Kensington - © Foto: iStock / Alexander Spatari

"England, wie es im Buche steht:" „Mrs Palfrey im Claremont“

1945 1960 1980 2000 2020

„England, wie es im Buche steht“ – Elizabeth Taylors lakonisch-ironischer Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.

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„England, wie es im Buche steht“ – Elizabeth Taylors lakonisch-ironischer Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Es könnte trostlos sein, über alte Leute zu lesen, die ihren Lebensabend in einem mittelmäßigen Londoner Hotel zubringen und sich mit Klatsch, Intrigen und TV-Abenden die Zeit vertreiben. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Dank der feinsinnigen Erzählkunst der herausragenden englischen Autorin Elizabeth Taylor (1912-1975) verschafft ihr Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ dem Leser die höchst unterhaltsame Bekanntschaft mit einem Milieu, zu dem man üblicherweise nicht nur literarisch wenig Zutritt hat. Es ist das Milieu mittelständischer englischer Hotels, in denen sich gut situierte ältere Herrschaften eingemietet haben, um nicht gleich in ein Altersheim abgeschoben zu werden. Im vornehmen Londoner Stadtteil South Kensington steht dieses etwas heruntergekommene „Claremont“-Hotel, in das die jüngst verwitwete Mrs Palfrey eingezogen ist, um noch etwas vom Glanz der Metropole eines einstigen Weltreichs zu erhaschen.

Schrullige Gästeschar

Im Claremont sind die Gäste, mit Ausnahme des etwas bärbeißig auftretenden Mr Osmond, lauter Witwen. Freilich hat keine eine so weltläufige Contenance aufzuweisen wie Laura Palfrey, die als Angetraute eines höheren Kolonialbeamten lang in Fernost gelebt hat. Nun, in London, hofft die resolute Frau von Stand auf Besuche ihres Enkels Desmond, der im Archiv des British Museums arbeitet und an seiner Großmutter ebenso wenig Interesse zeigt wie seine in Schottland lebende Mutter. Im Kreis der alten Damen in dem geriatrischen Gästehaus werden bald sämtliche Augenbrauen gehoben aus Missmut über das Ausbleiben von Besuchern für Mrs Palfrey. Unvorsichtigerweise hat sie von ihrem Enkel geschwärmt, der nun fernbleibt.

Doch der Zufall spielt der resoluten Witwe einen Lückenbüßer in Gestalt des jungen Schriftstellers Ludo Myers in die Hände: Er fängt sie auf, als sie auf der Straße stolpert, und die beiden freunden sich an. Listig schlägt Mrs Palfrey ihm vor, an Stelle des ausbleibenden Enkels seine Aufwartung im Hotel zu machen. Ludo stimmt gern zu, eröffnet sich für ihn damit doch die Chance, einen Stoff für seinen geplanten Roman zu entdecken. Als im Verlauf der Begebenheiten dann doch der echte Enkel auftaucht, nimmt die Verwechslungskomödie ihren vergnüglichen Lauf.

Es könnte trostlos sein, über alte Leute zu lesen, die ihren Lebensabend in einem mittelmäßigen Londoner Hotel zubringen und sich mit Klatsch, Intrigen und TV-Abenden die Zeit vertreiben. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Dank der feinsinnigen Erzählkunst der herausragenden englischen Autorin Elizabeth Taylor (1912-1975) verschafft ihr Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ dem Leser die höchst unterhaltsame Bekanntschaft mit einem Milieu, zu dem man üblicherweise nicht nur literarisch wenig Zutritt hat. Es ist das Milieu mittelständischer englischer Hotels, in denen sich gut situierte ältere Herrschaften eingemietet haben, um nicht gleich in ein Altersheim abgeschoben zu werden. Im vornehmen Londoner Stadtteil South Kensington steht dieses etwas heruntergekommene „Claremont“-Hotel, in das die jüngst verwitwete Mrs Palfrey eingezogen ist, um noch etwas vom Glanz der Metropole eines einstigen Weltreichs zu erhaschen.

Schrullige Gästeschar

Im Claremont sind die Gäste, mit Ausnahme des etwas bärbeißig auftretenden Mr Osmond, lauter Witwen. Freilich hat keine eine so weltläufige Contenance aufzuweisen wie Laura Palfrey, die als Angetraute eines höheren Kolonialbeamten lang in Fernost gelebt hat. Nun, in London, hofft die resolute Frau von Stand auf Besuche ihres Enkels Desmond, der im Archiv des British Museums arbeitet und an seiner Großmutter ebenso wenig Interesse zeigt wie seine in Schottland lebende Mutter. Im Kreis der alten Damen in dem geriatrischen Gästehaus werden bald sämtliche Augenbrauen gehoben aus Missmut über das Ausbleiben von Besuchern für Mrs Palfrey. Unvorsichtigerweise hat sie von ihrem Enkel geschwärmt, der nun fernbleibt.

