiert sein als wir Ehemaligen, die ihre „Weste“ allezeit rein bewahrt haben. Wir wünschen freilich auch den Schluß aller Diskriminierungen, die uns nur deshalb treffen, weil wir zur deutschen Sprach-und Kulturnation stehen und nicht zu den spärlichen Fahnen der problematischen österreichischen Nation übergehen wollen.

Uns genügt das Wort des österreichischen Bundeskanzlers, der eine Diskussion der österreichischen Nation für überflüssig hält. Vielleicht hat auch „Die Furche“, die bisher kein direktes und redaktionelles Bekenntnis zu ihr abgelegt hat, den Mut, sich von ihr zu distanzieren. Von den Federn Dr. Skalniks und DDr. Lorenz' wird dies wohl kaum zu erwarten sein.

Herr Dozent! Verlange niemand eine politische oder weltanschauliche Witwenverbrennung! Strecken Sie und Ihre Freunde Ihre Hände nicht nur nach links aus! Reformation der Haltungen tut nötiger denn je! Nicht nur in den Reihen der „Ehemaligen“, nicht nur in der ÖVP! Auch in der „Furche“, an der Sie mit so vielen und vielseitigen Beiträgen mitarbeiten.

Merken Sie nicht auch, wie volksfremd manche Glossen, Artikel und Leserbrief-Redaktionen in der „Furche“ sind? Glauben Sie etwa, daß die Stellungnahme zu den verschiedenen Soldaten-trefftn und in der Ordensfrage von der ganzen Bevölkerung.Wiens unfader Alpenländergetragen wird? Mit Trödelladenbildern wie „Lebendige Vergangenheit?11 in der „Furche“ vom 20. Februar 1960 werden Sie weder echte Schatten beschwören noch irgendwelche Hunde unter dem Ofen hervorlocken. Sie erfassen das nationale Lager an Auswüchsen, die auch die meisten von uns beklagen, aber nicht am Wesen.

Sehr geehrter Herr Dozent! Sie haben eine edle Stimme in Österreich. Gebrauchen Sie sie doch einmal gegen die „österreichische Nation“ und gegen die „Tradition“. Bleiben Sie abwehrbereit für den Katholizismus in Österreich, aber kämpfen Sie nicht mit dem Scnwert gegen Schmeißfliegen. Erheben Sie es vor allem nicht in eine Richtung, aus der gar kein Feind droht.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihr Brief vom 13. März, wohl sehr bewußt an den Schicksalstag Österreichs von 1938 erinnernd, kommt aus inneren und äußeren Gründen erst in der Oster-Nummer der „Furche“ zu Wort und Antwort. Ich hoffe, daß Sie und die ansehnlichen Kreise und Gruppen von Nationalen, für die Sie repräsentativ sprechen, ob dieser Verzögerung nicht böse sind. Im Licht des Ostertages soll diese Antwort stehen; wenn in ihr manches Gegenwort vorgebracht wird, dann bitte ich Sie, dies im Sinne gemeinsamer österreichischer Selbstverpflichtung anzunehmen: wir alle in Österreich bedürfen ständig nicht nur politischer Selbstkritik, sondern innere Um-sinnung und Besinnung. Grotesk wäre es, etwa nur von Nationalsozialisten und Nationalen eine Umsinnung zu verlangen, selbst jedoch auf dem harten und düsteren Faulbett eigener Einbildungen und Ressentiments zu verharren.

Im Zeichen österlicher Besinnung möchte ich deshalb nicht auf Ihre beiden ersten „Einwände“ eingehen, auf die Fragen um den Verrat vor und um 1938, und um den letzten Streit damals, an der Wiener Universität: dies letztere ist eine Episode, das erstere ist ein Faktum, das heute dem Gewissen jedes einzelnen, der damals so oder so gehandelt hat, überantwortet werden mag. Sie rühren in Ihrem Brief an andere Fragen, die für unsere Existenz heute und unsere Zukunft morgen schwerwiegend ins Gewicht fallen können, zumal wenn man sie nicht sieht oder übersieht. Mit ihnen möchte ich mich hier befassen.

Die neue Plattform ist durch den Kriegsausgang für uns alle geschaffen worden. Sie wäre groß genug für uns alle. Wir sind uns heute einig, Österreicher zu sein und zu bleiben. Auch das nationale Lager hat in seinen wertvollsten Beständen harte Schläge von den Kräften einstecken müssen, die seinerzeit den „Anschluß“ vollzogen haben. Unsere Verbundenheit mit der deutschen Nation und ihrem Leid, das das bundesdeutsche Wirtschaftswunder nur locker zudeckt, brauchen wir damit nicht aufzugeben. Es möge das Schicksal unserer Kinder sein, über die Gärungsprozesse im mittleren Österreich den Kopf schütteln zu können.

Sobald man in gewissen Verbänden Ihres Lagers aufhört, die von Ihnen zitierten verschiedenen Sprachen zu sprechen, wird es auch im nationalen Lager unterbleiben. Oder meinen Sie, daß es keine Unterschiede in der Sprechweise etwa eines CV-Konvents und einer ÖVP-Wahlversammlung gäbe, in der die gleichen Männer leben und sprechen?

Wir alle miteinander könnten ein gutes Österreich-Orchester werden. Aber wir Nationalen lassen uns nicht gerne auf Trommeln und Schlagwerk beschränken in der Wertung der anderen. Wir alle wollen, um in Ihrem anderen Bilde zu bleiben, Herr Dozent, nur auf einem Klavier spielen. Aber Sie werden zugeben, daß man darauf Verschiedenes spielen kann, und nicht nur die Noten der von Ihren Freunden vertretenen Richtung. Als Librettos darf man sich weder hüben noch drüben anrüchige Texte verschaffen. Also etwa Schiller-Feiern mit „Nazischwein“-Rufen beantworten, wie es auch Mitglieder des Bundesjugendringes getan haben. Wenn wir anständig und demokratisch aneinander handeln, wird schließlich das „Gott mit dir, mein Österreich“, das mit Kernstock kürzlich Zuckmayer gebraucht hat, den Consensus om-nium finden.

Mit besten Grüßen Ihr

Dr. Robert Hampel

„Sehen wir alle miteinander keine Gespenster!“ Mit diesem Satz leiten Sie den wohl bedeutsamsten Teil Ihres Briefes ein: es gibt da, Ihrer Ansicht nach, keine schwarze, rote oder braune Gefahr mehr; „der Nationalsozialismus ist in Österreich tot wie anderswo“.

Auch ich möchte das hoffen. Wenn Sie aber nur einen Blick in einige Parteisekretariate, nicht

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