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Einst Jäger, heute ein Konsument

1945 1960 1980 2000 2020

Millionen Jahre wurde der Mensch durch seine Umwelt geprägt. Der Umstieg zur modernen Konsumgesellschaft bleibt nicht ohne Folgen.

1945 1960 1980 2000 2020

Millionen Jahre wurde der Mensch durch seine Umwelt geprägt. Der Umstieg zur modernen Konsumgesellschaft bleibt nicht ohne Folgen.

Wir essen einfach zu viel und zu üppig und mit der Bewegung haperts auch meist. Dazu noch hin und wieder ein Gläschen Alkohol „über den Durst getrunken” - die gravierendsten Ernährungsfehler unserer Zeit liegen damit auf dem Tisch.

Die Folge dieser „Hauptsünden” ist eine Vielzahl von Krankheiten, die nur in unserer hochtechnisierten Zivilisations- und Überflußgesellschaft anzutreffen sind: Übergewicht, Eßstörungen, Rluthochdruck, Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Hirnschlag, Zuckerkrankheit, Arthrosen, rheumatische Erkrankungen, Venenleiden, Asthma, Neurodermitis, viele Lebererkrankungen, chronische Infektionen, Abwehrschwächen, chronische Darmentzündung und zahlreiche Arten von Krebs.

Der Schluß liegt nahe: Diese Krankheiten stehen in Zusammenhang mit unserem Leben im Überfluß. Sie glauben das nicht? Die Ent-wicklungs- und Konstruktionsgeschichte der menschlichen „Maschine” legt aber den Schluß nahe.

Über Millionen von Jahren wurde in einem Prozeß von kleinen und kleinsten Schritten der Mensch immer weiter verbessert. An seinen Eigenschaften und Fähigkeiten wurde gefeilt, bis er optimal an die Anforderungen der Umwelt angepaßt war. Das Programm funktionierte bis in unser Jahrhundert.

Die Entwicklung der Technik und der Zivilisation kam - verglichen mit der Geschwindigkeit der evolutionären Anpassungsprozesse - im rasenden Tempo. Der Mensch ist damit in einer merkwürdigen Lage: Sein Körper ist einem Leben in der Zivilisation „noch” nicht optimal angepaßt. Er ist derselbe wie vor vielen tausend Jahren - entwickelt für eine gänzlich andere Art des Lebens und der Ernährung.

Thomas Weiss, Facharzt für Naturheilverfahren und Psychotherapie und Autor des Buches „Krank im Schlaraffenland” sieht in diesem Widerspruch die Erklärung für die Zivilisationserkrankheiten unserer Zeit.

Vor zweieinhalb Millionen Jahren erscheint der erste „richtige” Mensch (homo habilis). Er ernährte sich vorwiegend vegetarisch. Wurzeln, Beeren, Nüsse, Gräser, Rinden, Blattschößlinge und Früchte standen auf seinem Speisezettel. Für die Jagd war er nur schlecht gerüstet.

750.000 Jahre später betritt der homo erectus die Bühne. Er ist uns heutigen Menschen schon sehr ähnlich. Mit ihm beginnt das Zeitalter der Sammler und Jäger. Die Menschen damals ernährten sich von Insekten, Würmer, Schnecken, Ratten, Mäuse und Schlangen. Als Pflanzen-nahrung wird alles was irgendwie genießbar ist genützt: Gräser, Wurzeln, Pflanzensprossen, junge Blätter, frische Triebe, Knollen, Früchte.

Vor nunmehr 250.000 Jahren erscheint der erste Neandertaler. Und jetzt ist der Unterschied zum modernen Menschen schon sehr gering. Auch er ist noch Jäger und Sammler, doch schon auf einem ganz anderen technologischen Niveau. Gute Jagdtechnik und geordnete Sozialstruktur ermöglichen ihm bereits das Erlegen von gefährlichen und großen Tieren bis hin zum Mammut.

Eine weitere, alles überschattende technische Großtat der Neandertaler, die auch die Ernährung revolutionierte, gelang dann vor rund 50.000 Jahren mit der Zähmung des Feuers. Das Braten der Nahrung auf offenem Feuer wird nun zur gängigen Art der Zubereitung. Das Fleisch war aber noch außergewöhnlich zäh und sehnig. Das scheint auch nicht so ganz nach dem Geschmack unserer Vorfahren gewesen zu sein, denn auch in Zeiten des Fleischüberschusses, wurde weiterhin weiche, pflanzliche Nahrung von ihnen bevorzugt. Sie war einfach leichter zu kauen.

Und nun ein Vergleich der urzeitliche Diät mit der heutigen: Die damaligen Bewohner der Erde aßen nur halb soviel Fett, fast zehnmal soviel Fasern, nur ein Zehntel des Kochsalzes, fünfmal soviel Vitamin C und dreimal soviel hochungesättigte Fettsäuren.

Die eigentliche Revolution in der Lebensweise begann dann vor etwa 10.000 Jahren mit der Umstellung von der Jäger- und Sammlerperiode auf den Äckerbau. Getreide wird nummehr die wichtigste Nahrungspflanze. Trotzdem besteht die Nahrung für einen Großeil der Bevölkerung weiterhin aus vorwiegend grober, vegetarischer Kost mit hohem Faseranteil, ähnlich der Kost aus der Jäger- und Sammlerperiode der Menschheit.

Auf unserer Reise durch die Menschheitsgeschichte trennen uns noch 5000 Jahre von der Gegenwart. Die körperliche Entwicklung des Menschen, namentlich die seines Verdauungssystems ist jetzt vollständig abgeschlossen, geprägt von der Anpassung an eine sehr abwechslungsreiche, vorwiegend vegetarische Kost was sich in vielen Organen nachweisen läßt.

Zweieinhalb Millionen Jahre sind nunmehr vergangen, als der erste „richtige” Mensch die Erde betreten hat. Im Laufe dieser Zeit hat sich der menschliche Organismus an die Nahrung angepaßt, die er in der Natur vorgefunden hat. Bereits beim Übergang zum Ackerbau ist die Entwicklung abgeschlossen.

Die Menschen damals und heute sind im wesentlichen biologisch identisch. Die Form der menschlichen Verdauungsorgane wird demgemäß von der langen Sammler-und Jägerzeit bestimmt. Sie ist eine optimale Anpassung an die damals vorherrschenden durchschnittlichen Bedingungen.

Heute - zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit - gibt es für die Masse der Bevölkerung mehr zu essen als je zuvor. Zum ersten Mal gibt es Auswahl, sogar Überfluß für alle - zumindest im reichen Teil der Welt. Und man läßt sich nichts entgehen.

Immer mehr wird pflanzliche Nahrung durch tierische ersetzt während der Anteil der groben, faserreichen Nahrung zurückgeht. Der Fettanteil an der Nahrung steigt kontinuierlich, ebenso der Zuckerkonsum. Alkohol nimmt einen immer größeren Anteil der täglichen Energiezufuhr ein. Vorgefertigte Nahrung ersetzt immer öfter Naturprodukte.

Mit diesen Eßgewohnheiten der zivilisierten Welt muß nun der menschliche Körper fertigwerden, entgegen seinem, in Jahrmillionen der Entwicklung der Menschheit, angelegten genetischen Programm. Wen wundert es da noch, daß wir Probleme mit unserem Leben in Überfluß haben ?

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