Doch der Zufall spielt der resoluten Witwe einen Lückenbüßer in Gestalt des jungen Schriftstellers Ludo Myers in die Hände: Er fängt sie auf, als sie auf der Straße stolpert, und die beiden freunden sich an. Listig schlägt Mrs Palfrey ihm vor, an Stelle des ausbleibenden Enkels seine Aufwartung im Hotel zu machen. Ludo stimmt gern zu, eröffnet sich für ihn damit doch die Chance, einen Stoff für seinen geplanten Roman zu entdecken. Als im Verlauf der Begebenheiten dann doch der echte Enkel auftaucht, nimmt die Verwechslungskomödie ihren vergnüglichen Lauf.

Der Roman weist jene Vorzüge englischer Stilkunst auf, die klarsichtigen Realismus und sprachliches Understatement miteinander zu verbinden weiß.

Elizabeth Taylor erzählt herzerwärmend nüchtern. Schnörkellos lakonisch hebt sie die Eigenarten und Schrullen der überschaubar gehaltenen Gästeschar hervor. Da ist Mrs Arbutnoth, die gern Patiencen legt und, wie es heißt, „ein durch Bosheit geschärftes Gehör“ aufweist.

Da sind die betuliche Mrs Burton, die fortwährend ihre Schminke wie auch ihren Alkoholkonsum vermehrt, und Mrs de Salis, die ihren Adelsstolz wie eine Monstranz vor sich herträgt. Und da ist nicht zuletzt die aus den Cotswolds hereingeschneite Lady Swayne, die in ihrem langen Brokatkleid nur vorübergehend im Claremont Quartier nimmt, um in London nacheinander Zahnarzt, Anwalt und Fusspfleger zu konsultieren und dann in ihrem Nerzmantel wieder in die Provinz zu verschwinden. Vollends schrullig erscheint Mr Osmond als Hahn im Korb. Unaufhörlich schreibt er Leserbriefe an Zeitungen, um sich über Unzukömmlichkeiten zu beschweren. Und als er einmal Mrs Palfrey zum Ball seiner Freimaurerloge ausführt, überrascht er sie eher deplatziert mit einem Heiratsantrag, der nicht nur der Form halber nicht angenommen werden kann.

„Das ist England, wie es im Buche steht“, heißt es einmal im Roman. Seit längerem unternimmt es der Dörlemann Verlag in Zürich, das Erzählwerk der 1975 gestorbenen Engländerin Elizabeth Taylor dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen. Drei Titel sind bereits erschienen. Auch ihr elfter (und vorletzter) Roman mit dem wenig schlagkräftigen Titel „Mrs Palfrey im Claremont“ weist, wie bei der Autorin gewohnt, jene bekömmlichen Vorzüge englischer Stilkunst auf, die, stets auf Distanz bedacht, klarsichtigen Realismus und sprachliches Understatement miteinander zu verbinden weiß. Die Mittel dazu sind lakonische Zuspitzung, eigenwüchsige Ironie und zuweilen ein kaum gezügelter Hang zum Sarkasmus.

In ihrer Bekanntheit stand die Autorin stets im weltweiten Schatten der gleichnamigen Hollywood-Diva. Gleichwohl war ihr bereits vor einem halben Jahrhundert erschienener vorletzter Roman damals in England ein Bestseller. Er wurde für den Booker Prize nominiert und (mit Joan Plowright in der Titelrolle) auch erfolgreich verfilmt. In Bettina Abarbanells eleganter Übersetzung wirkt die deutsche Erstausgabe köstlich frisch. Klassisch eben.

Mrs Palfrey im Claremont Roman von Elizabeth Taylor - © Dörlemann
© Dörlemann
Literatur

Mrs Palfrey im Claremont Roman von Elizabeth Taylor

Mrs Palfrey im Claremont

Roman von Elizabeth Taylor

Aus dem Engl. von Bettina Abarbanell

Mit einem Nachwort von Rainer Moritz

Dörlemann 2021. 256 S., geb., € 25,90

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